Fußball-WM 2018

Rangnick? Sammer? Streich? Wie sich der DFB an Löw klammert

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Grindel (6.v.l.) klammert sich an Löw (5. v.l.). Die Co-Trainer Schneider (2.v.l.) und Sorg (4. v.l.) stehen im Schatten.

(Foto: imago/Team 2)

Statt das WM-Aus in Ruhe zu analysieren und dann zu entscheiden, beschließt der DFB flugs: Löw ist der richtige - und soll Bundestrainer bleiben. Der aber schweigt und lässt die Zeit für sich arbeiten. Denn: Ein Nachfolger scheint nicht in Sicht.

Die große Frage steht immer noch im Raum: Wie konnte das passierten? Warum ist die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland so krachend gescheitert - als Tabellenletzter der Gruppe F hinter Schweden, Mexiko und Südkorea, mit nur drei Punkten und zwei eigenen Toren? Darauf muss der DFB nun Antworten finden. Doch anstatt das WM-Debakel in aller Ruhe zu analysieren und danach Konsequenzen zu ziehen, macht der Verband Druck bei der wichtigsten Personalie, allen voran Präsident Reinhard Grindel. Schon vor dem 0:2 im letzten WM-Spiel gegen biedere Südkoreaner hatte er versprochen, auch im Fall der Fälle an Bundestrainer Joachim Löw festhalten zu wollen.

Vielleicht hatte er das getan, weil er sich partout nicht vorstellen konnte, dass dieser Fall tatsächlich eintritt. Und schließlich hatte er vor dem Turnier den Vertrag mit seinem obersten Trainer ohne Not um zwei Jahre bis 2022, also bis zur WM in Katar verlängert. Doch die Mannschaft präsentierte sich am vergangenen Mittwoch derart hilflos und kopflos, dass sie als erste Auswahl des DFB eine WM bereits nach der Vorrunde verlassen musste. "Im Moment habe ich keine schlüssige Antwort darauf", hatte Löw gesagt. Er brauche nun Zeit, darüber nachzudenken. Doch mit dem Nachdenken haben sie es nicht so beim DFB. Am Wochenende berief Grindel eine Telefonkonferenz mit seinen Präsidiumskollegen ein, um sich ihrer Unterstützung zu versichern. Die bekam er. Und DFB-Vize Rainer Koch vermeldete: "Wir setzen darauf, dass er weitermacht." Die Entscheidung müsse nun zügig fallen.

Aber was macht er? Trinkt Espresso in Freiburg. Und Löw weiß: Er kann sich nur selbst entlassen. Zumal sein Arbeitgeber offenbar keine Plan B parat hat - und sich auch nicht die Zeit nimmt, einen zu entwickeln. Offenbar bewegen sie sich im Verband am Rande der Panik und fürchten, plötzlich ohne Trainer dazustehen. Darauf waren und sind sie offenbar nicht im Geringsten vorbereitet. Dabei wäre es doch interessant zu erfahren, was der Immer-noch-Bundestrainer damit gemeint hatte, als er nach der spielerischen und mannschaftlichen Bankrotterklärung gegen Südkorea in Kasan sagte, nun stünden "tiefgreifende Veränderungen" an.

Kein Plan B

Da sie ihn aber nun so bitten und auch außerhalb des DFB die Diskussion um einen möglichen Nachfolger so gut wie nicht stattfindet - selbst Rekordnationalspieler Lothar Matthäus hat sich noch nicht beworben - kann es also gut sein, dass Löw von der am tiefsten greifenden Veränderung absieht und entgegen erster, aus seinem Umfeld kolportierter, Neigungen einen Neuanfang wagt. Er kann jetzt selbst entscheiden, eine Rolle, die ihm liegen würde. Dabei ist es natürlich Unsinn, dass es keine geeigneten Kandidaten gebe. Als Teamchef Rudi Völler mit dem deutschen Team bei der Europameisterschaft 2004 ebenfalls in der Vorrunde gescheitert war und danach kompromisslos zurücktrat, war der Verband zwar auch in heller Aufregung und großer Not. Aber schließlich fand er Jürgen Klinsmann, oder besser: Jürgen Klinsmann fand den DFB. Er brachte einen Assistenten namens Joachim Löw mit und das deutsche Spiel erlebte eine Blütezeit. Die Zeit des Rumpelfußballs war vorbei. Das sind die Meriten, die Löw für sich beanspruchen darf.

Die Frage ist nur, ob er noch einmal die Kraft aufbringt, eine neue Mannschaft zu entwickeln. Und ob er bereit ist, einigen aus seiner Klasse von 2010, die 2014 in Brasilien Weltmeister wurden, zu sagen, dass ihre Zeit vorbei ist. Die "Süddeutsche Zeitung" hat nun zwei Kandidaten ins Spiel gebracht, denen das vielleicht zuzutrauen ist. Der eine ist Ralph Rangnick, Leipzigs Sportdirektor und Immer-mal-wieder-Trainer, mit seinen 60 Jahren allerdings noch zwei älter als Löw. Der andere ist Matthias Sammer, neuerdings externer Berater des Bundesligisten Borussia Dortmund und von 2006 und 2012 Sportdirektor des DFB. Allerdings hat der ehemalige Nationalspieler zuletzt 2005 als Trainer gearbeitet. Übergangsweise wäre Stefan Kuntz eine naheliegende Lösung, mit der deutschen U21 wurde er im vergangenen Jahr Europameister.

Ausgeschlossen scheint, dass einer von Löws Assistenten Marcus Sorg oder Thomas Schneider in die vordere Reihe rückt - so wie Löw einst auf Klinsmann folgte, aber einst auch schon Sepp Herberger auf Otto Nerz, Helmut Schön auf Herberger, Jupp Derwall auf Schön und Berti Vogts auf Franz Beckenbauer. Dafür haben sich Sorg und Schneider zu wenig profiliert, abgesehen davon, dass sie ganz gerne im Hintergrund arbeiten. Unwahrscheinlich ist es auch, dass Jürgen Klopp den Job übernimmt, er ist noch bis 2022 an den FC Liverpool gebunden. Und Thomas Tuchel fängt gerade erst bei Paris Saint-Germain an. Der bisher charmanteste Vorschlag stammt von Dietmar Hamann. Der Ex-Nationalspieler plädiert im Interview mit dem "Kicker" für Freiburgs Übungsleiter Christian Streich: "Ich weiß aus der Liga von dessen großartigem Training und seinen taktischen Fähigkeiten." Vielleicht sollten sie beim DFB tatsächlich darüber nachdenken.

Quelle: ntv.de