Fußball-WM 2018

Niederlande mit perfekter Vorrunde Van Gaal stiehlt Robben die Show

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"Man of the Match" wurde Arjen Robben.

(Foto: REUTERS)

Die Niederlande hat ihr Endspiel um den Gruppensieg gegen Chile gewonnen, musste am Abend dennoch zittern, nicht auf Brasilien zu treffen. Arjen Robben überragt, am Ende sogar als Vorlagengeber, Louis van Gaal triumphiert auf seine Weise.

Der einzige Niederländer, der auch am Montag hartnäckig versuchte, schlechte Laune zu verbreiten, war Louis van Gaal. Das ganze Repertoire seiner ganz eigenen Antwort-Kunst zelebrierte der Bondscoach auf der Pressekonferenz nach dem Spiel - einem 2:0 gegen starke Chilenen, mit denen die Niederlande die Vorrunde mit drei Siegen abgeschlossen haben. Gurgeln und röcheln, pikiert Gegenfragen stellen, gekonnt ablenken und ignorieren. Es war eine Vorführung, allenfalls überboten von dem taktischen Plan, der in den neunzig Minuten zuvor gegen Chile so gut aufging.

Beide Trainer hatten in diesem Endspiel um ein von der Selecao befreites Achtelfinale darauf verzichtet, ihre Mannschaften grundlegend zu verändern. Zumindest personell. Louis van Gaal brachte drei neue Spieler, Bruno Martins Indi fiel mit einer Gehirnerschütterung und Robin van Persie mit einer Gelbsperre aus. Nur der Gelb vorbelastete Jonathan de Guzman wäre einsatzbereit gewesen. Van Gaal setzte als Ersatz auf die freien Verbindungselemente Jeremain Lens und Georginio Wijnaldum. Warum Dirk Kuyt eine Art verkappten Linksverteidiger gab, erschloss sich bis zum Ende nicht. Auch van Gaal hatte sich dessen reine Präsenz irgendwie anders vorgestellt und stauchte ihn in der zweiten Halbzeit an der Seitenlinie ordentlich zusammen, als wäre es ein niederländischer Journalist.

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Arjen Robben bekam sogar von chilenischen Fans Applaus und fiel danach Trainer Louis van Gaal erleichtert in die Arme.

(Foto: AP)

Dafür hatte van Gaal ja noch Glück. Zunächst, weil die lange Zeit aktiveren Chilenen in der ersten Halbzeit einige gute Angriffe nicht vollendeten. Später, weil der alles in allem starke Schiedsrichter Bakary Gassama aus Gambia sich an die Wutrede des Bondscoachs im Vorfeld zu erinnern schien und dieses Mal keinen Elfmeter gegen die Niederlande verhängen wollte. Die teilweise eingeschnürte Hintermannschaft um den umsichtigen Mittelmann Ron Vlaar, Reinkarnation des gefürchteten Jaap Stam, wurde von den Chilenen immer wieder in knifflige Zweikämpfe im Strafraum genötigt. Zumindest einmal, als Torhüter Jasper Cillessen in Ball und Gegenspieler Alexis Sanchez rauschte, hätte man bei einer anderen Vorgeschichte auch Strafstoß geben können. Doch Gassama blieb ruhig, auch die immer wilder protestierenden Chilenen im Itaquerao konnten ihn nicht überzeugen.

"Wir wollten spielen, aber sie nicht", grummelte dann auch Chiles Trainer Jorge Sampaoli, den muskulösen Oberkörper noch ein wenig mehr angeschwellt als sonst. "Mich interessiert nicht, was er sagt", knurrte van Gaal zurück. Und war da längst schon bei seiner Aktionskunst. Ein Journalist wollte die Defensivtaktik erklärt haben. "Können Sie mir eine Definition von Angriffsfußball geben? Sie stellen mir eine Frage, jetzt stelle ich Ihnen eine", die er dann doch gleich selbst beantwortete: "Die Sache ist: Man muss eine Mannschaft genauso spielen lassen, wie es ihren Qualitäten entspricht."

Erneut stechen die Joker

Also entschied van Gaal mit seinem Glück, wie er es selbst bezeichnete. Wie bei dieser Weltmeisterschaft üblich, war es zwei Einwechselspielern vorbehalten, für die Entscheidung zu sorgen. Leroy Fer und Memphis Depay trafen, als die Chilenen zunehmend müder wurden und unüberlegter angriffen.

Zuvor sah es so aus, als spiele van Gaal auf das Unentschieden, das für Platz eins gereicht hätte. Eine massive Fünfer-Abwehrkette mit dem Abräumer Nigel de Jong davor und vier relativ autark agierende Spieler in der Offensive. Wobei man die für den Großteil der Partie als Arjen Robben zusammenfassen kann. Dessen Zielstrebigkeit fand kurz vor Ende der ersten Halbzeit seine Blaupause, als Robben von der Mittellinie losstürmend drei Gegenspieler abschüttelte, am vierten vorbei lief und dann mit links das lange Eck anpeilte – in diesem Fall aber knapp verfehlte. In Brasilien ist gerade ein alles überragender Robben zu bestaunen, vielleicht sogar den zurzeit besten Fußballer der Welt.

Noch nicht überliefert ist, wie Louis van Gaal den Abend verlebte. Mit Sicherheit wird er sich die möglichen Achtelfinalgegner angeschaut und dabei festgestellt haben, dass weder Brasilien noch Mexiko gegen seine "Elftal" antreten wollten. Als um 18.40 Uhr Ortszeit die Mexikaner plötzlich mit den Brasilianern gleichauf lagen, legte sich van Gaal sicher schon die nächste Wutrede zurecht. Doch nur zwei Minuten später konnte er den Entwurf wieder verwerfen und sich auf Mexiko vorbereiten, das seit 1994 fünf Mal in Serie in WM-Achtelfinals scheiterte. Die Niederlande hingegen brachten schon vor sechs Jahren bei der Europameisterschaft das Kunststück zustande, unmittelbar nach einer furiosen Vorrunde mit maximaler Ausbeute auszuscheiden.

Zugleich heißt das, dass es für die etwas unglücklichen Chilenen, bei denen Sampaoli gegen die Niederlande lediglich auf den angeschlagenen und gelbgefährdeten Arturo Vidal verzichtete, wieder gegen Brasilien geht. Vor dieser Endrunde überstand Chile genau drei Mal die Vorrunde. Drei Mal gab Brasilien den Rausschmeißer.

Quelle: ntv.de