Olympia

Speerwerfer Vetter verzweifelt Goldfavorit kassiert größtmögliche Niederlage

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Sichtbare Verzweiflung.

(Foto: imago images/Moritz Müller)

Als weltbester Speerwerfer reist Johannes Vetter zu den Olympischen Spielen. Doch im Finale gelingt dem Deutschen nichts, die vermeintlich sichere Goldmedaille muss der 28-Jährige abschreiben. Sein Scheitern erklärt er anschaulich - und damit auch das Problem, das er nun lösen muss.

Nur ein einziger gültiger Versuch, 14 Meter kürzer als die eigene Weltjahresbestleistung. Die erste Niederlage nach 19 Siegen in Folge. Johannes Vetter erlebt im olympischen Finale die vielleicht bitterste Niederlage dieser olympischen Leichtathletik-Wettbewerbe, als er schon nach dem Vorkampf aus dem Innenraum geführt wird. Nur die besten Acht dürfen den Speer noch drei weitere Male in den Abendhimmel von Tokio feuern, für Vetter auf Platz neun heißt es stattdessen: umziehen, Tasche packen und ab zum Interview. Um zu erklären, wieso die beeindruckende Dominanz der jüngeren Vergangenheit ausgerechnet an diesem Abend in Japan ihr Ende findet.

Erklären ist dabei das entscheidende Wort. Denn dass etwas nicht stimmt, das ist offensichtlich. Nach dem zweiten Versuch sitzt Vetter am Boden, das Gesicht schmerzverzerrt. Der 28-Jährige greift sich an den linken Knöchel, der beim Abwurf rund eine Tonne an Gewicht aushalten muss. Niemand bringt derzeit so viel Druck auf das Stemmbein wie Vetter, mit 97,76 Meter die Nummer zwei der ewigen Bestenliste. Doch die Anlaufbahn von Tokio, sie macht es dem deutschen Meister unmöglich, diesem Druck standzuhalten. In der Verlangsamung ist deutlich zu erkennen, wie Vetters linker Fuß nicht wie sonst fest aufsetzt, sondern trotz der Spikes unter dem Schuh über die Bahn rutscht. Die Kraftübertragung auf den Speer ist zum Scheitern verurteilt, der landet nach miserablen 82,52 Meter.

"Ich vergleiche das immer mit Aquaplaning", sagt Vetter hinterher im ZDF. "Da bricht das technische System komplett ein." Dabei war kaum ein System in der Welt des Speerwurfs jemals so stabil wie das von Vetter in der jüngeren Vergangenheit. Seit Bronze bei den Weltmeisterschaften 2019 in Doha gewinnt er vor Olympia jeden Wettkampf, zu dem er antritt. Das Jahr 2020 beendet er mit dem zweitbesten Wurf der Geschichte, in der Vorbereitung auf die Spiele 2021 legte er den drittbesten nach. Allein der Tscheche Jan Zelezny hat ein einziges Mal weiter geworfen, im Mai 1996 in Jena, als er mit 98,48 Meter den bis heute gültigen Weltrekord aufgestellt hat.

Auch massenhaft Eis bringt keine Besserung

In Tokio aber scheitert Vetter daran, auf der größtmöglichen Bühne auch nur annähernd sein Leistungsniveau abzurufen. Weil der Belag der Anlaufbahn zu weich ist, dem Mann von der LG Offenburg zu wenig Halt bietet. "Für Leute wie mich, die härter hinstemmen, für die ist der Boden nicht gemacht", sucht er nach einer Erklärung: "Die rutschen weg und versaut es von der Leistung." Den Grund für die Enttäuschung aber nur im Untergrund zu suchen, der zwar eine Neuentwicklung ist, aber keine Revolution, greift jedoch zu kurz. Das weiß auch Vetter: "Wir sehen von anderen Topleistungen", sagt er. "Julian hat gut geworfen", lobt er den zweiten Deutschen im Finale, Julian Weber, am Ende mit 85,30 Meter Vierter. Auch für Neeraj Chopra hat er ein Lob übrig, der 87,58 Meter wirft und Indiens ersten Olympiasieg in der Leichtathletik feiert.

Es sind Weiten, die Vetter in diesem Jahr reihenweise übertroffen hat. Bei sieben seiner elf Wettkämpfe, die auf der Seite des Weltverbandes gelistet sind, flog das 800 Gramm schwere und rund 2,70 Meter lange Sportgerät auf mindestens 91 Meter. "Das ist schade, echt bitter, kotzt mich auch tierisch an", fasst Vetter seine Gefühlslage entsprechend zusammen. "Aber ich bin halt einer, der, wenn er über 90 Meter werfen will, ein starkes Stemmbein braucht", sagt er, denn "ich muss da halt richtig die Ferse hinsetzen", doch genau das gelingt in Tokio eben nicht. Zumindest für Vetter, hinter Sieger Chopra gelingt den Tschechen Jakub Vadlejch (86,67) und Viteszlav Vesely (85,44) jeweils eine Saisonbestleistung, die ihnen Silber und Bronze einbringt. Auch Webers 85,30 Meter sind Saisonbestleistung, er sagt hinterher: "Es tut mir mega leid für Johannes. Der Belag hat seiner Power nicht standgehalten."

Schon in den beiden Wettkämpfen vor Tokio hat er ungewohnte Schwächen gezeigt, für ihn mittelmäßige 85,25 Meter im englischen Gateshead und kaum bessere 86,48 Meter in Thum geworfen. Nach dem Meeting in Gateshead attackiert er die Veranstalter, die einen "beschissenen Belag" entworfen hätten, "auf dem man sich die Beine gut brechen kann". So harsch geht es in Tokio nicht zu, doch die Organisatoren sind sich der Problematik bewusst. Vor dem Speerwurf-Finale versuchen sie, mit Eis die Bahn herunterzukühlen, sie fester zu machen. "Die Anlage kann man nach dem Wettkampf in die Tonne kloppen", sagt Vetter hinterher: "Es ist gefährlich, es ist nicht gesund."

Busemann macht interessante Beobachtung

Die Konkurrenz kommt mit den Umständen deutlich besser zurecht und Vetter wirkt auch nicht so, als suche er Ausflüchte. Aber eine Lösung fällt ihm in diesem olympischen Finale nicht ein. Die Wurftechnik kann er "nicht einfach umstellen", erklärt er, zu sensibel ist das, was er in jahrelanger Feinarbeit mit seinem Trainer Boris Obergföll erarbeitet hat. "Es tut mir echt leid für alle, die mir daheim die Daumen gedrückt haben", sagt Vetter, der nach der ebenfalls schon wackligen Qualifikation einen Psychologen bemüht hat, um "einen Weg zu finden, dieses Wegrutschen zu kompensieren". Gelungen ist es nicht.

Frank Busemann, einst 1996 in Atlanta Olympia-Zweiter im Zehnkampf und heute Experte für die ARD, fällt in seiner Nachbetrachtung etwas Interessantes auf. "Die Schuhe sind andere", schreibt er auf sportschau.de. Am 29. Juni wirft Vetter in Luzern in der Schweiz 92,14 Meter, übertrifft zum siebten Mal in Folge die 90 Meter, trägt dabei wie bei der WM 2017, der EM 2018 und der WM 2019 Schuhe von Nike, so wie auch bei seiner Bestleistung von 97,76 im September 2020. Am 12. Juli twittert Vetter, ab sofort von Puma unterstützt zu werden. Am 13. Juli folgt die erste schwächere Leistung in Gateshead, der Wettkampf in Thum ist kaum besser.

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"Solche Veränderungen ziehe ich bei Leistungseinbußen doch als Erstes in Betracht", schreibt Busemann in seinen Text. Als ausschließliche Erklärung greift das sicher zu kurz, ein Ansatz allerdings könnte es sein. Vetter selbst erwähnt diesen augenscheinlichen Wechsel im Equipment nicht im Interview nach dem Wettkampf, wird auch nicht danach gefragt. Nur Busemann scheint es entdeckt zu haben, der nach den Debatten um Wunderbelag und Wunderschuhe sein Augenmerk darauf gerichtet hat. Schließlich muss nicht nur Vetters Knöchel die Tonne an Gewicht beim Stemmen aushalten, sondern auch der Schuh. Inwiefern der Ausrüsterwechsel tatsächlich zu den Problemen beigetragen haben könnte, ist schwer zu beurteilen. Denn Busemann hat natürlich recht, wenn er schreibt, was für alle jenseits von Vetters engstem Kreis gilt: "Ich bin nur Betrachter aus der Ferne."

Ohnehin wird es kaum die eine isolierte Lösung geben, deren Anwendung dann garantiert, dass solche Probleme nie wieder auftreten. An einer gründlichen Analyse kommt Vetter aber nicht vorbei. Denn Bodenbeläge wie der in Tokio können ihm auf dem Weg zu großen Erfolgen immer wieder begegnen. Wenn der Titelgewinn bei der Weltmeisterschaft 2017 in London nicht der einzige auf internationaler Ebene bleiben soll, tut der 28-Jährige gut daran, sich für Schwierigkeiten zu rüsten, wie sie ihm nun im olympischen Finale begegnet sind. Um aus Niederlagen wie heute für die Siege der Zukunft zu lernen.

Quelle: ntv.de

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