Redelings Nachspielzeit

Streitbarer Pöbelprofi mit Herz Kevin Großkreutz spaltete die Nation

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Kevin Großkreutz war einer der auffälligeren Bundesliga-Profis des vergangenen jahrzehnts.

(Foto: imago images/Annegret Hilse)

Gestern hat Kevin Großkreutz seine Profikarriere offiziell für beendet erklärt. Während ihn die Schalker genauso hassen wie er sie, lieben ihn die BVB-Fans noch immer abgöttisch. Seine Authentizität machte ihn zum Weltmeister, aber schaffte auch so manches Problem!

"Der Junge würde bei einer Partie Schach sicher nicht gerade haushoch gegen die Großmeister Karpow oder Kasparow gewinnen". Den Satz hat einmal ein Bruder im Geiste von Kevin Großkreutz gesagt: Mario Basler. Was die beiden verbindet? Ihr Hang zu größtmöglichen Authentizität und die traurige Gewissheit, dass beide nicht das Optimum aus ihrer Laufbahn herausgeholt haben.

Was Basler damals mit seinen Worten über Kevin Großkreutz ausdrücken wollte: Der Mann denkt zumeist nicht übermäßig viel nach. Das hat besonders in den Anfängen seiner Karriere dazu geführt, dass sich Großkreutz mit unbedachten Äußerungen gerne die Schnauze verbrannte. Legendär in BVB-Kreisen ist immer noch seine Antwort auf die Frage eines großen Sportmagazins, was er denn tun würde, wenn sein Sohn Schalke-Fan werden würde: "Dann kommt er ins Heim"! Ungefähr zur gleichen Zeit hat er in einem Interview auch folgendes über die königsblauen Rivalen geäußert: "Die sind mein Feindbild Nummer eins. Immer schon! Für kein Geld der Welt würde ich dort spielen. Schalker hasse ich wie die Pest!"

"Ich musste ihm ein BVB-Verbot erteilen!"

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Kevin Großkreutz hat eben nie einen Hehl daraus gemacht, dass er seinen BVB liebt und lebt. Als er zum Beginn seiner Laufbahn erst einmal den Umweg Rot-Weiss Ahlen nehmen musste, verzweifelte sein damaliger Trainer Christian Wück fast an ihm: "Kevin war so heiß auf die Südtribüne, dass er selbst abends vor unserem Spiel noch in den Signal-Iduna-Park wollte. Mir blieb keine Wahl. Ich musste ihm ein BVB-Verbot erteilen!" Der im Dortmunder Stadtteil Eving geborene Borusse kämpfte sich mit überragenden Leistungen zu seinem Lieblingsverein - den er in Jugendjahren verlassen musste - zurück. Dort wurde er in den erfolgreichen Meisterjahren zu einem echten Leistungsträger und zum unangefochtenen Held der Südtribüne.

Die gelbe Wand trieb ihn an und er stachelte sie auf. Die Bilder vom Mann mit den hochgezogenen Schultern, der mit rudernden Armen vor der Kurve steht, und um Unterstützung bittet, hat jeder Fußballfan im Kopf abgespeichert. Sein unermüdlicher Einsatz und seine scheinbar unerschöpfliche Leidenschaft machten ihn zum Nationalspieler und Weltmeister. Doch das reichte im Starensemble der Borussia nicht immer für einen Platz auf dem grünen Rasen. Als Trainer Jürgen Klopp ihn unter dem Protest der Fans einmal im Derby gegen Schalke zuerst auf der Bank sitzen ließ, musste er sich hinterher rechtfertigen. Seine damalige Antwort klingt wie aus einer anderen Zeit: "BVB-Fan zu sein, ist kein Grund für einen Startplatz im Team."

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Umso mehr zelebrierte Großkreutz deshalb die Erfolge, die er mit seinen Schwarz-Gelben erkämpfte. Die erste Meisterschaftsparty 2011 zeigte der Republik einen ausgelassen feiernden Dortmunder Jungen. Selbst die eigenen Mannschaftskollegen mussten sich auf der spontanen Party bei einem Nobelitaliener gedulden, bis Kevin mit seinen alten Südtribüne-Kollegen den ersten Durst gestillt hatte. Was da genau getrunken wurde, darüber wusste Teamkamerad Mats Hummels Bescheid: "Kevin wird heute sicherlich nicht nur stilles Wasser trinken, vielleicht nimmt er eins mit Kohlensäure."

Schwarz-gelber Fan im Meisterschaftstaumel

Die TV-Nation verfolgte live, wie Großkreutz bei der Meisterfeier an der Westfalenhalle die Bühne verlassen musste, um sich gestützt auf zwei bullige Security-Männer in einem Dixie-Klo die Ereignisse des Tages erst einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Selig lächelnd verließ er einige Minuten später die sanitären Anlagen wieder, um erneut die Bühne zu stürmen. Der schwarz-gelbe Fan im Meisterschaftstaumel freute sich andächtig und zurecht über einen der ihren.

Noch vor dem Gewinn des WM-Pokals 2014 in Brasilien überraschte Großkreutz die Fußballanhänger mit einem angeblichen Fehltritt. Zusammen mit seinem Mannschaftskollegen Julian Schieber kam es zum mittlerweile legendären "Döner-Eklat". Was genau in dieser Nacht in Köln passiert ist, darüber gibt es verschiedene Versionen. Auf jeden Fall erschien damals um 0.30 Uhr ein gewisser Marco B. in Begleitung seiner Freundin auf der Polizeiwache 1 an der Stolkgasse und klagte über ein Brennen in den Augen. Angeblich von einem Döner, der ihm ins Gesicht geworfen worden sein sollte. Wie auch immer die Geschichte genau gelaufen sein mag, für den Döner-Verkäufer hatte sie sich in jedem Fall gelohnt. Stolz erzählte er den Boulevard-Zeitungen Tage nach dem Ereignis: "Bei uns heißt der Döner mit extra-scharfer Soße jetzt 'Kevin-Döner'".

Und dann auch noch das: Beinahe wäre Kevin Großkreutz nicht mit zur Weltmeisterschaft nach Brasilien gefahren, denn kurz vor der Abreise ins Trainingslager erfuhr die Presse von einem weiteren Fehltritt des BVB-Spielers. Die "Sport Bild" berichtete damals, dass Großkreutz in der Nacht nach dem verlorenen Pokal-Finale am 17. Mai 2014 gegen den FC Bayern (0:2) im angetrunkenen Zustand "in die Lobby des Hotels uriniert" habe. Sehr zum Unwillen eines anderen Hotelgastes, der im Zuge dieser Entgleisung die Polizei rief. Großkreutz leugnete den Vorfall nicht und entschuldigte sich geläutert über die Presse: "Ich war total frustriert nach dem Spiel, wir hatten uns so viel vorgenommen, wollten unbedingt den Pott holen. Ich hatte einen Blackout, es tut mir leid."

Solche Typen bleiben in Erinnerung

Bei der WM kam Kevin Großkreutz anschließend zwar keine Minute zum Einsatz, wurde aber für seine Kollegialität von den Mannschaftskameraden sehr gelobt. Explizit erwähnte ihn der Kollege vom FC Bayern, Bastian Schweinsteiger, in seinem finalen Tweet nach der Rückkehr: "Jungs, es war mir eine Ehre... Danke für eine tolle Zeit ohne Eskapaden. V.a. Dir, Kevin!" Auf der Bühne vor dem Brandenburger Tor in Berlin sang ihm anschließend sein WM-WG-Kollege und Rivale vom FC Schalke 04, Julian Draxler, ein eigenes Ständchen. Unter dem Jubel der Massen intonierte er mit kräftiger Stimme: "Großkreutz rück den Döner raus, Großkreutz rück den Döner raus, Großkreutz rück den Döner raus!"

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und Projekten gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Zu Hause im Ruhrgebiet angekommen, konterte der Besungene via sozialer Medien, bereits schon wieder im Derby-Modus laufend, sehr humorvoll: "Lieber Julian, ich kann zwar keinen Döner rausrücken, aber ich kann immer wieder die Schale rausholen."

Die Schale der Meisterschaftsgewinne 2011 und 2012 mit seinem BVB wird sich Kevin Großkreutz in den letzten Jahren sicherlich häufiger angesehen haben. Denn nach seinem Ausscheiden bei der Borussia im August 2015 ging es sportlich mit ihm eigentlich nur noch bergab. Nach seinen Stationen in Istanbul, Stuttgart und Darmstadt beendete Großkreutz im Oktober des letzten Jahres auch seine Zeit beim KFC Uerdingen. Nun ist also endgültig Schluss für den Jungen aus Dortmund-Eving - wenigstens im Profibereich. Denn eine Fortsetzung seiner Kicker-Karriere im Amateursport schloss Kevin Großkreutz explizit nicht aus. Das passt. Und auch wenn Kevin Großkreutz als streitbarer Pöbelprofi die Nation gespalten hat - seine Feinde mussten ihm stets zugutehalten, dass er ein Fußballer mit Herz und Leidenschaft war. Und solche Typen bleiben in Erinnerung. Und auch das ist gut so. Glück auf, Kevin Großkreutz!

Quelle: ntv.de