Redelings Nachspielzeit

Konflikte erinnern an früher FC Bayern leidet zurück in die Zukunft

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Trio der Ahnungsvollen: Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß und Franz Beckenbauer im Jahr 2001.

(Foto: imago/HJS)

Alles schon mal da gewesen beim FC Bayern. Die aktuellen Umstrukturierungen und Diskussionen erinnern an die Jahre 1990 bis 1994 - nicht die erfolgreichsten in der Geschichte der Münchener. Aber sie ebnen damals den neuen Weg hin zu einer langen, goldenen Fußballära.

Vor einiger Zeit saß an einem meiner Abende ein Fan des FC Bayern im Publikum und beschwerte sich darüber, dass er sich beim Thema "Leiden" als Anhänger des deutschen Fußball-Rekordmeisters von anderen Fans missverstanden und diskriminiert fühle. Immer hieße es: Bayern-Fans würden nicht leiden. Das stimme einfach nicht. Er habe sich an einem Tag im Spätherbst 1990 unsterblich in seinen Verein verliebt - und fast vier Jahre warten müssen, bis er die erste deutsche Meisterschaft habe mitfeiern können.

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Bitter: Es könnte tatsächlich sein, dass der FC Bayern erstmals seit 2012 nicht deutscher Fußballmeister wird.

(Foto: imago/MIS)

Mittlerweile sei ein nationaler Titel zwar nicht mehr die Messlatte, aber man könne ihm glauben, dass ihm ein möglicher Verlust der internationalen Anerkennung schon so manche schlaflose Nacht beschert habe. Wahrnehmungen und Empfindungen sind eben immer auch eine Frage der Perspektive. Das Spannende an den Worten dieses Fans ist aber: Wer sich anschaut, wie es beim FC Bayern seit dem Beginn der Ära mit Uli Hoeneß seit 1979 zugegangen ist, der trifft auf genau die Epoche, die dieser Anhänger anführte.

Zeiten, in denen es, wie soll man sagen, ähnlich unstrukturiert und polternd zuging wie in diesen Tagen. Klubpräsident Fritz Scherer hatte nach der schmerzhaften Trennung von Trainer Jupp Heynckes als Erster erkannt, dass die Probleme auf der Führungsebene angepackt gehörten. Und so installierte er im November 1991 als Vizepräsidenten die ehemaligen Spieler Franz Beckenbauer und Karl-Heinz Rummenigge. Der "Kicker" bezeichnete beide als "Notruf-Säulen" für Hoeneß. De facto waren sie allerdings Aufpasser für den Manager - auch wenn dies niemand so gesagt hätte. Es dauerte mehr als drei Jahre, bis sich die neue Führungstroika miteinander arrangiert hatte. Auch wenn es immer wieder geknirscht hat, war der FC Bayern damit für lange Jahre auf einem guten Weg. Scherer hatte eine weise Entscheidung getroffen, die ihn 1994 beruhigt ins zweite Glied als Vizepräsident zurücktreten ließ, um für Beckenbauer Platz zu machen.

Beckenbauer musste übernehmen

Der Kader wurde von 1991 bis 1994 tüchtig durchgespült. Nicht immer erweckten die Bayern den Eindruck, dass sie genau wussten, was sie da taten. An prominenten Namen wie Stefan Effenberg, Mehmet Scholl oder Lothar Matthäus mangelte es nicht. Doch auch auf der Trainerposition waren es wilde und wenig erfolgreiche Jahre. Sören Lerby und Erich Ribbeck (Jan Wouters: "Trainer, Sie sind der einzige im Verein, der keine Ahnung von Fußball hat") agierten weitgehend glücklos. So musste am Ende sogar Beckenbauer den Platz auf der Bank einnehmen, um weiteren Schaden abzuwenden. Und tatsächlich schaffte er es, den FC Bayern 1994 zur ersten deutschen Meisterschaft nach vier Jahren zu führen.

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Auch wenn sich Geschichte nie genau wiederholt, erinnern doch viel zu viele Versatzstücke von damals an die aktuelle Situation beim FC Bayern München. Das Vakuum, das Hoeneß durch sein Ausscheiden als Präsident hinterlassen hat, ist riesig. Das war allen Beteiligten natürlich vorher klar. Doch wie schlau die Installation von Hasan Salihamidzic als Sportdirektor, Herbert Hainer als Präsidenten und Oliver Kahn als neuen Macher des FC Bayern wirklich war, wird sich bereits in den kommenden Wochen zeigen.

Die Konfrontationen und Diskussionen rund um die Säbener Straße können die Erinnerungen an die frühen Neunziger Jahre aber nicht beseitigen. Im Moment spricht viel dafür, dass auch die Bayern-Fans in den kommenden Monaten (vielleicht sogar Jahren) wieder etwas heftiger leiden werden dürfen. Einigen Anhängern wird das vermutlich sogar gefallen. Es ist eben immer eine Frage der Perspektive. Und wie wahrscheinlich es ist, dass nach dem Leid auch wieder viel Freude kommt.

Quelle: ntv.de