Fußball-WM 2018

Die DFB-Elf übt für die WM Löws Schützlinge kuscheln im Lazarett

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"Wir werden immer mehr zu einem Team": Joachim Löw.

(Foto: dpa)

Tag sechs in Südtirol. Es regnet, aber alle fühlen sich wohl. Sagt der Bundestrainer. Und er sagt, dass die Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm, Manuel Neuer und Sami Khedira auf jeden Fall mit zur WM nach Brasilien fliegen. Alles kein Problem?

Was sagt der Bundestrainer?

Also sprach Joachim Löw: "Ich habe gemerkt, dass die Spieler ein bisschen Abstand vom Alltag gewonnen haben. Aus Konkurrenten werden Kollegen, aus Individualisten werden Teamplayer. Das Ich wird kleiner geschrieben, wir werden immer mehr zu einem Team." Gruppendynamisch scheint also alles im Lack zu sein bei Deutschlands besten Fußballern, die sich seit nunmehr sechs Tagen und noch bis Freitag in der Gemeinde St. Leonhard schönen Südtirol darauf vorbereiten, bei der Weltmeisterschaft in Brasilien so gut wie möglich abzuschneiden. Obwohl - so schön ist es gar nicht, neun Grad, es regnet. Die richtige Atmosphäre, um enger zusammenzurücken. Zumal die Spieler heute Nachmittag überraschend frei haben, sie sollen sich mal ausruhen. Aber reicht das für den Titel, den sie doch so gerne gewinnen möchten? Das weiß der Bundestrainer natürlich auch nicht, aber er ist nach wie vor guter Dinge, Verletzte hin, Personalsorgen her. "Eines ist klar: Wir werden mit einer wettbewerbsfähigen Mannschaft nach Brasilien reisen." Auch wenn es, das räumte er ein, "schon noch Dinge gibt, die wir entscheidend besser machen müssen".

Wie ist der Krankenstand?

Per Mertesacker hatte schon zuvor die Lage der Nation erklärt: "Es kann noch so viel passieren in den drei Wochen bis zum Start des Turniers." Nur, so wie es zurzeit läuft, muss das nichts Gutes bedeuten. Mittelfeldspieler Bastian Schweinsteiger trabt weiter am Spielfeldrand entlang und muss zusehen, wie die Kollegen mit dem Ball üben. Kapitän Philipp Lahm ist, wie Co-Trainer Hansi Flick berichtete, fleißig auf dem Ergometer unterwegs. Er soll aber laut Löw "morgen eine Laufeinheit absolvieren". Torhüter Manuel Neuer kann jetzt immerhin schon ohne Stützbinde am rechten Arm Interviews geben und bleibt ansonsten "noch einige Tage weiter in der Reha". Und Dortmunds Außenverteidiger Marcel Schmelzer plagt eine Prellung am linken Knie, er soll aber auch morgen laufen und ab Mittwoch sogar mit der Mannschaft trainieren. Aber fliegen Schweinsteiger, Lahm und Neuer definitiv mit zur WM? "Wir gehen davon aus, dass diese Spieler in ein paar Tagen voll belastbar sind. Ich sehe da keine Probleme."

Das gelte auch für Sami Khedira, der es immerhin geschafft hat, am Samstag exakt 188 Tage nach seinem Kreuzbandriss eine knappe Stunde für Real Madrid zu spielen, ohne sich erneut zu verletzten. Das ist viel wert, wie sich der defensive Mittelfeldspieler zurück in die Startelf gequält hat, ist aller Ehren wert und weit mehr, als zu erwarten war. Dennoch fehlten ihm beim Finale in Lissabon jene Kompromisslosigkeit im Zweikampf, jene Wucht und Präzision im Aufbauspiel, die ihn auszeichnen, wenn er topfit auf der Position des Sechsers vor der Viererabwehrkette spielt. Bleibt die Frage, ob er bis zum 16. Juni, also bis zum ersten Gruppenspiel gegen Portugal, wieder über diese Stärken verfügt, die ihn nicht nur in den Augen des Bundestrainers zum unverzichtbaren Antreiber im Maschinenraum des deutschen Spiels machen - neben seinem Wunschpartner Schweinsteiger. Drei Wochen sind es noch, Khedira redet gegen die Zweifel an und behauptet, er werde das schaffen. Immerhin wird er nach dem verlängerten 4:1 gegen Atlético Madrid als Champions-League-Sieger die WM-Trainingsgruppe bereichern. Ankunft: "Im Laufe des späten Abends." Er sei, beschwor der Bundestrainer, "gesundheitlich auf einem ordentlichen Niveau". Soll niemand sagen, dass er sein Führungspersonal nicht stützt.

Wer ist der Mitarbeiter des Tages?

André Schürrle, der Mittelfeldspieler des FC Chelsea hat nämlich vier Tore geschossen. Wie er das gemacht hat, können wir leider nicht berichten. Das Testspiel über viermal 20 Minuten gegen die deutsche U20-Auswahl von Trainer Frank Wormuth soll zwar stattgefunden haben, die Öffentlichkeit war aber in den letzten drei Vierteln ausgeschlossen. Der DFB berichtete folglich exklusiv aus dem Passeiertal von einem 7:1 der WM-Vorbereiter, zu dem Hoffenheims Kevin Volland und Lukas Podolski vom FC Arsenal ebenfalls Tore beisteuerten, wobei Volland nur halb so oft traf wie Schürrle, aber doppelt so oft wie Podolski. Bis zum Ende der Woche sind noch zwei weitere Partien gegen die U20 geplant, zuschauen dürfen wir auch da nicht. Aber vielleicht schmeißt Lukas Podolski bald wieder einen Journalisten in den Pool - und wird dafür gefeiert.

Und so geht’s weiter

bis 31. Mai: WM-Trainingslager in Südtirol

1. Juni: Deutschland - Kamerun, 20.30 Uhr

2. Juni: Meldung des endgültigen 23er WM-Kaders bei der Fifa

6. Juni: Deutschland - Armenien, 20.45 Uhr

7. Juni: Abreise ins WM-Quartier "Campo Bahia" in Santo André

16. Juni, WM-Vorrunde:
Deutschland - Portugal, 18 Uhr
21. Juni, WM-Vorrunde:
Deutschland - Ghana, 21 Uhr
26. Juni, WM-Vorrunde:
Deutschland - USA, 18 Uhr

Was machen die anderen?

Jürgen Klinsmann holt sich Berti Vogts ins Boot. Schon länger steht fest, dass der ehemalige Bundestrainer dem ehemaligen Bundestrainer und dem Team der USA, am 26. Juni letzter Gruppengegner der DFB-Elf, während des Turniers beratend zur Seite steht. "Seine Anwesenheit und sein Fachwissen werden uns einen Push geben." Am morgigen Dienstag aber spielen sie in San Francisco erst einmal gegeneinander. Schließlich trainiert Vogts ganz nebenbei noch die Nationalmannschaft Aserbaidschans. Das Spiel gegen die frühere Sowjet-Teilrepublik im ehemaligen Football-Stadion der San Francisco 49ers ist für Klinsmann dabei mehr als ein erster Härtetest. Die Tatsache, dass er Landon Donovan nicht mit nach Brasilien nimmt, hat in den USA eine bislang nie dagewesene Debatte zum Thema Soccer ausgelöst. Eine Niederlage gegen Aserbaidschan, derzeit die Nummer 85 der Weltrangliste, würde die Diskussionen weiter befeuern. Donovan selbst, der Klinsmann für seine Entscheidung kritisiert hatte, schießt indes munter seine Tore. Am Sonntag erzielte er für Los Angeles Galaxy beim 4:1 gegen Philadelphia Union seine Liga-Tore Nummer 135 und 136. Mehr als ein Spieler je zuvor in der MLS. Jeff Cunninghams Rekord ist Geschichte. "Die 135 vollzumachen", sagte Donovan anschließend, "war ein gutes Gefühl", und vor allem "nach dem, was in dieser Woche passiert ist." Was wohl Klinsmanns Sohn Jonathan dazu sagt?

War sonst noch was?

Der Chef sagt, was Sache ist. Das betrifft nicht nur die deutschen Nationalspieler, sondern auch weniger privilegierte Arbeitnehmer und die Frage, wie Schwarzrotgold der Büroalltag während der WM sein darf. "Ein Recht auf private Dekoration am Arbeitsplatz gibt es für Arbeitnehmer nicht", erklärt Swen Walentowski vom Deutschen Anwaltverein: "Als Eigentümer der Räumlichkeiten kann der Arbeitgeber das Schmücken des Arbeitsplatzes untersagen." Ein Ignorieren könnte sogar schwere Folgen haben: Schlimmstenfalls kann sogar eine Abmahnung drohen. Da wird Oliver Bierhoff aber enttäuscht sein. Der Manager der Nationalmannschaft hatte sich am Wochenende mit einem historischen Appell an die Fans gewandt. Motto: Frage nicht, was deine Fußball-Nationalmannschaft für dich tun kann, sondern was du für deine Fußball-Nationalmannschaft tun kannst. Und nun? Müssen die Schüler die Nation retten. Sind sie nicht eh unsere Zukunft? Bildung ist in der Bundesrepublik Sache der Bundesländer. Und zumindest einige Bildungsministerien erlauben ihren Schulen, selbstständig während der WM über den Unterrichtsbeginn zu entscheiden. Und so beispielsweise am Tag nach einem Deutschlandspiel erst mit Verspätung in den Tag zu starten. Ansonsten gilt: Hier bestimmt der Chef.

Und wer ist der Klassenclown des Tages?

Heute ausnahmsweise mal nicht Lukas Podolski. Und die anderen, auch Kevin Großkreutz, waren alle brav. Dafür wurde der Bundestrainer gefragt, ob er sich vorstellen könne, Podolski auch auf zentraler Position im Angriff einzusetzen. Also für den Fall der Fälle, falls zum Beispiel Teamsenior Miroslav Klose nicht bei Kräften sein sollte. "Eher nicht. Er ist mir lieber, wenn er aus der Tiefe kommt mit seiner Dynamik." Keine Pointe.

Quelle: ntv.de