Olympia

Olympia-Eröffnung ist ein Hohn Die verlogene Show des Thomas Bach

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IOC-Präsident Thomas Bach winkt in die Menge. Die ist seinetwegen da.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Die Olympischen Spiele in Tokio beginnen mit einer Eröffnung, die ganz im Zeichen von Corona steht. Ohne Zuschauer fehlt das Flair. Der mächtige IOC-Chef Thomas Bach blendet das aus und schwärmt von dem großartigen Kampf seines Verbands für die Durchführung der Spiele.

Für Thomas Bach hätte dieser Freitag deutlich schlechter laufen können. Für den mächtigen Boss des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hätte dieser Freitag sogar richtig unangenehm werden können. Wären im Olympiastadion von Tokio nämlich nicht nur sorgfältig ausgewählte Gäste erlaubt gewesen, sondern auch nicht sorgfältig ausgewählte Zuschauer zugelassen worden, dann hätte der 67-Jährige womöglich die japanische Variante eines Reale-Welt-Shitstorms kassiert.

Kaum ein Mensch ist in diesen Tagen so unbeliebt im Gastgeberland der Olympischen Spiele wie der IOC-Chef. In einer Umfrage, die in dieser Woche für Aufsehen sorgte, wünschten sich 82 Prozent der befragten Japaner lieber die Delta-Variante des Coronavirus im Land als den ignoranten Sportfunktionär aus Deutschland. Ein bitterer Hohn für die Japaner: Sie haben nun beides im Land. Und beides konnten sie nicht verhindern. Dass sich Bach nun überschwänglich und ausufernd bei den Japanern, die er kurz vor den Spielen noch als Chinesen bezeichnet hatte, bedankte, dass sie die Austragung der Spiele möglich gemacht haben, ein Schlag in die F …, das Wort schreibt man lieber nicht aus.

Es gibt keine Pfiffe

Der Reale-Welt-Shitstorm im Stadion wäre für japanische Verhältnisse vermutlich einem Taifun gleichgekommen. Um mal im Bild zu bleiben, denn ein solcher Sturm braut sich ja gerade über dem Pazifik zusammen und droht die Wettbewerbe der Spiele in massiv zu beeinflussen. Dafür kann das IOC, dafür kann Thomas Bach nichts. Gemessen an den Protestmaßstäben in Deutschland wären die Bekundungen gegen den 67-Jährige womöglich kaum aufgefallen. Aber weil es in Japan keine ausgeprägte Protestkultur gibt, sorgen bereits kleine, aber laute Anti-Stimmungen von wenigen Leuten - vor dem Stadion hatten sich gut hundert Protestler versammelt - für Aufsehen im Land.

Ebenso wie politische oder aber gesellschaftspolitische Äußerungen des Kaisers. Die darf er nämlich eigentlich nicht tätigen. Dennoch wurde in den vergangenen Wochen bekannt, dass den Tenno die Austragung der Spiele besorge. Zu stark steigen die Corona-Zahlen im Land. Zu wenige Japaner sind aktuell geimpft. Die Sorgen teilen viele. Olympia könnte ein Superspreader werden.

Thomas Bach tangieren diese Sorgen offenbar nicht sonderlich. Er wollte die Spiele ein Jahr nach der Verlegung unbedingt durchsetzen. Das hat er geschafft. An diesem Freitag hat er seine große Bühne, seine große Show bekommen. Ohne Pfiffe. Mit brav applaudierenden Gästen (klang ihn dem riesigen Rund unangenehm gruselig), mit euphorischen Sportlern (natürlich mit Maske). Denen darf man die Freude freilich nicht übelnehmen. Einmal bei Olympia, das ist das, wovon diese Athleten träumen, worauf sie sich vorbereiten. Für viele ist die Teilnahme auch existenziell wichtig (Sponsorenvertrag ist das Stichwort). Und für das IOC ist die Durchführung natürlich auch lukrativ. So lukrativ, dass eine Pandemie arg lästig ist. Dieses Gebaren hat das IOC mit der UEFA gemein, auch deren Beharrlichkeit bei der Austragung der Europameisterschaft war ja bemerkenswert ignorant.

Spiele der Hoffnung oder des Misstrauens?

An diesem Tag ist keine Zeit für Eingeständnisse. Es ist immerhin "ein Moment der Hoffnung". So sieht es Bach in seiner Eröffnungsrede der Spiele. Es ist eine Rede, die eindrucksvoll an den aktuellen Realitäten vorbeisprintet. In Tokio herrscht Notstand, die Menschen sind aufgefordert zu Hause zu bleiben (eine Ausgangssperre gibt es allerdings nicht), bei den Wettbewerben wird es keine Zuschauer geben. Immer mehr Athleten und Betreuer werden positiv auf das Coronavirus getestet. Für die Gäste gelten strenge Regeln für das Verlassen ihrer Quartiere. Das Gefühl der Hoffnung verbreitet sich gerade wahrlich nicht in der japanischen Hauptstadt. Bach sagt trotzdem gerne danke. "Wir können hier nur alle zusammen sein, dank Ihnen, unseren liebenswürdigen Gastgebern, dem japanischen Volk, dem wir unsere ganze Wertschätzung und unseren Respekt aussprechen möchten."

Hoffnung also? Nein, die Lage ist eher so: "Von Euphorie oder Feststimmung ist in der Hauptstadt nichts zu spüren. Viele wünschen sich bloß, dass die Veranstaltung ohne ernsthafte Probleme endet", schreibt die Zeitung "Asahi Shimbun". Es seien "ungewöhnliche und bizarre" Spiele, die inmitten von "Spaltung und Misstrauen" beginnen. Es sind Worte, gefühlte Wahrheiten, die in einem krassen Gegensatz zu den Worten des IOC-Chefs stehen: Der schwärmt nicht nur von der verbindenden Kraft, die der Sport schafft, die das IOC schafft. Sondern beschwört auch eine neue Solidarität in der Weltgemeinschaft. Ein fürsorgliches Miteinander, wie sie in seinem Verband gelebt werde. Bach sagt: "Diese Solidarität befeuert unsere Mission, die Welt durch Sport zu einem besseren Ort zu machen. Ohne Solidarität kein Frieden." Da ist sie wieder, die Friedensmission des Mächtigen.

Schon länger gilt es als bestenfalls noch offenes Geheimnis, dass der Fecht-Olympiasieger von 1976 mit dem Friedensnobelpreis liebäugelt. So werden Aktionen wie sein umstrittener Hiroshima-Besuch in den vergangenen Tagen, das gemeinsame Auflaufen von nord- und südkoreanischen Teams oder aber das zusammengestellte Flüchtlingsteam bei den Spielen als Kalkül kritisiert.

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Die Drohnen waren auch in großer Ferne zu sehen.

(Foto: picture alliance / Xinhua News Agency)

Entfremdet wirkt an diesem Freitagnachmittag auch die große Eröffnungsfeier. Fast drei Stunden wird das Fest zelebriert. Athleten winken in die Leere. Aus der Leere winkt Bach zurück. Fast ein Symbolbild: Die Sportler sind nur seinetwegen hier. Leider ist es die Wahrheit. Viele Athleten sind allerdings ferngeblieben. Manche, weil sie am nächsten Tag früh ran müssen, andere, weil sie mit dieser Inszenierung fremdeln. "Wenn ich so drüber nachdenke, habe ich nicht eine Sekunde daran gedacht, bei der Eröffnung dabei zu sein", twitterte etwa Beachvolleyballerin Karla Borger.

Es war auch eine Inszenierung, die sich gegenüber jeglicher öffentlichen Kritik so verhielt, als wäre sie nie geäußert worden. In dem für alle Welt sichtbaren Historienfilm über die vergangenen Spiele wurden wie selbstverständlich auch die Nazi-Spiele von 1936 gezeigt, so waren Ausschnitte aus Leni Riefenstahls Propagandafilm "Fest der Schönheit" zu sehen.

Der Riefenstahl-Skandal

Andere Sache: der Gigantismus, mit dem sich Verbände so gerne schmücken. Weniger ist manchmal mehr, ist ein Motto, mit dem mächtige Funktionär fremdelt. 800 Drohnen malten das olympische Symbol in den Nachthimmel und formierten sich danach zur Weltkugel. Spektakulär beeindruckend war das und auf eine besondere Weise auch emotional. Aber auch ein Ausdruck von Prunk und Kraft. Es war bestenfalls ein Symbol für die komplette Entfremdung. Auf der einen Seite die im menschenleeren Stadion und auf der anderen, der sichtbaren Seite: die Welt. Es ging auch anders. Die Piktogramm-Show war cool und gar nicht pompös. So kann’s gehen. Aber die Drohne muss sein. Nächster Widerspruch zu Bachs Worten: "Diese olympische Erfahrung macht uns alle sehr demütig, weil wir das Gefühl haben, Teil von etwas Größerem als uns selbst zu sein."

Die Spiele, sie werden trotz Corona, ihre Faszination ausüben. Heldengeschichten gehen halt immer. Ebenso wie Dramen. Und diese ganz besonderen Lebensläufe von Sportlern, die völlig chancenlos sind, aber die Leute mit ihrer Begeisterung, mit ihrem Mut, mit ihrem Willen beeindrucken. Was diese Spiele aber nicht tun werden: die Welt verändern. "Die Pandemie hat uns gezwungen, getrennt zu sein. Um Abstand voneinander zu halten. Auch von unseren Lieben fernbleiben. Diese Trennung machte diesen Tunnel so dunkel", sagt Bach. "Aber heute, wo auch immer Sie sich auf der Welt befinden, sind wir einig, diesen Moment gemeinsam zu teilen. Die olympische Flamme lässt dieses Licht für uns alle heller leuchten." Ja, dieser Freitag hätte schlechter für ihn laufen können.

Quelle: ntv.de

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