Fußballticker

Automatisch aktualisieren
 WM 2018, Mo., 18. Jun. 14:00 Uhr SpieltagTabelle
Schweden 1:0 (0:0) Südkorea Spielbericht
 WM 2018, Mo., 18. Jun. 17:00 Uhr SpieltagTabelle
Belgien 3:0 (0:0) Panama Spielbericht
 WM 2018, Mo., 18. Jun. 20:00 Uhr SpieltagTabelle
Tunesien 1:1 (1:1) England Spielbericht
Sport
Was kann Eishockey, was Fußball nicht kann? Pure Begeisterung und echte Gefühle transportieren.
Was kann Eishockey, was Fußball nicht kann? Pure Begeisterung und echte Gefühle transportieren.(Foto: imago/ITAR-TASS)
Dienstag, 27. Februar 2018

Redelings vergleicht : Wo das Eishockey den Fußball aussticht

Von Ben Redelings

Der Triumphzug des deutschen Eishockeyteams in die Herzen einer ganzen Nation sollte auch die Fußballoffiziellen interessieren. All das, was der Bundesliga seit Jahren fehlt, zeigten die olympischen Stars: Natürlichkeit, Emotionen und viel "frei Schnauze".

Das tat so gut. Die herzliche, unbekümmerte Natürlichkeit der Eishockey-Jungs hat den sportlichen Erfolg dieser sensationellen Mannschaft noch einmal potenziert - und uns Fußballfans schmerzlich daran erinnert, was uns seit Jahren abgeht. Endlich einmal wieder nah dran sein zu dürfen und echte, nicht gefilterte und vorher bereits auf ihre Wirkung kontrollierte Emotionen sehen zu dürfen, das war ungewohnt und wunderschön zugleich. Einer dieser tollen Momente war es, als Kapitän Marcel Goc Minuten nach dem Halbfinale gegen Kanada mit Tränen in den Augen seinen Sohn in die Kamera grüßte und als stolzer Vater mitteilen durfte, dass er eine Medaille - als kleine Entschädigung dafür, dass er an dem Geburtstag seines Kindes nicht da sei - mit nach Hause bringen würde.

Oder die sprachlose Freude von Goalie Danny aus den Birken, der im Stile eines Helge Schneiders in Hochform die Frage des Reporters, "was denn hier gerade passiert sei" mit der locker-leichten Gegenfrage und einem fetten Grinsen auf den Lippen konterte: "Sagen Sie es mir!"

Video

Und andersherum seine ehrliche und unverfälschte Reaktion nach der dramatischen Finalniederlage: "Hat dir schon einmal jemand ins Herz gestochen? Das ist ungefähr das Gleiche. Der Moment, der tut sehr weh, aber du kannst es nicht ändern". Man möchte sich gar nicht ausmalen, was die Spieler und Offiziellen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nach einem ähnlich tragischen Ausgang hinterher - also viele Minuten später, frisch geduscht und gebrieft - in der sogenannten "Mixed Zone" erzählen würden. Wahrscheinlich irgendetwas von "Stolz", "toller Mannschaftsleistung" und "dem Positiven, das man aus so einer Niederlage mitnehmen müsste".

Im Fußball menschelt zu wenig

Die meisten Fußballfans haben bereits vergessen oder es wegen ihres noch jungen Alters nie kennengelernt, wie es ist, wenn ihre Stars und Idole eine menschliche Seite zeigen und vor allem nicht flunkern. Wie erfrischend ist da die Aussage des Bundestrainers Marco Sturm nach dem Halbfinalsieg zu bewerten, als er lächelnd meinte, dass er seinem Team am Abend durchaus noch "eine Runde Bier ausgeben" würde. Hat er wirklich "Bier" gesagt, mag sich der eine oder andere Fußballfreund gefragt haben. Denn die Zeiten, als ein Fußballer nach dem Gewinn eines großen Spiels offen zugab, dass es nun zur Feier des Tages nicht nur Mineralwasser mit einem Extraschuss Kohlensäure gebe, sondern es auch einmal ein Glas Pils sein dürfe, sind schon lange vorbei. Und so erinnert man sich noch heute mit Wonne an den völlig gedankenlos vorgetragenen und damit umso natürlicher wirkenden Satz des Klaus "Boxer" Täuber nach dem Europapokalsieg mit Bayer Leverkusen 1988: "Heute knall ich mir die Birne voll, bis mir das Bier zu den Ohren rausläuft!"

Ein lockeres Bad in der Fan-Menge am Frankfurter Flughafen wie bei Eishockey-Nationalspieler David Wolf sieht man im Fußball so gut wie nie.
Ein lockeres Bad in der Fan-Menge am Frankfurter Flughafen wie bei Eishockey-Nationalspieler David Wolf sieht man im Fußball so gut wie nie.(Foto: dpa)

In Zeiten, in denen Fußballer natürlich nicht mehr direkt nach Spielende zum Geschehen befragt werden können, sondern erst dann, wenn sie sich mit vorgehaltener Hand mit einem Pressebeauftragten ihres Vereins abgestimmt haben, sitzt man als Anhänger des nach wie vor wunderbaren Ledersports staunend vor dem Fernsehgerät, wenn in der Pause einer Finalbegegnung vor der alles entscheidenden Verlängerung ein Akteur live vor die Kamera tritt und wie Christian Ehrhoff etwas zu uns sagt - und sei es noch so banal: "Wir sind heiß. Wir spielen auf Sieg. Wir wollen die Goldmedaille holen." Näher dran kann man nicht sein - und genau das wünscht man sich als Zuschauer, egal bei welcher Sportart auch immer.

"Vorschläge für Antworten gegenüber der Öffentlichkeit"

Beim Fußball begann das ganze Elend mit Andreas Möller. Der damalige Frankfurter und sein Beraterteam um den Ziehvater Klaus Gerster hatten sich auf das Leben als Fußballprofi richtig gut vorbereitet. Bereits 1987 soll ein Rechtsanwalt ein Papier mit dem Titel "Vorschläge für Antworten gegenüber der Öffentlichkeit" ausgearbeitet haben, wie die "Sport Bild" im März 1992 schrieb. Darin standen so schlaue Allgemeinsätze wie "Ich spiele seit meinem … Lebensjahr für Eintracht Frankfurt. Ich bin Frankfurter und Eintrachtler. Ich fühle mich Eintracht Frankfurt und seinen Anhängern sehr eng verbunden." Fragen zum Thema Geld sollte Möller am besten so beantworten: "Entscheidend ist für mich die sportliche Fürsorge durch meinen Verein. Geld ist für mich nebensächlich."

Legendär auch Möllers Auftritt als BVB-Spieler vor der Dortmunder Südtribüne im September 1989. Per Stadionmikrofon ließ er die schwarz-gelben Fans wissen, dass er niemals innerhalb der Bundesliga wechseln würde. Mit süß-weicher Stimme verkündete er entschieden: "Meine Gedanken gehören nur Borussia." Die Füße allerdings waren zu diesem Zeitpunkt fast schon wieder in Frankfurt.

Sein späterer Mitspieler Axel Kruse nannte die "Vorschläge für Antworten gegenüber der Öffentlichkeit" schlicht und einfach "Lügenfibel". Seit dem Jahr 1987 hat sich der Profifußball nicht nur in Deutschland in vielerlei Hinsicht in keine ganz so gute Richtung entwickelt. Das ist mittlerweile allen Beobachtern wie Beteiligten klar. Wie dringend notwendig eine Kurskorrektur aber tatsächlich wäre, hat erst die so herzlich, unbekümmerte Natürlichkeit der Eishockeystars verdeutlicht. Danke auch dafür, liebes deutsches Eishockey-Nationalteam. Und Glückwunsch zur sportlich grandiosen Leistung und dem Gewinn der Silbermedaille, liebe "Mannschaft des Jahres 2018"!

Das Buch unseres Kolumnisten: "55 Jahre Bundesliga - das Jubiläumsalbum" bei Amazon bestellen. Ben Redelings ist mit seinen Comedy-Programmen unterwegs: Infos und Tickets.

Quelle: n-tv.de