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Sonntag, 13. Juli 2014

Schmerzen vor dem Happy End: Khedira und Kramer mit bittersüßem WM-Triumph

Nach seinem Kreuzbandriss kämpft sich Sami Khedira bravourös zurück, das WM-Finale soll sein Comeback krönen. Doch kurz vor dem Anpfiff muss er passen. Für seinen Ersatz Christoph Kramer scheint ein Fußballmärchen wahr zu werden. Bis er Bekanntschaft mit Argentiniens Abwehr macht.

Die Schocknachricht direkt vor dem Anpfiff sorgte gleich für zwei kurios-bittere Fußballgeschichten: Sami Khedira, der sich nach einem Kreuzbandriss innerhalb von nur acht Monaten zurück auf den Fußballplatz und vermeintlich bis ins WM-Finale gekämpft hatte, fiel wegen vergleichsweise banaler Wadenprobleme für das Endspiel gegen Argentinien aus. Während dies sehr bitter war, wurde für den Mönchengladbacher Christoph Kramer scheinbar ein Märchen wahr. Das aber dauerte dann nur 30 Minuten - und endete für den Youngster mit einem schmerzhaften Knockout.

Der 23-Jährige, der bis zum vergangenen Sommer noch in der zweiten Liga beim VfL Bochum spielte, war von Bundestrainer Joachim Löw zunächst nicht in den 30-köpfigen vorläufigen Kader nominiert worden. Nun stand er urplötzlich beim achten deutschen WM-Finale in der Startelf, und das auch noch im legendären Maracana - wo er mehrfach direkter Gegenspieler des viermaligen Weltfußballers Lionel Messi war. Kapitän Philipp Lahm, der in der Vorrunde noch im defensiven Mittelfeld gespielt hatte, beließ Löw auf der rechten Abwehrseite.

Garay rammt Kramer nieder

Nach einer Behandlungspause machte Kramer noch einmal weiter. Doch es reichte nicht mehr.
Nach einer Behandlungspause machte Kramer noch einmal weiter. Doch es reichte nicht mehr.(Foto: AP)

Allerdings verletzte sich Kramer bereits in der 16. Minute, als er mit dem Kopf gegen die Schulter des Argentiniers Ezequiel Garay prallte und kurz benommen liegen blieb. Kramer rappelte sich nochmal auf, doch eine weitere Viertelstunde später ging nichts mehr bei Kramer, er musste mit Verdacht auf Gehirnerschütterung vom Feld. Löw wechselte André Schürrle ein, Toni Kroos ging zurück ins defensive Mittelfeld, Mesut Özil rückte für ihn auf seine geliebte Position zentral offensiv.

Khedira hatte sich nach einigen körperlichen Problemen zuletzt in immer stärkerer Form präsentiert. In dem 27-Jährigen von Real Madrid und Bastian Schweinsteiger schien Löw seine ideale "Doppel-Sechs" gefunden zu haben. "Ich bin froh, dass beide wieder fit sind. Sie sind für uns enorm wichtig", hatte der Bundestrainer vor dem Endspiel gesagt.

Löw kommt sein Lieblingsspieler abhanden

Khedira war sogar der Erste gewesen, für den er seine eigene Marschroute, nur zu 100 Prozent fitte Spieler mitnehmen zu wollen, geändert hatte. Auf ihn wolle er warten bis zum letzten Moment hatte Löw stets beteuert. "Er ist mit seiner Persönlichkeit und Erfahrung unverzichtbar für die Mannschaft", hatte der 54-Jährige gesagt. Khediras Ziele waren klar: Das Endspiel in der Champions League mit Real Madrid bestreiten. Das klappte, und nach dem 4:1 nach Verlängerung gegen Stadtrivale Atlético darf er sich nun Champions-League-Sieger nennen. Der Traum vom WM-Finale wurde ihm kurzfristig genommen.

Das durfte dafür einer bestreiten, der vor wenigen Wochen noch nicht einmal damit gerechnet hatte, irgendwann in absehbarer Zeit Nationalspieler sein zu können. Das WM-Endspiel war erst das vierte Länderspiel für Kramer. Beim Länderspiel gegen Polen (0:0), als praktisch alle Stammspieler fehlten, empfahl er sich so mit Nachdruck, dass Löw ihn noch in den vorläufigen Kader nachschob. Im Trainingslager in Südtirol überzeugte er ihn endgültig. Im Achtelfinale gegen Algerien (2:1 n.V.) hatte Kramer ein WM-Debüt über elf Minuten gefeiert, gegen Frankreich im Viertelfinale (1:0) hatte er eine Minute spielen dürfen und schon nach diesen zwei Einsätzen von einem "Traum" gesprochen. Das sei für ihn "weltklasse".

"Eine Maschine"

Für den von Bayer Leverkusen an Gladbach ausgeliehenen Mittelfeldspieler sprach vor allem sein läuferisches Vermögen. "Über den Punkt, an dem es weh tut, kann ich einfach drüberlaufen", sagte er. "Eine Maschine" nannte ihn sein Vereinstrainer Lucien Favre, als "Marathonmann" wurde er beim DFB vorgestellt.

Für den früheren Bundestrainer Berti Vogts ist er "ein Typ wie Hacki Wimmer". Der spielte bei Gladbach, wurde 1974 Weltmeister, kam im Endspiel aber nicht zum Einsatz. Das hatte ihm Kramer voraus - wenn auch nur für 30 Minuten. Für das brasilianische Fernsehen kam der Einsatz so überraschend, dass Kramer zunächst fälschlicherweise Borussia Dortmund zugeordnet wurde. Erst nach zwei Minuten erfolgte die Korrektur.

Quelle: n-tv.de