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Fans feiern DFB-Elf, Kahn mault Löw gewinnt den Stimmungstest

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Mehr Pech war selten: Joachim Löw.

(Foto: dapd)

Nimmt man die Reaktion des Publikums als Maßstab, haben die deutschen Fußballer viel richtig gemacht. Trotz der Niederlage gegen Argentinien verabschieden die Fans die Nationalmannschaft mit Applaus. Das ist auch ein Votum für Bundestrainer Joachim Löw. Da kann Oliver Kahn noch so schimpfen.

Was hätten sie machen sollen? Mit zehn Spielern ein 0:1 verteidigen, nur damit das Ergebnis nicht ganz so doof aussieht? Wenn es nach Oliver Kahn ginge, hätten die deutschen Fußballer gegen Argentinien genau das getan. Hauptsache in der Abwehr kompakt stehen und bloß nicht zu viel Firlefanz in der Offensive. Zum Glück aber geht es nicht nach Oliver Kahn, zumindest nicht bei der Nationalmannschaft. Und so spielte die DFB-Elf auch nach der Pause munter mit, präsentierte dem Publikum schnelle Konter, attraktive Spielzüge, Torchancen und einen herrlichen Treffer von Benedikt Höwedes, den die eingewechselten André Schürrle und Mario Götze per Traumpass und präziser Flanke von der Grundlinie vorbereiteten.

Dass am Ende die Argentinier verdient mit 3:1 gewannen - geschenkt! Die meisten der knapp 50.000 Zuschauer jedenfalls schienen zu wissen, dass es sich bei der Veranstaltung im Frankfurter Stadion um ein Freundschaftsspiel handelte, dessen Akteure sich gerade auf die Saison vorbereiten. Abgesehen von den sechs deutschen Stammspielern um Kapitän Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger, die gar nicht erst dabei waren. Das Publikum hatte auch bemerkt, dass sich diese Ansammlung von Kuriositäten nur schwer in eine ernsthafte Analyse pressen lässt. Innenverteidiger Mats Hummels muss verletzt raus, Torwart Ron-Robert Zieler sieht ein bitteres Premieren-Rot und Sami Khedira bugsiert den Ball ins eigene Tor. Mehr Pech war selten.

Stimmungstest beim Publikum

Und während sich Oliver Kahn als öffentlich-rechtlicher Chefkritiker auf seine Generalabrechnung mit Joachim Löw vorbereitete, verabschiedeten die Zuschauer die deutsche Mannschaft mit reichlich Applaus. Eine Reaktion, die durchaus nicht selbstverständlich ist. Aber auch als es 0:3 stand und sich ein wirklich sehr unangenehmes Ergebnis anbahnte, waren im Frankfurter Stadion kaum Pfiffe zu hören. Diesen Stimmungstest hatten der Bundestrainer und sein Team gewonnen. Bleibt die Frage, was genau Oliver Kahn so wütend gemacht hatte, dass der den Spielern mangelnden Siegeswillen und einen zu sorglosen Umgang mit Niederlagen vorwarf.

Es spricht einiges dafür, dass es nicht dieses bedeutungslose Testspiel war, das ihn umtrieb, sondern die Niederlage gegen Italien im Halbfinale der Europameisterschaft. Die wirkt nach, nicht nur bei Oliver Kahn. Eben weil sie entscheidend, ärgerlich, vielleicht sogar überflüssig war, weil der Trainer die falsche Taktik wählte. Und weil es wieder nicht mit einem Titelgewinn geklappt hat. Bis die deutsche Mannschaft wieder die Chance hat, in das Halbfinale eines großen Turniers einzuziehen, dauert es zwei Jahre. 2014 findet in Brasilien die Weltmeisterschaft statt. Um dort mitspielen zu dürfen, müssen die deutschen Fußballer zehn Qualifikationsspiele überstehen. Wenn es gut läuft, folgen drei Gruppenspiele, das Achtelfinale und das Viertelfinale. Und erst dann wäre es wieder so weit.

Ein langer Weg, der am 7. und 11. September mit den Partien gegen die Färöer und in Österreich beginnt. Und den Joachim Löw unter kritischer Begleitung gehen wird, kritischer als jemals zuvor in seiner seit 2006 währenden Amtszeit. Nachdem er sich vor der EM beinahe den Status eines Unantastbaren erarbeitet hatte, ist der Ton nun rauer geworden - weil die Sehnsucht nach einem Titel mit jeder verpassten Chance größer wird. Das ändert nichts daran, dass der Bundestrainer es richtig macht, wenn er sich nicht beirren lässt, wenn er nicht davon abweicht, seine Mannschaft schnell, schön und offensiv spielen zu lassen. Wenn sie das zeigt, was die Menschen sehen wollen. Denn wozu ist denn sonst der Fußball da?

Quelle: n-tv.de

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