Redelings Nachspielzeit

Niederlande-Drama im Jahr 1979 Ein fieser Schlag zerstörte den DDR-Traum

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Zur EM durfte die DDR nicht fahren.

40 Minuten lang durften die Fans der DDR-Nationalmannschaft von einem Fußballwunder gegen die Niederlande träumen. Bereits mit 2:0 hatte das Team in Leipzig geführt. Doch dann passierte etwas vollkommen Unerwartetes - und änderte alles!

Ein paar Monate zuvor hatten es sich die Nationalspieler der DDR in St. Gallen noch gutgehen lassen. Nach dem 2:0-Auswärtssieg in der Qualifikation zur Europameisterschaft 1980 in Italien gegen die Schweiz hatten die Kicker um Joachim Streich, Dixie Dörner, Reinhard Häfner und Gerd Kische nach einem Katastrophenstart wieder Hoffnung geschöpft. Und dieses zarte Pflänzlein der Zuversicht hatten sie tüchtig an der Hotelbar begossen. Mit ihnen zusammen hoben noch einige Gönner und Jubler die Gläser in die Höhe. Die Stimmung war ausgelassen und fröhlich.

Nun, sechs Monate später, saß die Mannschaft nach einem historischen Abend mutterseelenallein im Speisesaal eines Leipziger Hotels und blies Trübsal. Was war da nur gerade in diesen mitreißenden 90 Minuten vor knapp 100.000 Zuschauern - davon alleine 5.000 Gästefans - im Zentralstadion passiert? Warum haben sie sich den fast schon sicher geglaubten Sieg gegen den direkten Konkurrenten um die Tabellenspitze und damit um die Qualifikation zur EM 1980 noch nehmen lassen? Ratlosigkeit und Enttäuschung. Nun würden die Niederlande im Sommer nach Italien fahren - dabei sah es doch bis kurz vor der Halbzeitpause noch so gut aus ...

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Es war der 21. November 1979, als die DDR zu Hause gegen die Mannschaft der Niederlande unbedingt gewinnen musste, um sich für die Endrunde der Europameisterschaft 1980 in Italien zu qualifizieren. Und es ging richtig gut los an diesem trüben Herbstabend in Leipzig.

Abseits der Kameras blutet plötzlich jemand

Jede Aktion der Gäste wurde von einem ohrenbetäubenden Pfeifkonzert der Zehntausenden von Menschen im Zentralstadion begleitet und jede gelungene Szene der eigenen Mannschaft euphorisch beklatscht. Als dann auch noch mitten in diese aufgeheizte Atmosphäre Rüdiger Schnuphase die DDR in der 17. Spielminute mit 1:0 in Führung schoss und Joachim Streich nach einer guten halben Stunde per Elfmeter auf 2:0 erhöhte, da war die Menge fast nicht mehr zu halten.

Sollte das erhoffte Fußballwunder gegen die schier übermächtigen Niederländer, die bei den letzten beiden Weltmeisterschaften jeweils im Finale gestanden hatten, tatsächlich Wirklichkeit werden? Die Spannung war mit Händen zu greifen - und von Minute zu Minute wurden die Zuversicht und die Hoffnung auf einen glücklichen Spielausgang immer größer. Nur jetzt erst einmal den komfortablen Zwei-Tore-Vorsprung mit in die Halbzeitpause nehmen, dachten Spieler und Zuschauer gleichermaßen.

Doch daraus, das sei vorweggenommen, wurde nichts. Denn weit weg vom eigentlichen Geschehen und im Rücken der TV-Kameras spielte sich ein kleines Drama ab. Was genau knapp fünf Minuten vor der Pause passierte, darüber streiten sich noch heute die damals Anwesenden. Doch die Konsequenz aus der Szene war für das Team der DDR verheerend. Schiedsrichter António Garrido aus Portugal schickte nach einer kurzen Rücksprache mit einem seiner beiden Linienrichter nicht nur den Niederländer Tscheu La Ling vom Feld - sondern auch den stark am Kopf blutenden DDR-Abwehrrecken Konrad Weise.

"Mein schmerzlichstes Erlebnis"

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Jahre später soll Tscheu La Ling zugegeben haben, dass er Weise im Vorübergehen absichtlich seinen Ellenbogen an den Schädel gerammt habe. Seine Begründung für die fiese Attacke: Er habe dem Spiel eine überraschende Wendung geben wollen. Und genau das gelang ihm wirklich. Denn Weise revanchierte sich postwendend mit einem Schlag gegen La Ling. Und so mussten beide den Platz verlassen. Die Konsequenz daraus benannte der damalige TV-Kommentator unmittelbar: "Es wird ein wenig mehr Raum geben für beide Vertretungen." Und diesen zusätzlichen Raum nutzten in der Folge insbesondere die Spieler der Niederlande.

Als Konny Weise, mittlerweile mit einem imposanten Turban auf dem Kopf, aufgestützt auf zwei Helfer langsam in die Katakomben trabte, hielt der TV-Kommentator kurz inne: "Ich könnte mir denken, sollte dieses Spiel für unsere Mannschaft gewonnen werden, wird er diese Verletzung und diesen Feldverweis bald vergessen. Der sonst so untadelige Jenaer Sportsmann, heute in seinem 80. Länderspiel, hätte sich diese Partie für sich selbst sicher ein wenig anders vorgestellt." Genau so war und ist es. Denn Weise sollte diese Szene und dieses Spiel nie vergessen: "Diese Rote Karte ist mein schmerzlichstes Erlebnis."

Und das lag vor allem am weiteren Geschehen. Denn mit diesem Moment nahm das Unglück für die DDR seinen Lauf. Was über 40 Minuten grandios funktioniert hatte, war plötzlich wie abgeschnitten. Und so kam es, wie es kommen musste. Der kleine Flügelstürmer von Ajax Amsterdam, Simon Tahamata, wirbelte auf der linken Seite herum und flankte scharf an den kurzen Pfosten. Dort sprang Frans Thijssen in die Höhe und köpfte sauber in den Winkel des DDR-Schlussmannes Hans-Ulrich Grapenthin ein.

So kurz davor - und dann doch leere Hände

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Bens aktuellem Buch und seinem gleichnamigen Tourprogramm ("Fußball. Die Liebe meines Lebens") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Direkt danach war Halbzeit und der TV-Kommentator schlussfolgerte hörbar angefressen: "Damit ist natürlich alles wieder offen, liebe Fußballfreunde, schade drum. Ein 2:0 zur Pause hätte vielleicht doch schon einiges vorklären können. Das war der Halbzeitpfiff des portugiesischen Schiedsrichters António Garrido - wir wären glücklich, wenn es schon der Schlusspfiff gewesen wäre."

Der erfolgte schließlich nach Ablauf der üblichen neunzig Minuten und einem 3:2-Sieg der Niederlande an diesem historischen 21. November 1979. Nach einem großen Kampf und Spiel musste sich die Mannschaft der DDR dem Gast aus dem Westen geschlagen geben. Bei vielen Fußballfreunden, die damals die Partie live verfolgten, ist die Enttäuschung ob der verpassten Chance bis heute zu spüren. So kurz davor und dann am Ende mit leeren Händen dastehen - das tut weh.

Und während nach der Partie die Spieler der DDR alleingelassen im Speisesaal ihres Leipziger Hotels Trübsal bliesen, ließen es die Akteure der Niederlande eine Etage darüber ordentlich krachen. Genau wie sechs Monate zuvor die Kicker der DDR in der Schweiz. Nur zu gerne hätten Streich, Kotte, Weber und die anderen an diesem Abend mit den Spielern der Niederlande die Rollen getauscht. So bleibt bis heute nur die Erinnerung an eine der unglücklichsten Partien in der Geschichte des DDR-Fußballs.

Quelle: ntv.de