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Köln, Finke, Podolski, Abstiegskampf Wenn Chaos zur Katharsis wird

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Lukas Podolski und Stale Solbakken - gemeinsam gegen den Abstieg.

(Foto: dpa)

Rund ein Jahr nach seinem Dienstantritt beim 1. FC Köln ist Sportdirektor Volker Finke wieder weg. Das Chaos am Geißbockheim ist eine Qualität, von der Trainer Stale Solbakken profitiert - noch. Lukas Podolski hat einen Grund zu bleiben, denn auch er weiß: Hundejahre gibt es nur in Köln.

Lukas Podolski geht zu Arsenal London, sagen fast alle. Als Beweis gelten SMS-Nachrichten mit Nationalmannschaftskollege Per Mertesacker, der bereits unter Arsene Wenger spielt. Falls das stimmt, hat der 1. FC Köln wohl ein paar Milliönchen zu Verfügung, um den Abgang irgendwie zu kompensieren. Wie das geschehen soll, darüber waren sich wohl nicht alle im Klub einig. Und genau deshalb soll Sportdirektor Volker Finke gegangen (worden) sein. Das ist zwar Spekulation, aber nicht unrealistisch: der Verwaltungsrat des Klubs nannte als Gründe für die Trennung "unterschiedliche Auffassungen über die Weichenstellungen im Fußball-Bereich".

Noch in der Winterpause weilte Finke zur Beobachtung von Nachwuchsspielern in Afrika, obwohl Trainer Stale Solbakken Verstärkungen für die Profis brauchte. Finke ignorierte die Liste des Dänen mit interessanten Akteuren und holte Chong Tese. Solbakken sagte dazu süffisant: "In meinem nächsten Leben werde ich Sportdirektor". Das ist mehr als ein aussagekräftiger Wink.

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Volker Finke: Andere Pläne als der Verein.

(Foto: dpa)

Schon vor Tagen hatte die Lokalpresse in der Domstadt über das Verhältnis Finkes zu Solbakken – den er höchstpersönlich ans Geißbockheim gelotst hatte – getitelt: "Zum Wohl des FC: Einer muss gehen". Und die gegensätzlichen Ansichten der beiden aufgeschrieben.

Emotionale Kräfte freigesetzt

In regelmäßigen Abständen brechen beim Kölner Bundesligisten Chaostage aus. Deutlich wird dadurch: Was bei anderen Fußballvereinen zu schlechten Spielergebnissen führt, ist für den FC geübte Katharsis. Die Zeit der Lager im Kölner Team – das eine pro Trainer, das andere pro Sportdirektor – ist vorbei. Als ein Journalist kurz nach Bekanntgabe der Trennung scherzte, wegen des Heimsieges gegen Hertha BSC hätte Ruhe beim 1. FC Köln einkehren können, aber als Abhilfe sei schnell Volker Finke entlassen worden, war das konstruktiver Ernst. Immer wenn es in den vergangenen Jahren personelle Umbrüche gab, raufte sich die Mannschaft zusammen und hielt die Klasse.

Der FC setzt über Veränderungen emotionale Kräfte frei, das gilt auch für die Mannschaft. Das gab dem Kellerduell gegen Berlin zusätzliche Brisanz. Das Team spielte konzentriert wie lange nicht. Daran hatte auch das Publikum seinen Anteil. Nach Steinewürfen auf einen Mönchengladbacher Fanbus hatte der Klub den Mitgliedern der "Wilden Horde", der tonangebenden Gruppierung auf der Südtribüne die Privilegien entzogen, darunter auch das Recht auf Megaphone. Die restlichen Anhänger übernahmen die Gesänge, in Orkanlautstärke, und trugen die zweifach dezimierte Mannschaft mit "Champions-League-Stimmung" (Solbakken) zu drei Punkten.

Das, was in jedem anderen Bundesligaverein für Jahre an Geschichten reichen würden, sind in Köln wohl nur Hennes' Hornspitzen. Kaum auszumalen, was abseits der offiziellen Stellungnahmen im Kölner Grüngürtel jeden Tag los ist. Die Schweigsamkeit Finkes ("Ich werde wie die drei Affen nichts hören, nichts sehen, nichts sagen") sowie die nüchterne Reaktion Lukas Podolskis auf die Nachricht ("Das überrascht mich nicht") lassen die Dynamik hinter den Kulissen erahnen.

Selbstreinigung mit Multiplikator

Der Aussage von Geschäftsführer Claus Horstmann – "weder der Trainer noch Finke wussten vor dem Spiel irgendetwas von dieser Entscheidung" – liegt ein Rückschluss auf eine längst beschlossene Absetzung Volker Finkes nahe. Ein Sieg der Mannschaft erschien dem Verwaltungsrat offenbar als günstiges Signal. Einer ihrer internen Gründe könnte gewesen sein, dass der Abgang des sportlichen Leiters die Chance auf einen Verbleib Lukas Podolskis minimal erhöht. Immer wieder hatte Finke moniert, die Kölner Mannschaft sei zu abhängig von ihrem Starspieler.

Das Erstaunliche an dem Kölner Chaos: Es ist ein Selbstreinigungsmechanismus, der funktioniert. Solbakken glaubt übrigens nicht, dass nun entspanntere Zeiten anbrechen. Der Coach hat das System Köln offenbar verstanden: "Nach neun Monaten schockt mich nichts mehr."

"Jetzt ist hoffentlich wieder Ruhe im Stall", zeigte sich ein FC-Fan bei n-tv hoffnungsfroh. Genau das könnte für die Geißböcke in spätestens einem Jahr zum Problem werden. Doch in der Mannschaft des FC kursiert der Spruch, Kölner Jahre seien Hundejahre: In einem passiert so viel wie woanders in sieben. Die Anhänger brauchen also keine Angst vor dem Abstieg haben.

Quelle: n-tv.de

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