Redelings Nachspielzeit

Redelings über Schalkes Trainerverschleiß "Finito, basta, Kasper, geh nach Hause"

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Ein Mann mit guten Ideen, dieser Peter Neururer. Als Schalke-Trainer erklärte er einst: "Ich werfe elf Trikots hoch. Wer eins fängt, darf spielen."

(Foto: imago sportfotodienst)

Monogamie gibt es nicht. Wenigstens nicht auf der Trainerposition auf Schalke. Ständig neue Partner. Der Verein als Schürzenjäger. Breitenreiter weg? Weinzierl kommt? Was hat die neue Eroberung zu bieten? Erinnerungen an Verflossene!

Im Ruhrgebiet haben wir einen schönen Begriff für das, was auf Schalke seit vielen, vielen Jahren auf der Position des Cheftrainers passiert: Es geht zu wie im Taubenschlag! Jetzt hat also André Breitenreiter auch schon wieder fertig - wenn man denn dem charmant nachfragenden und fein mitfühlenden Reporterkollegen Ecki Heuser ("Herr Breitenreiter, was ist das für ein Gefühl für einen Trainer, der nur noch fünf Spiele in verantwortlicher Funktion ist und am Ende der Saison weg ist, trotz laufenden Vertrages bis 2017?") Glauben schenken mag.

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Und wieder einmal heißt es mit Vicky Leandros’ Worten so wunderbar vieldeutig: "Das Karussell wird sich weiterdrehen, auch wenn wir auseinandergehen." Dieses Mal soll der bisherige Augsburger Coach Markus Weinzierl sein Glück im Gelsenkirchener Turnhallen-Theater versuchen. In Vicky Leandros Lied heißt es weiter: "Noch stehst du zögernd in der Tür und fragst, was wird aus dir?" Man ist geneigt, Weinzierl zuzurufen: Mach die Pforte lieber wieder von innen zu, denn auf Schalke haben viele ihr Herz verloren – aber richtig glücklich (außer finanziell) wurden die wenigsten!

Knapp 50 Trainer in 53 Jahren

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Dabei haben sich alle eine Menge Mühe gegeben. Knapp 50 Trainer dürften es seit dem Bundesligastart im Jahre 1963 gewesen sein. Und egal, ob damals Fritz Langner ("Ihr fünf spielt jetzt vier gegen drei"), Günter Brocker ("Bei mir sind früher die Bälle kaputt gegangen. Heute halten die Köpfe nicht mehr") oder Max Merkel ("Einige meiner Stars haben zu viele weibliche Hormone") und heute Oliver Reck ("Wenn Sie einen Schuldigen suchen, nehme ich die Schuld auf mich. Ich bin aber nicht schuld"), Jens Keller ("Wir haben individuell wahnsinnige Fehler gemacht, das hat aber nichts mit der Mentalität zu tun. Das hat bei dem einen oder anderen mit der Birne zu tun") oder Ralf "Rolf" Rangnick ("Uns haben teilweise Zentimeter gefehlt, teilweise aber auch die Präzision") – alle sind am großen Ziel "Deutsche Meisterschaft" mehr oder weniger kläglich gescheitert.

Auch der alte Trainer-Fuchs Rudi Gutendorf durfte von 1968 bis 1970 den Traum vom Titel leben. Auf Schalke versuchte Riegel-Rudi den Spielern Englisch beizubringen, was zu einigen lustigen Verwicklungen (Stan Libuda erklärte daraufhin seinen Gegenspielern gerne: "I am the white ring") führte. Als es schließlich einmal nicht so richtig laufen sollte und eigentlich niemand mehr wusste, was man noch machen könne, um die Lage zu verbessern, hatte Trainer Gutendorf plötzlich einen genialen Einfall. Er bat die Mannschaft auf den Platz, schüttete zwei Berge Wäsche auf den Boden und zündete diese an. In die erstaunten Gesichter seiner Spieler sagte er: "Ihr seid nicht schuld gewesen an den Niederlagen, die blöden Trikots waren es!" Und siehe da: Es half. Kurzfristig!

"Ich werfe elf Trikots hoch. Wer eins fängt, darf spielen"

Viele Jahre später musste der Trainer-Neuling Peter Neururer ("Ich werfe elf Trikots hoch. Wer eins fängt, darf spielen") den Klub erst einmal vor dem Sturz in die Drittklassigkeit bewahren. Ein Abenteuer, für das sich der Marler Jung von seinem Präsidenten, dem "Sonnenkönig" Günter Eichberg, fürstlich entlohnen ließ. Über die Gehaltsverhandlungen sagte der heutige Sport1-Experte damals: "Ehe ich überhaupt eine Summe sagen konnte, hatte Eichberg schon das Doppelte geboten." Und eigentlich lief es für Neururer und den FC Schalke 04 auch sehr gut. Die "erfolgsorientierten Rituale" (O-Ton Neururer statt "Aberglaube") machten sich besonders untenrum bei ihm selbst bemerkbar. Eine Siegesserie absolvierte der Schalker Coach in Unterhosen mit bunten Elefanten drauf. Ein anderes Mal schmückten lustige Maulwürfe die Unterwäsche des Trainers. Doch es half alles nichts. Irgendwann hatte Präsident Eichberg genug und warf Neururer raus. Bis heute weiß dieser angeblich nicht genau, warum!

4:1 gewann das Team von Trainer Fred Rutten im Ernst-Abbe-Sportfeld.

4:1 gewann das Team von Trainer Fred Rutten im Ernst-Abbe-Sportfeld.

Um einen anderen Niederländer und das Jahr 2001 zu umschiffen, geht es gleich zum nächsten und weiter mit der Spielzeit 2008/2009 und dem Mann von Twente Enschede, Fred Rutten. Dieser Versuch endete bereits nach wenigen Monaten. Am 7. Februar 2009 stand ein sonderbarer Typ vor der Arena Auf Schalke und hielt ein Plakat
 in den Händen. Der Mann mit den langen Haaren hatte klare Vorstellungen von der Zukunft seines Lieblingsvereins: "Trainer Fred Rutten, so nicht (nimm d. Hut)! Schluss aus vorbei, finito, basta, by, by, Kasper. Geh nach Hause! Du hast unseren S04 Manager A. Müller mit 17,5 Millj. € reingelegt, ausgetrixt, ein vorgegaukelt und belogen. Trainer Fred Rutten, nicht unser S04 Manager A. Müller, sondern du Fred Rutten musst gehen!!! Du hast ein Spielerchaos verursacht, die Mannschaft kann ohne dich viel besser spielen. Du hast unsere Spieler degradiert und verunsichert! Du hast 0-Ahnung von Taktik, Aufstellung, System. Du hast noch nicht mal einen Spielmacher geschaffen! Dein Werk = die Oma Lüge! Zu viel Connektion! Zu viele Aufstellungsfehler! Alles Laberei. Du bist ein Mensch, aber kein Trainer für S04 Schalke! Spielerfan Hansi für S04". Was soll man noch groß sagen: Ende März war Rutten Geschichte in Gelsenkirchen!

Und auch Guru Felix Magath scheiterte fulminant mit seinem imponierenden Aufmarsch von Heerscharen an Spielern. Über seine Zeit beim S04 erzählte der ehemalige Bayern-Manager Uli Hoeneß einmal die herrliche Anekdote: "Als der Clemens Tönnies Magath in Schalke entlassen hat, sagte er zu ihm: Wenn Sie so weitermachen mit Ihrem Kader mit 45 Mann, dann brauchen wir für die Mannschaft einen Gelenkbus. Da entlasse ich Sie lieber!"

Vielleicht hat tatsächlich ein anderer Ex-Trainer einmal das ganze Dilemma des Taubenschlags auf Schalke zusammengefasst. Möglicherweise auch nicht. Philosophisch und unsterblich sind Mirko Slomkas Worte aber in jedem Fall: "Wenn Sie zu Hause einen Nagel in die Wand schlagen, voller Überzeugung, und stellen dann fest, das Bild passt nicht, dann können Sie den Nagel rausziehen, aber das Loch bleibt." Der Mann, der all die Löcher auf Schalke kittet, muss wahrscheinlich erst noch geboren werden!

Unser Kolumnist Ben Redelings ist diesen Samstag (24. April) mit seinem aktuellen Programm live in Erlangen zu erleben: Alle Termine von Ben Redelings auf einen Blick gibt es auf seiner Webseite!

Quelle: ntv.de

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