Redelings Nachspielzeit

In Zeiten des internationalen Terrors Mit dem Fußball zurück in unser Leben

Dieses Spiel werden wir nie vergessen! Heute Abend geht es um mehr als nur um Fußball. Es geht um unser Leben und um unsere Freiheit. Der Fußball als Signal an die Verrückten da draußen: Wir machen weiterhin das, was wir lieben!

Es fällt schwer im Moment, klar zu denken. Unsere Welt ist wieder einmal komplett aus ihren Fugen geraten. Das eigene Lachen, die unbeschwerten Momente der Fröhlichkeit kommen einem als Verrat an den Toten vor. Unpassend ist alles Schöne in diesen schweren Stunden. Der Kopf ist auf düster gestellt. In einem Augenblick der Stille schleichen sich unbewusst Zeilen aus einem Gedicht von Bertolt Brecht in meine Gedanken. Seit Jahren habe ich nicht an dieses Gedicht gedacht. Aber es passt. Brecht hat es irgendwann zwischen 1934 und 1938 verfasst: "Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!"

Heute Abend steht nun ein Länderspiel an. Ein echter Klassiker. Deutschland gegen die Niederlande. Und ob man will oder nicht: Automatisch denkt man zurück an all die unvergesslichen Spiele, die man zwischen den beiden Nationen schon erlebt hat. Ich sehe mich als zwölfjährigen Jungen zu Hause vor dem Fernseher sitzen. Die Mutter korrigiert am Esstisch Hefte, der Vater und Bruder sind auswärts schauen. 1988. EM. Halbfinale. Und ich verfluche Jürgen Kohler und Eike Immel, weil sie dem unwiderstehlichen Marco van Basten ebenso wenig widerstehen konnten. 2:1 für die Niederlande. Wir sind raus. Und Ronald Koeman wischt sich mit dem Trikot von Thon den Hintern.

Das Normale wird hinterfragt

Zwei Jahre später sitzen wir in Südfrankreich alle gemeinsam in einer Kneipe. Vorne die Holländer, dahinter wir. Klinsmann macht das Spiel seines Lebens und Schnauzbart Völler wischt sich die Spucke von Rijkaard aus dem lockigen Haar. Unglaubliches Ding, das Spiel. Ich höre noch, wie Franz Beckenbauer zu Reinhold Beckmann sagt: "Der Jürgen Klinsmann hat über seine 
Verhältnisse gespielt."

Doch halt. Eigentlich wollte ich nicht über Fußball schreiben. Wenigstens nicht direkt. Aber ich konnte nicht anders. Und das ist wohl ein gutes Zeichen. Auch wenn ich es selbst sofort wieder hinterfrage. Wir werden heute Abend kein normales Spiel erleben. Unsere Gedanken werden woanders sein. Bei jedem Spielzug, bei jedem Tor, bei jeder noch so kleinen Aktion. Doch es ist wichtig, dass es weitergeht. Wir alle müssen wieder zurück in die Normalität. Unser Alltag muss wieder in die Spur kommen. Und der Fußball wird uns dabei helfen. Er wird uns Halt geben. Wie so oft, wie eigentlich immer.

Auf dem grünen Rasen sind alle Menschen gleich

Die gemeinsamen Erinnerungen an die großen Spiele, die unvergesslichen Momente, die unsterblichen Helden verbinden unsere Welt auf eine fast magische Art und Weise. Das Spiel ist rein und wird es immer bleiben. Auf dem Platz verschwimmen alle Grenzen. Es ist die größte Banalität überhaupt, aber sie ist so wahr: Auf dem grünen Rasen sind alle Menschen gleich. Es zählt nur eins: dass du kicken kannst. Wenn die Welt doch nur immer so einfach wäre! So, wie 1974, als sich der niederländische Bondscoach Rinus Michels vor dem WM-Finale über die deutsche Boulevard-Presse aufregte, die ein außereheliches Amüsement einiger seiner Spieler aufgedeckt hatte. Michels sagte damals: "Im Moment gibt es Krieg, und Krieg ist Krieg. Sonntag nach dem Spiel herrscht wieder Friede". Und so kam es!

Brecht hatte damals recht. Tatsächlich gibt es in diesen Tagen eigentlich nichts Unwichtigeres als ein Fußballspiel. Eigentlich. Denn eins ist auch gewiss: Heute Abend zeigen wir den Verrückten da draußen, dass wir unser Leben nicht ändern werden. Wir werden weiterhin das tun, was wir lieben. Und es wird der Tag kommen, an dem wir wieder unbeschwert über den berühmten Spruch von Bill Shankly ("Manche Leute halten Fußball für eine Sache von Leben und Tod. Ich bin von dieser Einstellung sehr enttäuscht. Ich kann Ihnen versichern, es ist sehr viel wichtiger als das!") leise und zufrieden lächeln können. Im Moment scheint uns das alles fern. Wir glauben, die Welt wird immer so ernst bleiben. Doch das wird sie nicht. Und heute Abend werden wir den Anfang machen. Bei einem Fußballspiel, das wir nie vergessen werden. Und das ist gut so. Denn unsere Erinnerungen wird Hass niemals töten können!

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema