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Fußball-Zeitreise, 18.05.2008 Hoffenheim öffnet die Büchse der Pandora

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Mit Mäzen Dietmar Hopp feiert die TSG Hoffenheim vor elf Jahren den Aufstieg in die Bundesliga.

(Foto: imago sportfotodienst)

Vor mittlerweile elf Jahren schafft der Dorfverein aus Sinsheim den Sprung in die Fußball-Bundesliga. Den Durchmarsch von der Kreisliga begleiteten viele Fans mit Missfallen. Doch der Klub schreibt Bundesligageschichte. Ein Rückblick auf elf durchaus spannende Jahre.

Am 18. Mai 2008 war es schließlich passiert. Durch einen 5:0-Sieg gegen die SpVgg Greuther Fürth sicherte sich die TSG Hoffenheim zur Saison 2008/2009 einen Platz in der Fußball-Bundesliga. Innerhalb von 17 Jahren hatte der Dorfverein den Sprung von der Kreisliga bis in die höchste deutsche Spielklasse geschafft - und dabei niemals geleugnet, dass dieser Durchmarsch nur aufgrund eines einzigen Mannes möglich war: Dietmar Hopp.

Der Mit-Gründer des Softwareunternehmens SAP schaffte als Mäzen den finanziellen Spielraum, um das große Ziel und Abenteuer Bundesliga anzugehen. Bis heute hält die Kritik an der TSG an. Doch sie ist bedeutend leiser geworden. Das liegt einerseits daran, dass die Hoffenheimer Mannschaften in den vergangenen elf Jahren recht häufig sehr attraktiven Fußball spielten - und andererseits einfach am Lauf der Zeit. Denn der Verein hat Bundesligageschichte geschrieben. Mal aktiv, mal passiv. Aber aus den Geschichtsbüchern der höchsten deutschen Spielklasse ist die TSG nicht mehr wegzudenken.

Herbstmeister in der ersten Saison, Skandal in der zweiten

Gleich in ihrer ersten Saison sorgte sie für Furore. Überraschend wurde die Mannschaft aus Sinsheim punktgleich mit den Bayern Herbstmeister. Doch in der zweiten Hälfte ging dem Klub ein wenig die Puste aus. Am Ende belegte die TSG einen guten siebten Tabellenplatz. In der Spielzeit 2011/2012 dann der Skandal der Saison: Beim Spiel gegen Borussia Dortmund wurde die Gästekurve im Sinsheimer Stadion mit einem Störgeräusch beschallt. Immer wenn die 3.000 BVB-Anhänger Schmähgesänge gegen Mäzen Hopp oder die Heimmannschaft anstimmten, wurde eine Maschine gestartet. Der BVB protestierte.

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Vedad Ibisevic erzielte in der ersten Bundesligahinrunde der TSG 18 Tore in 17 Spielen. Wegen eines Kreuzbandrisses fiel er dann aber für den Rest der Saison aus.

(Foto: imago sportfotodienst)

Nach ersten Dementis aus Hoffenheim hieß es schließlich, ein einzelner Mitarbeiter habe nach "eigener Aussage ein Gegenmittel gegen die aus seiner Sicht nicht mehr erträglichen Beleidigungen gegenüber Herrn Dietmar Hopp einsetzen" wollen. Er allein habe die Maschine entwickelt, ins Stadion geschmuggelt und eingesetzt. Deshalb habe auch nur er diese Tat zu verantworten. Niemand habe ihn beauftragt, er habe aus freien Stücken gehandelt. Die Liga reagierte skeptisch und die Anhänger des FC Augsburg in ihrem Heimspiel gegen Hoffenheim humorvoll mit einem Spruchband: "Gegen mangelnde Fußballkompetenz hilft auch keine Hochfrequenz!"

Dramatischer Klassenerhalt in Dortmund

Ein Jahr später sorgte die TSG am 34. Spieltag in Dortmund für die größte Sensation der Saison. Eigentlich war der Klub schon mausetot. Durchhalteparolen wie die des Managers Andreas Müller ("Wir haben noch Sauerstoff") verpufften, weil drei Tage nach diesem Ausspruch nicht nur er, sondern auch Trainer Marco Kurz bereits wieder entlassen waren. Zuvor musste schon Markus Babbel seinen Platz räumen. Trainer Nummer drei, Markus Gisdol, sah in Dortmund über 60 Minuten eine hoch überlegene Borussia, die es nur versäumte, nach ihrem 1:0 noch ein zweites Tor zu schießen.

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Kevin Großkreutz hätte die TSG Hoffenheim mit einer Elfmeterparade in die zweite Liga zurück befördern können.

(Foto: imago/Revierfoto)

Was dann in den letzten 15 Minuten geschah, ist in der Bundesligageschichte einmalig. BVB-Profi Mats Hummels trat bei einem Rettungsversuch im eigenen Strafraum in die Luft und traf am Ende die Beine seines Gegenspielers Volland. Strafstoß für die TSG, und Hummels musste verletzt den Platz verlassen. Den Elfmeter verwandelte Sejad Salihovic. Drei Minuten später senste Torwart Roman Weidenfeller Sven Schipplock im Strafraum um. Rote Karte für den BVB-Keeper, Elfmeter für die TSG, und da der BVB bereits dreimal gewechselt hatte, musste Kevin Großkreutz ins Tor. Wieder verwandelte Salihovic.

Hoffenheim war zu diesem Zeitpunkt in der Relegation. Und dann kam die Minute 90 +4:
 Marcel Schmelzer traf aus 22 Metern ins Tor, die
 Dortmunder jubelten, der Schiedsrichter zeigte zur Mittellinie, und Düsseldorf hatte sich in die Relegation gerettet. Doch es passierte etwas sehr
 Seltenes: Schiedsrichter Dr. Jochen Drees
nahm nach Rücksprache mit seinem Linienrichter das Tor aufgrund einer Abseitsstellung zurück. Hoffenheim kam in die Relegation, gewann dort gegen Kaiserslautern
 zweimal und bewahrte den Verein vor dem
 Gang in die Zweitklassigkeit.

Ein Jahrhunderttor und jede Menge Rekorde

Wieder nur ein Jahr später fiel in Sinsheim ein Jahrhunderttor. Beim Spiel gegen Bayer 04 köpfte Leverkusens Stürmer Stefan Kießling die Kugel ans Außennetz. Leider befand sich genau an dieser Stelle ein Loch im Netz, durch das der Ball im Tor landete. Schiedsrichter Felix Brych gab den Treffer und sorgte damit für ein weiteres legendäres "Phantomtor". Der Hohn und Spott waren ihm sicher: "Für mich ist das jetzt auch keine tolle Situation, ein Tor zu geben, das keins war." Aber auch der Humor kam nicht zu kurz. Der DFB-Sportrichter Hans Lorenz meinte bei der Verhandlung zum verhinderten Nationalspieler Kießling augenzwinkernd: "Jetzt haben Sie endlich mal eine Einladung vom DFB bekommen."

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Das bisher schnellste Tor der Bundesligageschichte schoss ebenfalls ein Hoffenheimer. Kevin Volland erzielte es in der Partie gegen den FC Bayern. Nach nur neun Sekunden netzte der Nationalspieler ein. Offiziell werden zwar die Tore von Karim Bellarabi (Saison 2014/2015 gegen den BVB) und Volland als gleich schnell gewertet, Volland traf aber 0,3 Sekunden früher. Für den bisher letzten Rekord der Sinsheimer sorgte ein Mann, der im Sommer zu RB Leipzig wechselt. Julian Nagelsmann (nach Bernd Stöber, der am 23. Oktober 1976 mit 24 Jahren allerdings nur für ein Spiel den FC Saarbrücken coachte) ist der jüngste Bundesligatrainer.

Und er ist, wie wir alle wissen, nicht auf den Mund gefallen. Als er einmal gefragt wurde, ob sich sein Verhalten als Bundesligatrainer in der Öffentlichkeit geändert habe, antwortete Nagelsmann: "In der Sinsheimer Badewelt gehe ich nicht mehr so gerne in den Nacktbereich." Das Problem hat nun der neue Trainer, der Niederländer Alfred Schreuder, der die TSG Hoffenheim in das zwölfte Bundesligajahr nach dem Aufstieg vom 18. Mai 2008 führen darf.

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Quelle: n-tv.de

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