Sport
Toni Schumacher veröffentlichte 1987 das skandalträchtigste Buch der Bundesliga-Geschichte.
Toni Schumacher veröffentlichte 1987 das skandalträchtigste Buch der Bundesliga-Geschichte.(Foto: Imago/Sven Simon)
Dienstag, 07. März 2017

Redelings über einen Buchskandal: Wie Schumacher die Bundesliga provozierte

Von Ben Redelings

Vor 30 Jahren erscheint Toni Schumachers Buch "Anpfiff". Bis heute ist es einer der größten Skandale der Bundesliga-Geschichte. Der Kölner Keeper weiß schon damals warum: "Weil die Wahrheit in Deutschland verboten ist".

Es ist wohl das kommerziell erfolgreichste Fußball-Buch, das je geschrieben wurde – und zudem auch das meistdiskutierte. Auf alle Fälle sorgte der damalige Nationaltorhüter Toni Schumacher für eine Besonderheit. Als sein Werk "Anpfiff" an seinem Geburtstag, dem 6. März 1987, erschien, vergaß man vor lauter medialem Trubel nicht nur in Köln den am selben Tag stattfindenden Rosenmontag zu feiern.

Dass der Keeper des 1. FC während seiner langen Karriere sein Mundwerk nicht immer unter Kontrolle hatte, wusste er schon früh unter Beweis zu stellen. Nachdem Schumacher im Oktober 1983 dem "Fussball-Magazin" ein Interview gegeben hatte, kündigte die Monatszeitschrift in dicken Lettern auf dem Cover das Gespräch wie folgt an: "Unser Nationaltorwart macht reinen Tisch. Toni Schumacher: 'Jetzt packe ich aus!' Ein offenherziges Interview des Kölners über Missstimmungen und Missverständnisse." Am Anfang des Gesprächs habe der Keeper, so das Magazin, noch eine Sonnenbrille getragen, am Ende hätte er schließlich mit offenem Visier agiert.

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Im Oktober 1986 hieß es dann in derselben Zeitschrift: "Unter die Buchautoren geht Nationaltorhüter Toni Schumacher. Der deutsche Fußballer des Jahres wird im März 1987 anhand persönlicher Erfahrungen ein Porträt des deutschen Fußballs aufzeichnen, das im Droemer-Knaur-Verlag erscheint und den Arbeitstitel 'Die Einsamkeit des Torwarts' trägt."

Eine Besonderheit damals: Schumachers Manager Schmitz und sein Schützling arbeiteten bei der Erstellung des Buchs nicht mit einem deutschen Ghostwriter zusammen, sondern wählten als Autor den französischen Journalisten Michel Meyer. Angeblich sollen sie zu ihm gesagt haben: "Du bist Franzose, aber du schreibst besser Deutsch als wir, also mach du das Buch."

"Lieber Löwe als Schaf"

Direkt nach dem Erscheinen von Schumachers Werk wurde die Doping-Thematik zum eigentlichen Skandal des Buchs medial hochstilisiert. Vor allem auch deshalb, weil sich die gesamte Bundesliga von dem Vorwurf freisprach, dass irgendjemand zu irgendeinem Zeitpunkt verbotene Substanzen genommen habe. Autor Michel Meyer zeigte sich resigniert angesichts der verlogenen Reaktionen: "Ich bin verblüfft über die heuchlerische Haltung des DFB. Ich denke seit einigen Tagen an ein Chanson von Guy Béart, wo der Refrain beginnt: 'Er hat die Wahrheit, drum müssen wir ihn hinrichten.'"

Auch Jahre später wird Toni Schumacher noch sagen: "Ich würde das Buch sofort wieder schreiben. Lieber ein Jahr lang Löwe als zehn Jahre Schaf. Woher sollte ich ahnen, dass Wahrheit in Deutschland verboten ist?"

Neben der Doping-Thematik sind es vor allem die vielen kleinen Spitzen gegen Berufskollegen, die für Aufregung sorgen. Über den Schalker Nationalmannschaftskollegen Thon schrieb der Kölner: "Viele junge Spieler sind faule Säcke. Und ein paar sind dazu noch sträflich dumm. Olaf Thon ist ein Paradebeispiel." Auch in seiner Heimatstadt Düren war Schumacher nach der Veröffentlichung nicht mehr erwünscht. Weil er in seinem Buch ehemalige Nachbarn als "Asoziale", Väter als "Alkoholiker" und Mütter als "Mischung aus Schlampe und Kneifzange" tituliert hatte, lud ihn der Sportausschuss von einer Feierlichkeit wieder aus.

Kollegen bezeichnen Schumacher als Verräter

Harald "Toni" Schumacher ist seit einigen Jahren Vize-Präsident beim 1. FC Köln.
Harald "Toni" Schumacher ist seit einigen Jahren Vize-Präsident beim 1. FC Köln.(Foto: dpa)

Der Rest ist Geschichte. Die Reaktionen auch. Bayern-Keeper Jean-Marie Pfaff stellte ohne Umschweife fest: "Ich sage es ungern, aber für mich ist Schumacher ein Verräter. Große Spieler müssen Vorbilder sein. Toni soll in den Spiegel gucken und vor sich selber ausspucken." Und Sepp Maier ergänzte: "Es kann nur so sein, dass Schumacher nach der Weltmeisterschaft in Mexiko, bei der er ja unbestritten gut gehalten hat, dachte, er sei allmächtig und niemand könne ihm was anhaben. Ich habe sechs Bücher geschrieben, aber ein solches Buch würde ich noch heute nicht schreiben. So etwas gehört sich nicht."

Bernd Schuster, der damals beim FC Barcelona spielte, hatte noch Träume: "Libero, Pilot und dann ein Buch schreiben." Doch auf ein Rosenmontags-Theater wie Schumacher konnte der schlaue Fuchs gut verzichten: "Jetzt, wo ich noch spiele, werde ich auf keinen Fall ein Buch schreiben, obwohl ich einen Krimi liefern könnte, dagegen wäre Tonis Buch ein Micky-Maus-Heft."

Jens Lehmann profitiert von Schumachers Entlassung

Was die wenigstens wissen: Durch Schumachers Rauswurf in Köln entwickelte sich die Karriere eines anderen großen Nationalmannschafts-Torhüters in eine völlig andere Richtung. Bodo Illgner hatte kurz vor der folgenreichen Buchveröffentlichung bereits einen Vertrag in Nürnberg unterschrieben. Nun stand er plötzlich wie eine Eins im FC-Tor und war natürlich unverkäuflich. Der 1. FCN zeigte sich zwar gesprächsbereit - verlangte allerdings eine Abstandssumme von 300.000 Mark. Der FC musste zahlen.

Und noch ein späterer Nationalkeeper profitierte Jahre später indirekt durch die Entlassung Schumachers nach dem Buch-Skandal. In der Saison 1992/93 war dem damaligen Schalker Präsidenten Günter "Sonnenkönig" Eichberg nichts zu teuer. Für seinen Nachwuchstorwart Jens Lehmann engagierte er niemand geringeres als Toni Schumacher. Der ehemalige Nationaltorwart sollte dem talentierten, aber manchmal etwas hitzigen Lehmann auch abseits des Platzes das Rüstzeug zum Weltklassekeeper verpassen. Noch in der Vorsaison hatte nämlich Schalkes Berater Günter Netzer gemeint: "Der Jens überschätzt sich maßlos."

Auf die gemeinsamen Übungsstunden mit Schumacher freute sich Lehmann aber sehr: "Toni war für mich schon immer ein großes Idol. Was gibt es Besseres, als beim Besten zu lernen?" Und so brachte das umstrittenste Buch der Bundesliga-Geschichte am Ende auch noch zwei Nationaltorhüter auf den Weg. Wer hätte das an diesem trubeligen Rosenmontag im Jahre 1987 schon zu denken gewagt?

Das aktuelle Buch unseres Kolumnisten Ben Redelings: "Bundesliga-Album: Unvergessliche Sprüche, Fotos, Anekdoten" bei Amazon bestellen. Außerdem ist er gerade live mit seinen Programmen unterwegs: Infos und Tickets zur Tour

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen