Redelings Nachspielzeit

Redelings über den FC Bayern Warum sind die anderen bloß so dumm?

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"Die Leute gehen zum Fußball, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht."

(Foto: imago/Xinhua)

Wer sich einmal in die Gefühlswelt eines Bayern-Anhängers versetzt, der sieht die Welt plötzlich mit ganz anderen Augen. Wieso sollten ausgerechnet die Münchener für mehr Spannung in der Fußball-Bundesliga sorgen? Eben!

Der gute, alte Sepp Herberger wusste genau, was die Faszination dieses wunderbaren Sports, dem alleine in Deutschland Woche für Woche Millionen Fans begeistert ihre Aufmerksamkeit schenken, ausmacht: "Die Leute gehen zum Fußball, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht."

Auch wenn es nicht ganz leicht fällt: Versetzen wir uns doch einmal für einen kleinen Moment in die Gefühlswelt eines Fans des FC Bayern - und denken dann noch einmal über Herbergers Satz nach. Und schon wird einem klar, richtig toll kann die momentane Situation in der Bundesliga auch aus dieser Perspektive nicht sein. Ganz im Gegenteil: Als Anhänger des FC Bayern fühle ich mich plötzlich an meine Kindheit zurückerinnert. Damals als das Weihnachtsfest noch das Größte, der Höhepunkt des Jahres war, weil man einfach noch nicht wusste, was passieren wird und ob einen das Christkind auch dieses Mal nicht vergessen hat.

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Ja, ist denn heut schon Weihnachten? Thomas Müller.

(Foto: imago/DeFodi)

Der Zauber um den Heiligen Abend verflog genau in dem Augenblick, als das Ganze zur Routine wurde, weil man ab einem bestimmten Alter eben genau wusste, wie es ausgehen würde. Selbst die Geschenke kannte man schon vorher, weil man sie sich selbst ausgesucht hatte. Das Fest war natürlich immer noch schön, aber um es abgewandelt mit Thomas Müller zu sagen: "Mein erstes Mal Weihnachten war schon emotionaler." Kurzum: Die momentane Situation in der Liga ist für alle Beteiligten nicht befriedigend. Es fehlt einfach etwas. Etwas ganz Entscheidendes. Und das hat Herberger auf den Punkt gebracht. Aber wie kommt man aus diesem Dilemma wieder raus?

Ich, in der Haut des FC Bayern-Fans, kann da nur mit den Schultern zucken. Schon schade, wie dumm die Konkurrenz ist. Wir machen ja auch Fehler, siehe Ancelotti, aber dann haben wir eben schnell die richtige Antwort parat und lösen das Problem. Früher kam dann stets der Franz, heute der Jupp. Und schon ist wieder Ruhe im Karton. Aber was rede ich groß drum herum? Im Grunde ist uns die Meisterschaft doch fast egal. Unsere Feste feiern wir schon lange nicht mehr national. Unsere Party ist die Champions League - da weiß man wenigstens nicht, wie es ausgeht.

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Da gibt es noch ein vollkommen unbekanntes Ende. Dort holen wir uns die Spannung und den Nervenkitzel, den unsere Mitstreiter in der Liga beim Kampf um die internationalen Plätze und gegen den Abstieg verspüren. Und da müssen wir Jahr für Jahr alles geben. Deshalb haben wir national auch keine Kohle zu verschenken. Das Geld brauchen wir dringend für das Konzert der Großen. Schließlich wollen wir dort ordentlich mitspielen und nicht so ein jämmerliches Bild abgeben wie unsere "Konkurrenten" in der Bundesliga.

"Versuch’s mal mit Köpfchen"

Wir haben uns unseren Wohlstand und unsere Stellung hart erarbeitet. Oder wie Hoeneß es gesagt hat: Wir haben nichts von irgendeiner reichen Tante in Amerika geerbt oder irgendwann im Lotto gewonnen. Ihr könnt uns glauben: Wir würden auch gerne mal wieder erst in der letzten Minute Meister werden. Das macht doch viel mehr Spaß, wenn man den Gegner auf den letzten Metern abhängen kann. Auch unseren berühmten Bayern-Dusel haben wir uns schließlich hart erarbeitet. Das Glück bekommst du nämlich nicht einfach so geschenkt. Das musst du dir verdienen. Und das haben wir. Deshalb können wir über das ständige Gejammer der anderen auch nur müde lächeln. Sollen sie doch selbst einmal so fleißig und intelligent arbeiten wie wir.

Dass die Liga ein Problem hat, liegt nicht an uns. Da müssen sich die anderen Vereine schon selbst an die eigene Nase fassen. Aber jetzt ist mal Schluss mit dem Perspektivwechsel. Das hält ja keiner lange aus. Und neue Erkenntnisse bringt es auch nicht. Außer vielleicht eine Sache, die allerdings nicht ganz unwichtig ist: Auch wenn einem das Gerede der Bayern häufig genug etwas hochnäsig und wenig sozial erscheint - nachvollziehen kann man es.

Solange es die Champions League gibt und die Spieler in ihren Nationalteams alle zwei Jahre weiteren attraktiven Titeln hinterher eifern können, gibt es keinen Grund für den FC Bayern, national auf Geld zu verzichten, um mit der Stärkung der Solidargemeinschaft möglicherweise die Spannung in der Bundesliga wieder zu erhöhen.

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Letztendlich bleibt den Fans in Deutschland nur eine Sache übrig: Sie müssen darauf warten und hoffen, dass sie beim FC Bayern in München eine ganze Reihe von Fehlern machen. Doch das haben sie in den letzten vierzig Jahren, seitdem Uli Hoeneß zum Manager und Patron des Klubs wurde, nicht getan. Vielleicht sollten sich die anderen Teams in der Liga deshalb mal einen weiteren Spruch Herbergers genauer anschauen: "Mit dem Kopf kommst du nur selten durch die gegnerische Verteidigung. Versuch’s mal mit Köpfchen." Schaden kann es nicht.

Ben Redelings mit seinen Comedy-Programmen unterwegs: Infos und Tickets zur Tour.

Quelle: n-tv.de

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