Redelings Nachspielzeit

Redelings ärgert sich Kretzschmar polarisiert - aber er hat recht

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Stefan Kretzschmar hat mit seinen Äußerungen zur Meinungsfreiheit eine Debatte losgetreten.

imago sportfotodienst

Es war der berühmte Griff ins Wespennest. Handballer Stefan Kretzschmar hat durch sein Interview eine mediale Lawine ins Rollen gebracht - und gezeigt, dass er recht hatte. Was dann geschah, ist überaus traurig mitanzusehen.

Manchmal hilft es, ein Thema aus seinem Kontext ein Stück weit herauszurücken, um zu verstehen, worum es eigentlich geht. Im Kindergarten unseres Sohns gab es wie in Hunderttausenden anderen solcher Einrichtungen die schöne Tradition, dass die Kleinen zu ihrem Geburtstag allen Kindern etwas mitbringen dürfen. Besonders beliebt bei den Mädels und Jungs waren damals alle Sorten von Muffins. Die mochte fast jedes Kind. Also backten die Mütter und Väter am Abend zuvor zu Hause eifrig die kleinen Kuchen - immer mit der schönen Gewissheit im Kopf, dass man am anderen Morgen in glückliche und dankbare Kinderaugen würde schauen können.

Doch eines Tages hieß es, dies müsse ab sofort unterlassen werden. In einem Kindergarten des Verbundes habe es einen Fall von Salmonellen gegeben. Und da es durchaus möglich sei, dass auch durch Unverträglichkeiten (Lactose etc.) etwas passieren könne, war nun die Ansage an die Leitung der Einrichtung: Es gäbe zwar kein Verbot, dass Kinder ihren Freundinnen und Freunden zu ihrem Geburtstag eine kleine Freude machen dürfen, aber wenn etwas passieren sollte, würde die Verantwortung bei den Erziehern liegen und diese würden dann auch haftbar gemacht werden. Man kann sich vorstellen, was geschah. Ab sofort war es den Kindern untersagt, etwas mitzubringen. Nicht nur die Herzen der Kleinen haben gelitten. Doch der vorauseilende Gehorsam hatte gewirkt - obwohl es im Kern kein Verbot gegeben hatte. Die Erzieherinnen gingen lieber auf Nummer sicher.

Eines fernen Tages wird man das Interview von Stefan Kretzschmar hervorholen, um einer nachfolgenden Generation zu zeigen, wie unsere Zeit damals tickte. Die Geschichte dieses Gesprächs, die Reaktionen auf und die Diskussionen nach diesem Interview sind ein Lehrstück über uns und unsere Gesellschaft. Und das, was dort als Scherbenhaufen vor uns liegt, sollte keinen glücklich stimmen. Ganz im Gegenteil.

Macht des virtuellen Prangers

Wenn man sich die Kommentare im Internet durchliest, fällt eine Sache immer wieder ganz besonders auf: Ein Phänomen unserer Zeit scheint es zu sein, dass offensichtlich jeder von sich selbst glaubt, er sei perfekt. Anders ist es nicht zu erklären, warum wir uns immer wieder aufs Neue Versatzstücke aus dem Leben anderer Menschen herauspicken, um über diese grundlegend zu urteilen und zu richten. Dass keiner von uns ohne Fehl und Tadel ist, man sich manchmal vielleicht sogar sonderbar oder in einer Situation einfach nur dumm verhält, wird keinem mehr gestattet.

Und seitdem wir durch die tägliche Präsenz in den sozialen Netzwerken selbst so groß- und freizügig mit dem Verteilen unseres Denkens und unserer Vorlieben sind, machen wir uns vermehrt angreifbar. Ein Klick am falschen Ort, eine flapsige Bemerkung im falschen Moment und ein beiläufiges Wort im falschen Kontext reichen oftmals aus, um an den Pranger gestellt zu werden. All das sind Dinge, die natürlich nicht passieren sollten, die aber passieren können. Kein Mensch ist perfekt. Fehler können passieren, aber in einem Zeitalter, wo das digitale Steinegericht nur auf eine Schwäche zu warten scheint, dürfen sie es nicht mehr. Und steht jemand erst einmal virtuell am Pranger, dann ist es ein Leichtes, im Netz Dinge zu finden, die das Feuer weiter anfachen.

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Ex-Leverkusen-Torwart Rüdiger Vollborn konsumiert gerne auch schwere Lektüre.

(Foto: imago/Horstmüller)

Das Schlimme: Man kann sich selbst nicht davon freisprechen, dass man genauso tickt. Die Tage blätterte ich auf der Suche nach einem Artikel durch ein altes Fußball-Magazin - und blieb an einer anderen Stelle hängen. Rüdiger Vollborn, Torwart von Bayer Leverkusen und Uefa-Pokalsieger des Jahres 1988, erzählte dort, er würde sich für Literatur begeistern: "Stark interessiert bin ich an Biografien von Leuten, die die Welt beeinflusst oder verändert haben." O-Ton des Magazins: "Dabei fallen ihm Namen wie Gandhi, Napoleon und Hitler ein." Und ich dachte wirklich, er hat doch nicht tatsächlich "Hitler" gesagt? Man kann sich bildhaft vorstellen, wie dieser Mini-Ausschnitt heutzutage im Internet rauf und runter gespielt worden wäre - mit sicherlich keinem guten Ausgang für Vollborn. Nicht nur mit diesem zeitlichen Abstand muss man sagen: Was für ein Quatsch!

Hemmender Meinungsorkan

Aber genau das ist es, was Stefan Kretzschmar meinte. Es geht nicht darum, dass es keine Meinungsfreiheit in Deutschland gibt, sondern darum, dass viele Leute - gerade in öffentlichen Berufen - offenbar Angst haben, etwas "Falsches" zu sagen. Also Dinge, die irgendeine Seite falsch verstehen oder falsch auslegen könnte. Diese wunderbaren persönlichen Geschichten, diese Home-Storys, diese herrlichen Gespräche, die es einmal im Fußball gab, existieren heute (fast) nicht mehr. Kein Wunder. Doch das macht den Fußball ärmer. Die menschliche Seite fehlt seitdem fast komplett. Aber wer kann es den Sportlern verdenken, wie Kretzschmar es so richtig sagte?

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Das beste und jüngste Beispiel ist Mario Götze. Im Film "Being Mario Götze" von Aljoscha Pause äußert der BVB-Profi diesen entscheidenden Satz: "Man kämpft eher gegen die Meinungen der Öffentlichkeit und der Medien an, bevor man sich selbst öffnen kann." Wer sich beklagt, dass so wenige Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, den Kopf etwas weiter herausstrecken, der muss auch diese Realität verstehen. Echte Typen werden durch diesen Gegenwind nicht gestoppt, aber ganz viele freie Geister können durch diesen Meinungsorkan in ihrer Entwicklung schon frühzeitig zurechtgestutzt werden.

Im Grunde ist es wie damals bei unserem Sohn im Kindergarten. Viel Freude wird allen genommen, weil niemand etwas falsch machen möchte. Eigentlich darf man es, aber aus Sorge vor Sanktionen lässt man es lieber sein. Das kann man verstehen, muss man aber nicht. Genau wie bei Stefan Kretzschmar. Man kann seine Aussagen verstehen wollen oder aber nicht. An diesem Punkt werden wir alle ohnehin nicht zusammen kommen. Aber wenn man akzeptiert, dass ein anderer eine andere Meinung haben darf und er, genau wie man selbst, nicht ohne Fehl und Tadel ist, dann ist schon viel gewonnen.

Quelle: n-tv.de

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