Redelings Nachspielzeit

Zeit der Alibis vorbeiEklatante Fehleinschätzungen treiben Eintracht Frankfurt in gefährliche Lage

19.01.2026, 20:01 Uhr Ben-RedelingsVon Ben Redelings
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Toppmöller ist weg, Krösche sucht einen neuen Trainer. (Foto: IMAGO/Jan Huebner)

Dino Toppmöller ist, nach einer "umfassenden sportlichen und strukturellen Analyse" der Eintracht-Führung, nicht mehr Trainer in Frankfurt. Eine Entscheidung, die erstens Fragen aufwirft - und zweitens brandgefährlich ist. Denn jetzt wird sich zeigen, ob Toppmöller tatsächlich der alleinige Sündenbock war.

"Wir sind Siebter, und es wäre dumm, wenn wir nicht versuchen würden, Fünfter zu werden. Absteigen können wir nicht mehr. Wir müssen die Gunst der Stunde nutzen." Eintrachts damaliger Geschäftsführer Heribert Bruchhagen steht mit dieser Aussage, die er in der Winterpause der Saison 2010/11 tätigte, immer noch für eine der größten Fehleinschätzungen, die es in der über 60-jährigen Geschichte der Fußball-Bundesliga je gegeben hat. Denn am Ende der Spielzeit stieg Eintracht Frankfurt, nachdem sich die Träume von Europa schnell verflüchtigt hatten, damals als Tabellensiebzehnter sang- und klanglos ab.

Natürlich ist die aktuelle Lage am Riederwald nicht mit der des Jahres 2011 zu vergleichen, aber dennoch befindet sich die Eintracht momentan in einer ähnlichen, äußerst prekären Situation - und es wird sich zeigen, ob den vielen Fehleinschätzungen der letzten Wochen und Monate noch eine weitere mit der Entlassung des bisherigen Trainers Dino Toppmöller hinzugekommen ist. Denn mit dem Rauswurf des langjährigen Coachs sind von jetzt auf gleich alle Alibis - für die Mannschaft, aber besonders auch für den Sportvorstand Markus Krösche - weggefallen.

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Nun wird sich schnell zeigen, ob die bisherigen sportlichen Probleme tatsächlich so eng mit der Personalie Toppmöller verknüpft sind, wie man aktuell annimmt bzw. hofft. Schließlich hieß es in der Pressemitteilung: "Die Entscheidung ist das Ergebnis einer umfassenden sportlichen und strukturellen Analyse der zurückliegenden Wochen unter Berücksichtigung der Eindrücke der ersten drei Spiele im neuen Kalenderjahr." Und eigentlich wie immer bei solchen Anlässen, verkündete die Führung der Eintracht zudem, dass man nach einer internen Bewertung "zu der Überzeugung gelangt (sei), dass wir aufgrund der rückläufigen Entwicklung in den letzten Wochen einen neuen sportlichen Impuls benötigen."

39 Gegentore in 18 Spielen sind zu viel

Der Trainer steht also, laut dieser Worte, als alleiniger Sündenbock für die aktuell so missliche Lage fest. Eine Einschätzung, die erstens Fragen aufwirft - und zweitens brandgefährlich ist. Denn ganz offensichtlich sind gerade die großen Probleme in der Abwehr - die Eintracht kassierte in den bisher 18 Bundesliga-Partien bereits 39 Gegentore; Spitze in der Liga zusammen mit dem Tabellensechszehnten, dem 1. FC Heidenheim - auch darauf zurückzuführen, dass es bei der Bewertung einzelner Kaderpositionen bzw. in der Zusammenstellung der Mannschaft als Einheit Schwierigkeiten gab.

Aktuell steht die Eintracht auf einem soliden siebten Platz in der Liga - und führt damit eine Reihe von Teams an, die seit Jahren immer mal wieder versuchen, genau wie die Mannschaft vom Riederwald, in die Phalanx der Dauergäste in den oberen fünf Plätzen zu rutschen. Genau das war Dino Toppmöller in der letzten Spielzeit mit seinem Team ja auch gelungen.

Und nun haben eben dieser dritte Rang und die damit einhergehenden neuen sportlichen Ambitionen wohl zumindest indirekt zur Entlassung des Trainers beigetragen. Denn wie formulierte es die Eintracht so schön in ihrer Presseerklärung: "Unserem Anspruch, als Eintracht Frankfurt für einen dynamischen, aggressiven und kompakten Fußball zu stehen, sind wir in dieser Saison bislang nur unzureichend gerecht geworden."

Zahlt sich der Trainer-Rauswurf wirklich aus?

Das Handlungsprofil für den neuen Trainer steht also fest. Und auch das Programm für die nächsten Wochen ist klar. In der Champions League spielt die Eintracht in Baku und gegen Tottenham und in der Bundesliga müssen die Frankfurter zu Hause gegen die direkte Konkurrenz um die oberen Plätze, die TSG Hoffenheim und Bayer Leverkusen, ran. Es könnte also schon sehr schnell vieles Sportliche geklärt sein in den nächsten Wochen. So oder so kein leichter Einstiegszeitpunkt für einen neuen Coach. Von Null auf 100 wird das Motto heißen.

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Der frühere Vorstand der Eintracht, Heribert Bruchhagen, der in der Winterpause 2010/11 so dermaßen danebengelegen hatte mit seiner Einschätzung der sportlichen Lage, hat später einmal einen weisen Satz gesagt: "Im Vergleich zu nichts ist wenig viel."

Auf die aktuelle Lage bei der Eintracht umgemünzt, heißt das: Man wird schon recht bald in Frankfurt wissen, ob der siebte Tabellenplatz angesichts des Leistungsniveaus der aktuellen Mannschaft ein realistisches Bild der sportlichen Situation wiedergab oder ob tatsächlich noch Luft nach oben ist. Versuchen mussten sie diesen Schritt bei der Eintracht wohl. Ob er allerdings der richtige gewesen ist, wird man erst in ein paar Wochen wissen.

Quelle: ntv.de

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