Redelings Nachspielzeit

Als Hoeneß Calmund attackierte "Was Bayer macht, ist Menschenhandel"

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Calmund (links) und Hoeneß waren zur Wendezeit nicht gerade die besten Freunde.

Der Fußball reagierte damals in der Wendezeit des Jahres 1989 wie so häufig am schnellsten. Kaum waren die Grenzen offen, schwirrten auch schon die Manager aus, um DDR-Stars zu verpflichten. Eine irre Zeit mit verrückten Methoden - und viel Trubel im immer noch geteilten Deutschland.

Die schönsten Worte sagte im November 1989 der gebürtige West-Berliner und Profi des 1. FC Köln, Pierre Littbarski. Für ihn hatte die Grenzöffnung vor allem praktische Auswirkungen: "Wenn jetzt die Kinder beim Spielen einen Ball über die Mauer schießen, können sie ihn wenigstens wiederholen." Es waren die ersten Tage nach dem 9. November, als Deutschland in Ost und West vom Fall der Mauer ganz beseelt war - und bei Littis Kölner Heimatverein ein Ankündigungsplakat für Heiterkeit sorgte "DDR-Flüchtlinge haben freien Eintritt", stand dort auf einem Extra-Banner quer über das Plakat. Und darunter hatte jemand handschriftlich geschrieben: "Haben die nicht schon genug gelitten?"

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Doch schnell war es mit der Freude und Sorglosigkeit auch schon wieder vorbei. Nur sechs Tage nach dem Fall der Mauer pries Jürgen Sparwasser, der DDR-Held von 1974, in der damals größten deutschen Sportillustrierten vier Fußballer aus der DDR-Oberliga an. Stürmer Andreas Thom, Torwart Dirk Heyne und die beiden Mittelfeldspieler Matthias Sammer und Rico Steinmann. Über Andreas Thom sagte der ehemalige Nationalspieler sogar: "Der ist so gut wie Rudi Völler. Thom würde auch bei den Bayern nicht auf der Bank sitzen." Dieses Urteil eines Insiders ließ die Manager der Bundesliga natürlich aufhorchen. Und einen ganz besonders: Bayers schwergewichtiges Unikat Reiner Calmund fackelte nicht lange und fuhr von Leverkusen direkt über die geöffnete Grenze.

Die Legende besagt, dass Calmund damals die ostdeutschen Länder flächendeckend mit sogenannten Optionsverträgen ausgestattet habe. Wer Lesen und Schreiben konnte, setzte im Austausch mit einem kleinen DM-Scheinchen als Anzahlung auf die späteren Millionenerlöse seinen Otto unter Callis "Knebelvertrag". Vom Platzwart über den Getränke- und Würstchenverkäufer bis hin zum angehenden Nationalspieler ließ der rheinische Pate jedermann unterschreiben, der potenziell einmal im Bayer-Imperium von Bedeutung sein könnte. Calli kannte nun auch im Osten jeder, und alle wussten Bescheid darüber, wie geschäftstüchtig und flink er von Rostock bis Leipzig alles unter Vertrag genommen hatte, was Profit versprach. Und der Bayer-Manager war es auch, dem es gelang, den ersten "historischen Transfer" (Calmund) zwischen der DDR und der BRD über die Bühne zu bringen.

"Dieser Plastikklub macht die Preise kaputt!"

Andreas Thom von Dynamo Berlin wechselte nur knapp zwei Monate nach dem Fall der Mauer als erster Spieler der DDR ("Thom macht das Tor auf", so damals der "Kicker") offiziell in den Westen zu Bayer Leverkusen. Als Ablösesumme waren 3,8 Millionen Mark plus Arzneimittel im Gegenwert von einer Million Mark im Gespräch, auch wenn Calmund sagte: "Es steht keine Fünf vor dem Komma, keine Vier und keine Drei. Das schwör ich beim Augenlicht meiner Kinder!" Thom war das ohnehin alles egal - er war einfach nur begeistert: "Ich find das gut, der erste Legale zu sein. Denn abgehauen wär ich nie!" Der Transfer nach Leverkusen kam auch deshalb zustande, weil Calli eines Mittags bei den Thoms höchstpersönlich klingelte, nur kurz die Dame des Hauses mit einem Blumenstrauß und den Herrn mit einem Händedruck begrüßte und dann direkt ins Kinderzimmer durchlief. Dort packte er zusammen mit Thoms Tochter Janine das große Paket mit der Holz-Eisenbahn aus, setzte sich auf den Boden und spielte erst einmal in Ruhe eine Runde Dampflok. Den begeisterten Eltern rief er jovial und gelassen zu: "Dat mit dem Vertrach machen wir dann nachher janz gemütlich bei einem Happen Essen!"

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Bestseller-Autor und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein legendäres Anekdoten-Schatzkästchen. Für ntv.de schreibt er montags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und seinem aktuellen Buch ("60 Jahre Bundesliga. Das Jubiläumsalbum") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

So erfreut Calmund und die Thoms waren, so irritiert und erzürnt reagierte die Liga. Der Kommentar von Karlsruhes Trainer Winfried Schäfer über den ersten Ost-West-Transfer war dabei noch der harmloseste: "Ich kannte den Thom schon, als der Calmund noch das Bayer-Kreuz in die Aspirin-Tabletten drehte." Kölns Coach Christoph Daum wurde da schon deutlicher: "Dieser Plastikklub macht die Preise kaputt!" Und Nürnbergs Präsident Gerd Schmelzer zeigte sich öffentlich verwundert über die Geschäftspraktiken von Bayer Leverkusen: "Die Mauer war noch gar nicht ganz offen, da kam Calmund schon mit dem Geldkoffer. Das ist unmoralisch." Doch niemand war so sauer wie Bayerns Manager Uli Hoeneß: "Die nehmen gleich mehrere Spieler unter Vertrag, nur um sie anderen Klubs vorzuenthalten und dann weiterzuverkaufen. Die handeln mit Menschen wie mit Pillen, das sind ganz üble Machenschaften."

Nur langsam beruhigten sich die Gemüter in der Bundesliga wieder. Einerseits, weil auch andere Vereine aus Westdeutschland sich in der DDR-Oberliga bedienten und andererseits, weil offensichtlich wurde, dass Bayer zwar mit Andreas Thom und Ulf Kirsten hervorragende Spieler erworben hatte, sie aber auf dem Weg zur erhofften Deutschen Meisterschaft nicht wirklich weitergekommen waren. Den von Bayer bis heute so ersehnten Titel holte 1992 der VfB Stuttgart schließlich mit Matthias Sammer. Über den hatte Jürgen Sparwasser damals nur sechs Tage nach der Öffnung der Grenzen in der "SportBild" gesagt: "Der ist auch im Kopf klar, weiß, was er will." Und Bayer? Die holten 1994 dann den "echten" Rudi Völler nach Leverkusen. Und der spielte noch ein Jahr mit Andreas Thom, dem "Ost-Völler", erfolgreich zusammen - auch wenn sie beide am Bayer-Status "Vizekusen" nichts ändern konnten.

(Dieser Artikel wurde am Dienstag, 04. Oktober 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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