Redelings Nachspielzeit

Redelings ist fasziniert Hinter der Fassade des Mario Götze

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Rio, 13. Juli 2014: Mario Götze ist Weltmeister.

(Foto: imago/Laci Perenyi)

Im Kino läuft der Film "Being Mario Götze" an. Seit der BVB-Spieler 2014 Deutschland zum WM-Titel schoss, hat jeder eine Meinung zu ihm und seinem Leben. Die Dokumentation wirft einen Blick hinter die Fassade der umstrittenen Medienfigur.

Es gibt ein Video von einem Vortrag, in dem Arnold Schwarzenegger über seinen Lebensweg erzählt. Der Österreicher berichtet, wie er als kleiner Junge den Traum entwickelte, eines Tages in den USA zu leben. Damals wusste er zuerst nicht, wie das gehen solle. Doch dann fiel ihm durch Zufall ein Bodybuilding-Magazin in die Hände. Auf dem Cover: Reg Park. Der ehemalige "Mister Universum" hatte gerade seine erste große Rolle in Hollywood ergattert: "Herkules erobert Atlantis". Und als der junge Schwarzenegger das las, wusste er auf einmal, wie sein Traum von Amerika wahr werden könne. Er musste es so machen wie Reg Park, dann würde er sein großes Ziel erreichen und seine Vision verwirklichen.

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Mann mit Pokal.

(Foto: Being Mario Götze)

Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass Mario Götze als kleiner Junge bereits den Plan hatte, eines Tages mit seinem Treffer die deutsche Fußball-Nationalelf zum Weltmeistertitel zu schießen. Vielleicht sah er sich in seinen Träumen als Fußballstar in einem vollen Stadion und wahrscheinlich schoss er sogar in diesen verträumten Momenten einen wichtigen Treffer. Doch dass es ausgerechnet dieses Tor war - fast ausgeschlossen. Man könnte also sagen, Mario Götze hat in seinem noch jungen Leben bereits viel mehr erreicht, als er es sich je hat erträumen lassen. Damals, als dies alles geschah, am 13. Juli 2014 in Rio de Janeiro, war er 22 Jahre jung.

Wer auch nur den Hauch einer Ahnung davon bekommen möchte, was solch eine Erfahrung mit einem selbst anstellen würde, dem sei der Film "Being Mario Götze" von Aljoscha Pause empfohlen. Es ist eine Dokumentation, die durch eine große Stärke brilliert: Sie zeigt den Menschen Mario Götze hinter der Fassade der künstlichen Medienfigur des Fußballers und Weltmeisters Mario Götze. Es ist faszinierend, sich beim Schauen des Films selbst dabei zu beobachten, wie man nach und nach eine empathische Nähe zur Titelfigur entwickelt. Wer nach Filmschluss immer noch mit dem Zeigefinger auf Götze zeigt und ihm irgendeinen klugen Ratschlag erteilen möchte, wie dieser sein Leben bitteschön "richtig" zu führen habe, der hat den tragischen, fast schon dramatischen Konflikt des Menschen und der Mediengestalt Götze nicht verstanden. Ein Kernsatz von vielen dieser auf mehreren Ebenen beeindruckenden Dokumentation, der zeigt, welch undankbarer Aufgabe Götze sich jeden Tag aufs Neue zu stellen hat, lautet: "Man kämpft eher gegen die Meinungen der Öffentlichkeit und der Medien an, bevor man sich selbst öffnen kann."

Bei der Premiere fehlte Götze

Der Film feierte am Sonntag in einer Kinoversion seine Premiere im Dortmunder Fußballmuseum. Lange war unklar, ob Mario Götze anwesend sein würde. Es wurde viel spekuliert, wie sich der Spieler der Dortmunder Borussia in dieser für ihn sportlich so schwierigen Zeit entscheiden würde. Anhand dieses kleinen, eher nebensächlichen Termins kann man vage erahnen, welche Gedanken Tag für Tag in seinem Kopf herumschwirren müssen. Denn dass der eher öffentlichkeitsscheue Götze, der sich in den vergangenen Monaten mehrfach mediale Ruhe erbat, nun diese Dokumentation gedreht hat, will überhaupt nicht in das Bild von ihm passen. Mehr noch: Nicht wenige klagen ihn sogar dafür an, dass er in diesem Punkt so inkonsequent ist. Bei der Premiere fehlte Götze.

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Mario und die Medien.

(Foto: Being Mario Götze)

Wer den Film sieht, entwickelt zwangsläufig ein Verständnis für sein Handeln. Irgendwann fängt man an, zu überlegen, wie man selbst an Götzes Stelle agieren würde. Und schnell erkennt man: Die Situation ist schwieriger, komplexer und verfahrener, als es der einfache, flüchtige Blick von außen vermuten lässt.

Wie sagt Torhüter Marc-André ter Stegen in der Dokumentation so treffend: "Wir sind alle nur Menschen." Und genau dieser Blick auf den Menschen Götze ist so faszinierend, weil im Alltag des Profifußballs eben diese Facette so irritierend dramatisch verkümmert ist. Ein Spieler hat zu funktionieren - aber warum das hier und da einfach nicht geht oder verdammt schwierig ist, interessiert die wenigsten. Man muss Aljoscha Pause und Mario Götze deshalb umso mehr dankbar dafür sein, dass sie zusammen mit vielen tollen, empathischen und eloquenten Interviewpartnern einen Blick auf etwas eröffnen, das im milliardenschweren Showgeschäft nur in besonderen Momenten oder marketinggesteuert aufblitzt: Authentizität.

Als Arnold Schwarzenegger alle Ziele, die ihm Reg Parker vorgelebt hatte, erreicht hatte, machte er viele Jahre einfach so weiter, als sei nichts geschehen. Dabei hatte er seine Vision wahr werden lassen. Und so erlebte er in seinem Beruf als Schauspieler Höhen und Tiefen, bis er sich 2003 entschloss, noch einmal etwas komplett anderes zu machen. Er ging in die Politik und wurde Gouverneur von Kalifornien.

Was auch immer Mario Götze tun wird, man kann ihm nur eins wünschen: Dass er die innere Ruhe findet, um das einzigartige Leben, das er hat und führen darf, zu genießen. Wir werden an seiner Seite sein. Auch wenn man nach diesem Film umso mehr versteht, dass dies für Mario Götze Fluch und Segen zugleich ist.

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Quelle: n-tv.de

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