Olympia

Dopingkampf in Vancouver IOC "nicht naiv", aber zufrieden

Das Internationale Olympische Komitee in Person von Jacques Rogge ist äußerst zufrieden mit dem Kampf gegen Doping bei den Winterspielen. Die Tests, die nur zwei mindere Dopingvergehen aufdeckten, hätten Betrüger abgeschreckt. An saubere Spiele glaubt Rogge jedoch ebensowenig wie der dänische Dopingexperte Rasmus Damsgaard. Der sagt sogar klipp und klar, dass Doper am Start waren.

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IOC-Präsident Jacques Rogge bei der Abschlussfeier der XXI. Winterspiele.

(Foto: dpa)

Selbst Jacques Rogge hielt Vancouver am Ende der Winterspiele für keine dopingfreie Zone. "Ich bin nicht naiv. Ich werde mein endgültiges Urteil 2018 fällen", sagte der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) mit Hinweis auf die achtjährige Lagerung der Proben.

"Nachtests auf das Blutdopingmittel CERA haben nach Peking 2008 sechs Athleten überführt. Wir haben genügend Zeit, um derzeit nicht nachweisbare Mittel aufzuspüren", sagte der belgische Mediziner. Die Botschaft sei aber, dass bereits die gegenwärtigen Tests eine abschreckende Wirkung hatten.

Franke poltert wieder

Der als engagierter Dopinggegner bekannte Molekularbiologe Prof. Werner Franke fordert deshalb auch Nachtests der ebenfalls acht Jahre lagernden Proben von Olympia 2006 in Turin. "Es gibt mehr als nur Anzeichen dafür, dass CERA 2006 benutzt wurde. Aber die Herren Funktionäre haben gemerkt: Ach Gott, ach Gott, da könnte eine Lawine auf uns zukommen. Es will keiner, dass der ganz große Sport hochfliegt", sagte Franke der "Bild am Sonntag".

Zudem behauptete Franke mit gewohnt drastischer Wortwahl: "Viele Ausdauer-Athleten sind vollgepumpt." Gedopt werde direkt nach einem Test: "Dann können sich die Athleten sicher sein, dass in den nächsten 24 Stunden nicht erneut getestet wird. Der Kontrolleur müsste drei, vier Stunden später plötzlich wiederkommen."

Der dänische Dopingexperte Rasmus Daamsgard, beim Internationalen Skiverband FIS für die Überprüfung der Langläufer zuständig, erklärte während der Winterspiele in der "Süddeutschen Zeitung", dass in Vancouver gedopte Athleten am Start seien. Diesen hatte Damsgaard nach eigenen Angaben vor einem Jahr bei Nachtests verdächtiger Urinproben Doping nachgewiesen. Doch da das zuständige Labor die B-Proben wie vorgesehen nur drei Monate aufbewahrt hatte, konnten die Athleten nicht gesperrt werden - und nun in Vancouver an den Start gehen. Nähere Angaben zu den Athleten machte Damsgaard nicht, er teilte der "SZ" aber mit: "Sie sind gut."

Zwei mindere Dopingvergehen

Am Schlusstag der Spiele waren 1750 Analysen der gut 2000 Tests seit Öffnung des Olympischen Dorfes am 4. Februar negativ. Es gab zwei Ausnahmen durch Eishockeyspieler, die wegen leichter Stimulanzien verwarnt, aber nicht disqualifiziert wurden: vor dem Auftakt der Spiele die Russin Swetlana Terentewa, am Schlusstag der Slowake Lubomir Visnovsky, der in der A-Probe positiv auf ein Pseudoephedrin getestet wurde. Zudem wurden drei Schutzsperren wegen erhöhter Hämoglobinwerte verhängt - neun weniger als 2006.

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Alle genommenen Proben sind noch nicht ausgewertet.

(Foto: dpa)

"Wenn wir glauben würden, es gäbe keine Betrüger, bräuchten wir die Proben nicht einzufrieren", sagte auch IOC-Vize Thomas Bach, der als Chef der Disziplinarkommission 2006 in Turin mit sieben Fällen beschäftigt war, die zu zweijährigen Sperren geführt hatten. Auch 2002 in Salt Lake City hatte es die gleiche Anzahl an überführten Athleten gegeben, darunter Dreifachsieger Johann Mühlegg, den für Spanien gestarteten Bayern.

Allerdings kann auch das IOC nicht bestreiten, dass häufiger mit Nachtests gedroht wird als diese tatsächlich durchgeführt werden. Die niedrige Zahl von erwischten CERA-Dopern in Peking lässt sich auch darauf zurückführen, dass mutmaßliche Betrüger durch positive CERA-Fälle während der Tour de France 2008 gewarnt waren. Deshalb wären die von Franke geforderten Nachtests für die Winterspiele 2006 wohl tatsächlich aussagekräftiger.

HGH nachweisbar

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Terry Newton brachte sich mit Wachstumshormon in Form - und wurde erwischt.

(Foto: Reuters)

Hinzu kommt, dass viele Präparate weiterhin nicht nachweisbar sind. Zwar hat die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA 2009 und zu Beginn 2010 über 30 Athleten überführt und die Spiele aus Sicht von Rogge sauberer gemacht. Allerdings schadete die WADA ihrer Glaubwürdigkeit erheblich, indem sie kurz vor dem Start der Winterspiele den Eindruck erweckte, die 30 Doper seien bei Tests im Vorfeld worden. Zudem gibt es gerade im Bereich EPO-Doping leicht veränderte Mittel, die noch durch das Analyseraster fallen. Bald könnten sie schon auffindbar sein. Für Eigenblutdoping gilt das jedoch erst dann, wenn von vielen Athleten langfristige Blutprofile angelegt werden. Die würden dann im Falle von Manipulation deutlich veränderte Parameter zeigen.

Auch die Nachricht aus England, dass dort jüngst ein Rugbyspieler im Training der Einnahme von Wachstumshormonen überführt und zwei Jahre gesperrt wurde, ist zwar eine Erfolgsmeldung. Ein spektakulärer Durchbruch ist damit aber nicht gelungen, auch wenn die WADA das glauben machen will. Das räumte auch Prof. Arne Ljungqvist, Chef der Medizinischen IOC-Kommission, ein: "Dieses HGH ist nur kurz im Körper und bei Wettkampfkontrollen meist nicht auffindbar."

Als WADA-Generalsekretär David Howman den ersten erfolgreichen Test kommentierte, klang das noch wesentlich positiver: "Nun wird eine starke Botschaft an Athleten gesendet, die den Missbrauch mit HGH riskieren wollen und nun ultimativ entdeckt werden können. Wir kriegen euch." Dass das Analyseverfahren schon 1999 entwickelt worden war, ließ Howman ebenso unerwähnt wie die Tatsache, dass nicht der aussichtsreichere Bluttest angewendet wird, den der deutsche Mediziner Christian Strasburger entwickelt hat. Stattdessen kam bei den Spielen eine weniger effektive Methode zum Einsatz, sagte die Antidoping-Labor-Chefin Christiane Ayotte der "Süddeutschen Zeitung". Diese müssten professionelle HGH-Doper kaum fürchten.

Quelle: n-tv.de, cwo/sid

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