Fußball-WM 2018

Sieben Stiche ins Herz Brasiliens Weltmeisterliche DFB-Elf rauscht nach Rio

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Sie haben den Gastgeber einfach niedergewalzt: Die deutschen Spieler feiern mit den Fans.

(Foto: imago/Moritz Müller)

Ein surreales Spiel, unfassbar schlechte Brasilianer und eine deutsche Fußballnationalelf, der alles gelingt: Mit einem 7:1-Kantersieg katapultiert sie sich ins Finale der WM. Und Bundestrainer Joachim Löw hat jetzt ein Problem.

Wer einen Lehrfilm für Fußballprofis drehen will, sagen wir zum Thema: "Wie verhalte ich mich richtig in einem Hexenkessel?" - der kann sich den Aufwand sparen. Er muss seiner Zielgruppe einfach nur zeigen, wie die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gestern in diesem historischen Halbfinale der Weltmeisterschaft in und gegen Brasilien aufgetreten ist. Mit 7:1 - oder besser SIEBENZUEINS - hat die DFB-Elf vor 58.141 zum größten Teil fassungslosen Zuschauern die Gastgeber, man kann es nicht anders sagen, gedemütigt. Die deutschen Fans standen noch eine Dreiviertelstunde nach dem Spiel auf ihren Sitzen und riefen: "Wir woll’n die Mannschaft sehen!" Nun geht es an diesem Sonntag, dem 13. Juli 2014, nach Rio de Janeiro zum Finale, gegen die Niederlande oder gegen Argentinien.

Bereits zur Pause hatte sich das Team von Bundestrainer Joachim Löw einen 5:0-Vorsprung herausgespielt. Und während die Zuschauer in Deutschland vor ihren Fernsehern glauben mochten, dem größten "Verstehen Sie Spaß?"-Coup der Geschichte beizuwohnen, fasste ein Kollege auf der Tribüne des Estadio Mineirão das Geschehen britisch-prägnant zusammen: "Unfuckingbelievable." Also höchstunglaublich. Es war ein Spiel, in dem die einen unfassbar schwach waren, vor allem in der Abwehr. Und in dem der deutschen Mannschaft einfach alles gelang. Eine Partie also, die sich eigentlich jeglicher Bewertung entzieht. Aber die DFB-Elf war im gelben Hexenkessel von Belo Horizonte von Beginn an hochkonzentriert, präsent und klug bemüht, ein wenig Dampf herauszulassen. Was ihr auch hervorragend gelang.

Brasilien - Deutschland 1:7 (0:5)

Tore: 0:1 Müller (11.), 0:2 Klose (23.), 0:3 Kroos (25.), 0:4 Kroos (26.), 0:5 Khedira (29.), 0:6 Schürrle (69.), 0:7 Schürrle (79.), 1:7 Oscar (90.)
Brasilien: Julio Cesar - Maicon, David Luiz, Dante, Marcelo - Luiz Gustavo, Fernandinho (46. Paulinho) - Bernard, Oscar, Hulk (46. Ramires) - Fred (69. Willian)
Deutschland: Neuer - Lahm, Boateng, Hummels (46. Mertesacker), Höwedes - Schweinsteiger, Khedira (76. Draxler) - Müller, Kroos, Özil - Klose (58. Schürrle)
Schiedsrichter: Rodriguez (Mexiko) - Zuschauer: 58.141

Der Rest muss jedem Brasilianer wie ein Horrorfilm vorgekommen sein, mit Stichen ins Herz im Minutentakt. Es war der größte Albtraum seit dem Maracanaço bei der WM 1950, der 1:2-Niederlage gegen den großen Rivalen Uruguay. Wir fassen uns kurz und legen an dieser Stelle den Finger nicht weiter in die Wunde: 0:1 Thomas Müller nach elf Minuten, 0:2 Miroslav Klose (23., Rekord!), 0:3 Toni Kroos (24.), 0:4 Toni Kroos (26.), 0:5 Sami Khedira (29.), 0:6 André Schürrle (69.), 0:7 André Schürrle (80.). Zahlen wie in Stein gemeißelt. Wir freuen uns jedenfalls schon drauf, wie der Bundestrainer in den kommenden Tagen seine Eleven vor Hochmut warnt. Und das an dem Gegentreffer von Oscar kurz vor dem Ende der Partie aufhängt. Nach diesem ungehörig guten Spiel sagte er jedenfalls flugs: "Ab morgen legen wir den Fokus wieder auf Sonntag. Die Spieler sind schon bereit für diesen letzten Schritt." Und, ganz wichtig: "Wir werden nicht abheben." Die Favoriten auf den Weltmeistertitel in der Einzelkritik:

Manuel Neuer: Beim höchsten Sieg in einem WM-Halbfinale war der 28 Jahre alte Münchner in seinem 51. Länderspiel - überragend wie immer. Wir schreiben jetzt lieber nicht weltmeisterlich, nachher liest das noch einer aus der Mannschaft und der gute Herr Löw bekommt seine Spieler gar nicht mehr auf den Boden. Nein, im Ernst: Neuer hat wieder einmal gezeigt, warum ihn viele für den besten Torhüter der Welt halten. Immer aufmerksam, immer anspielbereit. Kommt eine Flanke in seinen Strafraum, dann pflückt er sie. Und wenn es gefährlich wird, dann ist er da. Vor allem nach der Pause, als seine Mannschaft den Brasilianern mehr Freiraum gestattete und die zu ihren Chancen kamen. Störte Neuer aber nicht groß, er rettete nach 51 Minuten gegen Ramires, nach 52 Minuten gegen Oscar, als der aus acht Metern aufs Tor schoss. Und er rettet gleich zweimal gegen Paulinho und Fred, als die es drei Minuten später im Doppelpack versuchten. Nur Oscar gelang ein Tor. Und Neuer hat sich tatsächlich geärgert.

Philipp Lahm: Die Diskussion, ob der 30 Jahre alte Münchner nun besser als rechter Außenverteidiger oder lieber doch im defensiven Mittelfeld spielen sollte, dürfte nach seinem 112. Länderspiel doch jetzt bitte beendet sein. Naja, zumindest bis zu den Qualifikationsspielen für die Europameisterschaft in zwei Jahren in Frankreich. Für Neuer und Kapitän Lahm gilt das, was auch für die anderen zwölf deutschen Spieler gilt, die an diesem denkwürdigen Ereignis mitwirken duften: Wer mit 7:1 in Brasilien gegen Brasilien gewinnt, und das im Halbfinale einer Weltmeisterschaft, kann so viel nicht falsch gemacht haben.

Jeróme Boateng: Der Münchner hat sich hereingearbeitet in dieses Turnier. Angekommen auf seiner Lieblingsposition als Innenverteidiger, lässt er keinen Zweifel mehr an seiner Stärke. Gegen Brasilien war besonders seine Robustheit gegen die bulligen Angreifer Fred und Hulk ein Trumpf. Wie die gesamte Defensive mit kleineren Unsicherheiten zu Beginn des Spiels, steigerte sich Boateng schließlich - bis dann ohnehin nichts mehr anbrennen konnte.  

Mats Hummels: Der 25 Jahre alte Innenverteidiger der Dortmunder Borussia kann sich auf sein erstes WM-Finale freuen, wenn er fit ist. Und wenn er dann vielleicht noch einen seiner feinen Kopfballtreffer erzielt, ist er einer der deutschen Kandidaten für den Spieler der WM. In seinem 34. Länderspiel harmonierte er prächtig mit dem Kollegen Boateng. Probierte sich in der Kabine als Mediziner, horchte in sich hinein und entschied sich, die gereizte Sehne zu schonen. Für ihn kam Abwehrturm Per Mertesacker, der so ganz nebenbei jetzt mit 103 Einsätzen im DFB-Dress mit dem Kaiser gleichzog. Rannte zunächst oft hinterher, trug dann aber später mit seiner Kopfballstärke dazu bei, dass seine Mannschaft die Lufthoheit verteidigte. Hebt aber trotzdem nicht ab, versprochen.

Benedikt Höwedes: Der Schalker interpretierte seine Rolle links hinten gewohnt defensiv, tut aber weiterhin gut daran. Wenn er nur macht, was er kann, bleibt er nämlich meist fehlerlos. Was gegen Brasilien auch mit der Schwäche der Gastgeber zu tun hatte. Trotz allen Lobes: So richtig wohl wird einem nicht bei dem Gedanken, dass Höwedes es am Sonntag vielleicht mit Arjen Robben aufnehmen muss. Da könnten alle Fußball-Fans unsanft auf den Boden ... sie wissen schon.

Toni Kroos: Nach dieser Gala ist klar: Toni Kroos könnte zum Spieler des Turniers werden, wenn ihm Manuel Neuer nicht die Auszeichnung wegschnappt. Kroos, dieser 24-jährige Mittelfeldspieler, noch in Diensten des FC Bayern, zeigte in seinem 50. Länderspiel vor allem zwei Dinge: Übersicht und Kaltschnäuzigkeit. Kroos bereitete - wieder mit einem Standard - in der historischen ersten halben Stunde von Belo Horizonte das so wichtige erste Tor vor und erzielte danach innerhalb von drei Minuten seine Länderspieltreffer sechs und sieben. Seine technische Demonstration ließ das brasilianische Publikum erstmals verstummen - mit dem linken Außenrist nach Hereingabe von rechts fast aus dem Stand ein Tor erzielen? Das war ganz hohe Fußballkunst. Wie auch viele seiner anderen Aktionen. Kroos gelang so gut wie alles. Er wurde nach der deutschen Demonstration zu Recht zum "Man of the Match" gekürt.

Bastian Schweinsteiger: Verkörpert die Reife dieses Teams. Mit seinen 29 Jahren ist Schweinsteiger noch nicht alt, aber unglaublich erfahren. Erfahren genug, um in den ungestümen Angriffsversuchen der Brasilianer zu Beginn des Spiels nicht den Kopf zu verlieren. Er hielt besonnen seine Position, als seine Kollegen anfingen, das hohe Tempo der Gastgeber mitzugehen. Im zweiten Durchgang durfte er dann seine Kräfte für das Finale schonen. Ein Triumph in Rio wäre der verdiente Lohn für eine bemerkenswerte Steigerung über das Turnier hinweg. Ein Turnier, das muss hier noch einmal erwähnt werden, das er zunächst von der Bank erlebte. Ohne zu murren fügte sich Schweinsteiger in seine Rolle und übernahm dann sofort die Verantwortung, als er gegen Ghana ins Spiel geworfen wurde. Seitdem agiert er wie ein echter Leader.

Sami Khedira: In den ersten zehn Minuten schien es, als hätten historische Mannschaften die Trikots getauscht: Kantige Brasilianer schoben technisch starke Deutsche ein ums andere Mal zur Seite. Doch dann fasste sich Sami Khedira in seinem 51. Länderspiel ein Herz und hielt dagegen. Der 27-Jährige tankte sich auf der rechten Seite durch und erzwang den ersten Eckball für die DFB-Elf. Den nutzte Toni Kroos zur Vorlage für das erste Tor. Die Szene war symptomatisch. Khedira zeigte gegen Brasilien erstmals wieder in Perfektion, was ihn schon vor seiner schweren Verletzung ausgezeichnet hatte: Zuverlässigkeit, Kraft und Omnipräsenz. Hätte die Deutsche Bahn ihn nicht abgeschafft, wäre der defensive Mittelfeldmotor ein D-Zug. Khedira gab zudem eine Torvorlage für Kroos und erzielte seinen fünften Länderspieltreffer. Nach 77 Minuten war Schluss, für ihn kam der 20 Jahre alte Schalker Julian Draxler in die Partie und zu seinem zwölften Länderspiel. Wenn Mesut Özil nach einem Traumpass des Schalkers ein bisschen genauer gezielt hätte, wäre sogar ein Scorerpunkt herausgesprungen.

Mesut Özil: Der Zauberer von Öz kann viel mehr, als er bei dieser WM bislang zeigt, so viel ist bekannt. Allerdings muss für den 25-Jährigen nach diesem Halbfinale eine fußballerische Lanze gebrochen werden: Nach einer zerfahrenen Anfangsphase biss sich der Mittelfeldspieler ins Spiel, zog zuvor häufig ungesehene Sprints auf seiner Seite an und warf sich in die Zweikämpfe. Sein 61. war kein überragendes Länderspiel, aber eines der besseren. Özil bereitete Khediras Tor vor und hätte selbst fast das 8:0 erzielt - schob den Ball aber aus etwa 20 Metern am herauseilenden brasilianischen Keeper Júlio César und leider auch am rechten Pfosten vorbei. So wurde es nichts mit dem Befreiungsschlag. Aber ein Spiel bleibt ihm ja noch für seine große Explosion.

Thomas Müller: Ach ja, der Müller Thomas. Ist jetzt mit seinen 24 Jahren und nach 55 Länderspielen vor dem Finale schon genauso gut wie bei der WM vor vier Jahren in Südafrika. Nach dem ersten Treffer in diesem Halbfinale kommt er bei dieser Weltmeisterschaft nun ebenfalls auf fünf Tore und drei Vorlagen. Und ein Spiel steht ja noch aus, am Sonntag im Maracanã, sie wissen schon.

Miroslav Klose: Rekord, Rekord, Rekord. Sein Treffer zum 0:2 war in seinem 136. Länderspiele zwar ein Geschenk der brasilianischen Abwehr um ihren indisponierten Torhüter Julio Cesar, aber es zählt. Deswegen kommt der 36 Jahre alte DFB-Methusalem nun auf 16 Tore bei Weltmeisterschaften. Das hat vor ihm noch keiner geschafft. Und Ronaldo, nun abgelöster Rekordhalter, hatte mutmaßlich nicht nur deshalb keinen schönen Abend. Im Gegensatz zum ewigen Miro. Für ihn kam nach 76 Minuten der 23 Jahre alte André Schürrle vom FC Chelsea. Brasiliens Trainer Luiz Felipe Scolari sagte ja hinterher: "Das ist die schlimmste Niederlage aller Zeiten. Das ist eine Katastrophe." Daran hat eben jener Schürrle seinen Anteil, weil er kein Mitleid kannte und loslegte, als stünde noch alles auf dem Spiel. Prompt erzielte er in seinem 38. Länderspiel die beiden Treffer zum 0:6 und 0:7. Der Mann für die Sahnehäubchen.

Quelle: ntv.de

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