Redelings Nachspielzeit

Fußball-Zeitreise, 8.06.1991 Schiri klaut Legende das Abschiedsspiel

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Hatte sich seinen Abschied anders vorgestellt: Eintracht-Legende Charly Körbel wird vor seinem letzten Spiel gelbgesperrt.

(Foto: imago sportfotodienst)

Charly Körbel, Eintracht Frankfurts Kultspieler, hatte sich auf seinen emotionalen Abschied vor heimischem Publikum aus der Bundesliga nach sensationellen 603 Spielen schon so gefreut - doch ein übereifriger Schiedsrichter sorgte für einen unversöhnlichen Ausklang!

Schiedsrichter gibt es solche und solche. Den einen fällt der Karton schon aus dem Hemd, wenn ein Spieler nur zu aggressiv mit der Schulter zuckt, die anderen erwecken oftmals den Anschein, sie hätten ihre Karten im Spind in den Katakomben vergessen. Der beliebte Schiedsrichter Walter Eschweiler gehörte eher zur zweiten Sorte. Er galt unter den Fußballern als besonders besonnen und als ein Mann, der Probleme lieber verbal als mit großer Geste löste: "Wenn sich ein Spieler ein wenig danebenbenahm, dann habe ich ihm sofort angeboten, ihn in meine 'Kundenkartei' aufzunehmen. Aber es gab wirklich nur wenige, die Interesse an meiner Offerte hatten."

Den großen Star und Weltmeister Franz Beckenbauer ließ Eschweiler nach einem groben Foulspiel lieber persönlich antreten - und fragte ihn dann mehrmals nach seinem Namen, bevor er sich diesen auch noch einmal genau buchstabieren ließ. Eschweiler erzählt heute noch mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht: "Da brauchte ich keine Karte mehr. Der war ohnehin schon konsterniert genug!" Anders ist der Fall bei Schiri Michael Prengel gelagert gewesen. Im Sommer 1991 erlangte er durch sein egozentrisches Verhalten für einen Spieltag traurige Berühmtheit. Und das kam so.

"Da klaut der Schiri dem Charly sein Abschiedsspiel"

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In seinem letzten Bundesligaspiel blieb Charly Körbel nur der Platz auf der Tribüne.

(Foto: imago/Sportfoto Rudel)

Der Frankfurter Karl-Heinz "Charly" Körbel hätte damals gerne noch eine Partie auf seinen Fabel-Rekord oben draufsatteln wollen, doch ihm kam am vorletzten Spieltag Schiedsrichter Prengel in die Quere. 603 Partien in der Fußball-Bundesliga - alle für einen Verein, alle für seine Frankfurter Eintracht - sollten es am Ende eigentlich sein, doch der Mann in Schwarz hatte etwas dagegen. Als Michael Prengel an diesem sommerlich warmen 8. Juni 1991 in die Brusttasche griff und den gelben Karton zückte, lief Charly Körbel ein eiskalter Schauer den Rücken hinunter. Doch schon ein paar Sekunden später verzog er die Miene zu diesem legendären, mürrisch dreinblickenden Körbel-Gesicht, das jeder Sportschau-Gucker aus dieser Zeit noch heute spielend nachmachen kann - und beschwerte sich lautstark beim Schiedsrichter. Sollte seine lange, lange Karriere tatsächlich an diesem Nachmittag am Hamburger Millerntor nach einem nur mäßig aufregenden 1:1 gegen den FC St. Pauli enden? Sie sollte.

Die vierte gelbe Karte der Saison (damals durfte man sich eine weniger als heute bis zur ersten Sperre leisten) durchkreuzte den Plan des Abwehrspielers, seine Laufbahn im heimischen Waldstadion gegen den VfB Stuttgart mit dem Einzug in den Uefa-Pokal stilvoll ausklingen zu lassen. Karl-Heinz Körbel war an diesem Tage so sauer über die Entscheidung des Schiedsrichters, dass er mit niemandem reden wollte. Wutschnaubend lief er an Freund und Feind vorbei in die Kabine und zischte mit hochrotem Kopf durch die zusammengepressten Zähne nur ein schnelles: "Kein Kommentar!" Sein Mitspieler Andreas Möller war nicht weniger erregt, schimpfte aber wenigstens direkt in die Fernsehkameras: "Da klaut der Schiri dem Charly sein Abschiedsspiel in Frankfurt."

Beobachter vor Ort teilten Möllers Meinung und solidarisierten sich mit dem "vorbildlichen Sportsmann" Charly Körbel. Der "kicker" prangerte an: "Ein Allerweltsfoul, Körbels erstes im Spiel - und der Unparteiische zeigte sofort Gelb." Zudem attestierte man dem Düsseldorfer Prengel, "kaum bundesligareif" gepfiffen zu haben. Fahrig und unsouverän habe der Schiedsrichter in nur elf Minuten vier gelbe Karten gezeigt - eine davon auch dem Frankfurter Oldie Körbel, obwohl dieser vor der Partie Prengel die besondere Situation extra erklärt hatte. Und was meinte der vielgescholtene Schiri zu all der Aufregung um seine Person: "Es hat mir nicht leid zu tun, er hätte sich anständig benehmen sollen." Formal vielleicht korrekt, menschlich aber mehr als unanständig.

Schiedsrichter wird aus der ersten Liga verbannt

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Beschwerte sich gerne lautstark beim Schiri: Charly Körbel in seiner vorletzten Bundesligasaison.

(Foto: imago/Oliver Hardt)

Und dass Körbel tatsächlich das Abschiedsspiel vor heimischem Publikum und die 603. Partie in der Fußball-Bundesliga von einem "kaum bundesligareifen" Schiri geklaut wurde, sollte sich in den Folgejahren noch überaus bemerkenswert bestätigen. Nach 40 Karten in neun Partien in der Spielzeit 1990/91, 43 gelben, 3 gelb-roten und einer roten Karte in zehn Begegnungen in der Saison 1991/92, reichten die 17 (!) gelben Karten in nur zwei Partien der folgenden Spielzeit aus, um Prengel endgültig aus der ersten Liga zu verbannen. Doch in der Zweiten durfte der Mann aus Düsseldorf weiter ran und sorgte am 11. Juni 1995 für einen Eklat, der weltweit Beachtung fand. Bei der Begegnung zwischen dem VfB Leipzig und dem Chemnitzer FC zeigte er dem Leipziger Ronald Werner die rote Karte, obwohl er ihn eigentlich "nur" mit Gelb-Rot vom Platz schicken wollte. Doch als er registrierte, dass Werner noch gar keine gelbe Karte gesehen hatte, entschied er sich um und zückte die rote. Das Spiel wurde wiederholt - und schlussendlich doch gewertet, weil die Fifa Prengels Entscheidung als Tatsachenentscheidung ansah.

Was Charly Körbel im Sommer 1995 nach dem Fauxpas von Prengel in Leipzig gedacht hat, ist leider nicht bekannt. Walter Eschweiler wird vermutlich den Kopf geschüttelt und an früher zurück gedacht haben. Als sich bei einem Länderspiel einmal der Italiener und gläubige Katholik Bruno Conti spektakulär im französischen Strafraum fallen ließ, beugte sich Eschweiler über ihn und sagte: "Bruno, stehen Sie bitte auf. Der Heilige Vater schaut zu. Ihr Seelenheil ist in Gefahr." Vielleicht hätte Michael Prengel am 8. Juni 1991 auch besser einmal über sein Seelenheil nachgedacht und bei Charly Körbel Gnade vor Recht walten lassen sollen.

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Quelle: n-tv.de

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