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Im CL-Finale in einem Zweikampf mit Spaniens Ramos verletzt, hofft ganz Ägypten auf eine WM-Teilnahme Salahs: Nominiert ist er.
Im CL-Finale in einem Zweikampf mit Spaniens Ramos verletzt, hofft ganz Ägypten auf eine WM-Teilnahme Salahs: Nominiert ist er.(Foto: picture alliance / Nigel French/)
Mittwoch, 13. Juni 2018

Alles Mo Salah oder was?: Für Afrika heißt's bei der WM hopp oder top

Von Thomas Badtke

Fünf afrikanische Teams sind bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland dabei. Dank Liverpool-Star Salah ist Ägypten zwar in aller Munde. Für handfeste Überraschungen könnten aber drei andere Mannschaften sorgen.

Mit Ägypten, Nigeria, Marokko, Tunesien und Senegal vertreten fünf Mannschaften den afrikanischen Kontinent bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. "Chancen auf den WM-Titel haben sie alle nicht", sagt der sich im afrikanischen Fußball hervorragend auskennende Welttorhüter Lutz Pfannenstiel ntv.de. "Potenzial und Spaß am Fußball aber schon - und damit auch die Möglichkeit, den einen oder anderen Großen zu ärgern."

Der Welttorhüter

Lutz Pfannenstiel ist der erste Fußballer, der in seiner aktiven Karrieren auf allen sechs Kontinenten gespielt hat: 25 Vereine in 13 Ländern - nachzulesen in "Unhaltbar - Meine Abenteuer als Welttorhüter". Seit seinem Karriereende ist Pfannenstiel als TV-Experte für verschiedene nationale und internationale Sender wie ZDF, SRF, BBC und DAZN tätig. Er ist Auslandsexperte beim DFB und Trainerausbilder bei der Fifa. Für Fußball-Bundesligist 1899 Hoffenheim verantwortet er zudem den Bereich International Relations und Scouting. Pfannenstiel ist Gründer von Global United FC. Er ist bei Twitter, Facebook und Instagram aktiv.

Für Pfannenstiel, der einst selbst unter anderem in Südafrika kickte, sticht dabei aber nicht etwa Ägypten mit Liverpools Superstar Mohamed Salah heraus: "Ich glaube zwar, Salah ist fit und kann spielen. Aber das Gefälle innerhalb der Mannschaft ist einfach zu groß. Das ist keine homogene Truppe auf einem Niveau wie beispielsweise Dänemark ", so der Welttorhüter. "Logisch spielt Ägypten mit Salah einen offensiven, attraktiven Fußball. Klar ist aber auch, dass Ägyptens Spielweise wegen Salah leicht auszurechnen ist." 

Marokko: ein Motivator an der Linie

Nigeria und Marokko schätzt Pfannenstiel deshalb höher ein: "Das sind für mich die beiden besten afrikanischen Mannschaften bei dieser WM. Marokkos Team ist sehr ausgeglichen, der Kader voll mit in Europa kickenden Spielern wie Amine Harit von Schalke 04 oder auch Achraf Hakimi von Real Madrid", unterstreicht er.

Marokkos Schlüssel ist der Trainer: Hervé Renard  ist sensationell mit Sambia Afrikameister geworden, danach auch mit der Elfenbeinküste. "Er kann aus jeder Mannschaft das Optimale herausholen, kann motivieren, kann pushen", hebt Pfannenstiel hervor, räumt aber ein, dass wohl kaum ein Experte das Team mit Gruppengegnern wie Ex-Weltmeister Spanien und Europameister Portugal auf der Liste haben dürfte. "Ich denke aber, dass Marokko zumindest Portugal ein Bein stellen könnte."

Nigeria: jung, unbekümmert, offensivstark

Lutz Pfannenstiel ist bei der WM als TV-Experte vor Ort.
Lutz Pfannenstiel ist bei der WM als TV-Experte vor Ort.

Eine noch schwerere Gruppe hat Nigeria erwischt, das gegen Vize-Weltmeister Argentinien, Kroatien und die EM-Überraschung Island spielen muss. "Das ist in meinen Augen die schwerste Gruppe bei der WM", konstatiert Pfannenstiel. "Zum einen ist das Niveau unheimlich ausgeglichen. Zum anderen treffen vier komplett verschiedene Arten Fußball zu spielen aufeinander. Andere Spielweisen, andere Spielsysteme. Da kann jeder jedem weh tun."

Nigerias Pluspunkte für Pfannenstiel: "Nigeria ist die jüngste und die schnellste Mannschaft des Turniers. Sie hat zudem ein enormes Potenzial und mit Gernot Rohr einen international anerkannten und sehr erfahrenen Trainer." Die Stärken der "Super Eagles" sieht der Welttorhüter in der Premier-League-gespickten Offensive mit Flügelstürmer Victor Moses vom FC Chelsea, Alex Iwobi vom FC Arsenal oder auch Kelechi Iheanachi von Leicester City.

Carl Ikeme, Nigeria spielt auch für ihn.
Carl Ikeme, Nigeria spielt auch für ihn.(Foto: imago/Uk Sports Pics Ltd)

"Das Problem Nigerias ist die Defensive. Anfällig ist sie vor allem bei Angriffen von außen", stellt Pfannenstiel fest, der in der Torwartposition eine weitere Baustelle ausgemacht hat. "Unverschuldet", räumt er ein. "Der Stammtorwart Carl Ikeme von den Wolverhampton Wanderers fällt mit Leukämie aus."

Ersetzen soll ihn Francis Uzoho. "Das ist ein gerade 19-Jähriger, der zudem mit Deportivo La Coruna aus der spanischen Primera Division abgestiegen ist", sagt Pfannenstiel. "Körperlich bringt er zwar alles mit, talentiert ist er auch - aber Weltniveau darf man von ihm nicht erwarten. Er muss noch lernen."

Tunesien: Achtelfinale "fast unmöglich"

Alles in allem hat in Pfannenstiels Augen Nigeria dennoch das Zeug, sich in der sogenannten Todesgruppe durchzusetzen. Im Achtelfinale könnte dann schon Frankreich warten. "Da wird sich dann zeigen, wie weit Nigeria schon ist." Wenn es dumm läuft, könnte aber auch der letzte Gruppenplatz drin sein – "mit null Punkten".

Tunesien sollte in seiner Gruppe zumindest gegen Panama gewinnen können. Einen Achtelfinaleinzug hält Pfannenstiel für "fast unmöglich", denn die anderen beiden Gruppengegner heißen England und Belgien und sind damit Mannschaften, die durchaus mit Titelambitionen ins WM-Turnier gehen. "Klar agiert Tunesien sehr diszipliniert, sind die Spieler taktisch versiert - für afrikanische Verhältnisse. Aber das allein dürfte in dieser Gruppenkonstellation nicht reichen."

Senegal kommt über die Zweikämpfe

Auch Senegal wird es in Pfannenstiels Augen schwer haben, die Chancen auf ein Überstehen der Gruppenphase sind aber durchaus gegeben: "Senegals Spiel ist ganz schwer ausrechenbar, auch wenn sie in der Regel ein klares taktisches 4-3-3-System spielen, in dem der Mittelstürmer von zwei agilen Flügelspielern gefüttert und unterstützt wird."

"Dazu zeichnet sich Senegal durch eine fast schon überharte Zweikampfführung aus", erläutert er. "Körperlich ist dieses Team unheimlich stark und unangenehm zu bespielen, dass sobald Mannschaften nach der Auslosung wissen, dass sie gegen Senegal ran müssen, ihnen schon die Knochen weh tun." Die Gruppengegner heißen Polen, Japan und Kolumbien und vor allem die Südamerikaner sind auch keine Kinder von Traurigkeit.

Was am Ende bleibt, sind viele Wenns und Abers. Vier afrikanische Mannschaften im Achtelfinale sind als absolutes Positivszenario ebenso drin wie ein komplettes Scheitern in der Gruppenphase. "Als Freund des afrikanischen Fußballs habe ich aber immer die Hoffnung, dass ein Team vom Kontinent möglichst weit kommt", so Pfannenstiel. "Und das Wunderbare am Fußball ist ja, dass er voller Überraschungen steckt."

Quelle: n-tv.de