Sport
Mittwoch, 07. Februar 2018

Sven Hannawald im Interview: "Freitag hat das Zeug zum Olympiasieger"

Deutsche Olympia-Medaillen im Skispringen? Die Leistungen von Richard Freitag und Andreas Wellinger lassen darauf hoffen. Das sagt auch Ex-Skisprung-Star Sven Hannawald. Er drückt Freitag besonders die Daumen - und fiebert mit einem Ü40-Springer mit. Wer das ist, wie es um die deutschen Skisprung-Frauen bestellt ist und ob er an ein Comeback denkt, verrät er n-tv.de im Interview.

ntv.de: Herr Hannawald, Sie haben gemeinsam mit Martin Schmitt den deutschen Skisprung um die Jahrtausendwende geprägt - äußerst erfolgreich. Danach wurde es ruhiger. Nun springen mit Richard Freitag, Andreas Wellinger oder auch Severin Freund wieder mehrere Deutsche in der Weltspitze mit. Wie schätzen Sie die Medaillenchancen deutscher Skispringer in Pyeongchang ein?

Sven Hannawald

Sven Hannawald schrieb 2002 Sportgeschichte, als er als erster Springer überhaupt die Vierschanzentournee mit Siegen bei allen vier Wettbewerben gewann. Erst in diesem Jahr schaffte der Pole Kamil Stoch dieses Kunststück ebenfalls. Hannwald, 1974 geboren, wurde 2002 zudem Olympiasieger mit Deutschland im Mannschaftsspringen, er feierte zwei WM-Titel im Skifliegen und zwei mit dem Team im Skispringen. Heute ist er Unternehmensberater und arbeitet als TV-Experte für Eurosport.

Sven Hannawald: Ich denke, dass Freitag und Wellinger realistische Medaillenchancen haben. Markus Eisenbichler hat es auch drauf, springt aber momentan noch etwas zu unkonstant. Für mich sind vor allem Freitag und der Pole Kamil Stoch die Topfavoriten in Pyeongchang. Allerdings ist Wind durchaus ein Thema und so könnte es auch die eine oder andere sowohl positive als auch negative Überraschung geben - und am Ende des Tages eben auch einen glücklichen Olympiasieger.

Was zeichnet denn den Springer Richard Freitag aus?

Zunächst einmal sind die derzeitigen Erfolge in diesem Winter der Lohn seiner Trainingsanstrengungen im Sommer - und sogar noch etwas weiter zurück: Er hat sich mit dem Trainerteam bereits nach Ende der Vorsaison zusammengesetzt und überlegt, was man machen kann, wie man das Training verändern muss, um noch weiter nach vorn zu kommen, noch besser zu werden. Freitag hat seine Hausaufgaben gemacht. Die ersten Erfolgserlebnisse sorgten für das nötige Selbstvertrauen und den Glauben an sich selbst. Das zeichnet ihn in dieser Saison aus.

Hat er das Zeug zum Olympiasieger?

Fliiiieeeeeeggggg... Richard Freitag!
Fliiiieeeeeeggggg... Richard Freitag!(Foto: picture alliance / Arne Dedert/d)

Hat er, ganz klar! Er hätte es zudem auch verdient: Nachdem Stoch die Tournee gewonnen hat, Freitag dort verletzt aufgeben musste und Daniel-André Tande phänomenal Skiflug-Weltmeister geworden ist, Freitag Dritter - ist er jetzt einfach dran! Das wäre nur gerecht.

Zuletzt trumpfte auch ein Andreas Wellinger ganz groß auf. Was unterscheidet Wellinger und Freitag?

Zunächst natürlich die Größe. Aber es sind auch zwei ganz verschiedene Typen: Wellinger ist nach außen immer locker, offen, cool. Er lässt sich nichts anmerken. Freitag dagegen kommt etwas introvertierter rüber, ohne das jetzt negativ zu meinen, ich war als Springer damals ja auch so.

Haben die beiden auch Gemeinsamkeiten?

Abdreas Wellinger, der zweite Topspringer im deutschen Team.
Abdreas Wellinger, der zweite Topspringer im deutschen Team.(Foto: picture alliance / Arne Dedert/d)

Was sie verbindet, ist ihr starker Wille. Sie arbeiten unheimlich fokussiert. Sie setzen sich Ziele, trainieren darauf hin und wenn sie sie erreicht haben, sind sie auch dazu in der Lage, das Erlernte, das Antrainierte, eben auf den Punkt genau abzurufen. Das unterscheidet sie von so manch anderem Springer! Bei Eisenbichler ist es beispielsweise so, dass er momentan immer noch ein kleines bisschen mehr will.

Eisenbichler, Wellinger, Freitag: Pusht der interne sportliche Konkurrenzkampf die Leistungen der deutschen Springer zusätzlich?

Natürlich! Die Springer wissen, dass sie zum einen immer Gas geben und im Training am Ball bleiben müssen. Zum anderen wissen sie aber auch, wenn sie einen Freitag oder Wellinger im Training schlagen, dass sie auf einem guten Weg sind, dass sie sich dann auch mit den besten der Welt messen können, dass sie um die Top-Platzierungen mitspringen können. Das spornt an, fördert die eigene Leistung und pusht gleichzeitig das gesamte Team.

Apropos Teamleistung: Ein besonderes Augenmerk liegt in Pyeongchang natürlich auf dem Team-Wettbewerb. Zuletzt gab es da in Zakopane einen zweiten Platz. Kann Deutschland hier in alter Tradition um Olympia-Gold mitspringen?

Gold im Teamvisier: Leyhe, Eisenbichler, Wellinger und Freitag.
Gold im Teamvisier: Leyhe, Eisenbichler, Wellinger und Freitag.(Foto: picture alliance / Alik Keplicz/)

Möglich ist das definitiv! Aber man hat mit Polen und Norwegen auch zwei Gegner, die den Olympiasieg ebenfalls anstreben und das Zeug dazu haben, ihn auch zu gewinnen. Polen und Norwegen sind zwei unheimlich starke, ausgeglichene und stabile Nationen. Einfach wird es also nicht, aber vielleicht erwischen die Deutschen diesmal einen Paradetag und stehen am Ende ganz oben auf dem Treppchen.

Wie steht es um Österreich und Slowenien?

Für Österreich wird es sehr schwer mit einer Team-Medaille. Da stimmen momentan die Grundvoraussetzungen einfach nicht. Bei Slowenien ist das schon etwas anders: Wenn es Aufwind-Bedingungen geben wird, die man in Pyeongchang nicht ausschließen kann, muss man die Slowenen auf dem Zettel haben.

Für Sie sind Freitag und Stoch die Top-Favoriten für die Einzelspringen. Wer könnte denn für eine Überraschung sorgen - "Skisprung-Opa" Noriaki Kasai oder "Mr. Olympia" Simon Amann aus der Schweiz vielleicht?

Bei Olympischen Spielen ist Simon Amann immer in Topform.
Bei Olympischen Spielen ist Simon Amann immer in Topform.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Amann hat Willingen abgesagt, er bereitet sich akribisch auf Pyeongchang vor. Amann hat aber Probleme bei der Landung. Er müsste also drei, vier Meter weiter springen als alle anderen. Da die Freitags, Stochs und Wellingers aber schon Hillsize springen, müsste Amann entsprechend noch eins draufsetzen - und dann möglichst noch einen Telemark setzen. Bei aller Wertschätzung für ihn, ich bin ja noch gegen ihn gesprungen, aber das sehe ich alles nicht. Aber wer weiß ...

Und Kasai? Gegen den sind Sie ja auch noch gesprungen?

Richtig. Mit ihm fiebere ich wirklich mit! Er ist ein Aufwind-Springer. Sollten diese Windbedingungen herrschen, kann er vorn mit reinspringen. Für eine Medaille wird es aber, meiner Meinung nach, nicht reichen. Nichtsdestotrotz: Als alter Weggefährte drücke ich ihm ganz fest die Daumen!

Stichwort: Weggefährten. Wenn Sie Kasai sehen, bekommen Sie da Lust auf ein Comeback? Sie sind 43 Jahre, er ist 45 ...

Ü40: Noriaki Kasai
Ü40: Noriaki Kasai(Foto: picture alliance / Valdrin Xhema)

(lacht) Sagen wir mal so: Es juckt, wenn ich ihn springen sehe. Aber mal im Ernst: Ich freue mich, dass er noch mitspringt. Ich für meinen Teil bin aber nicht der Typ, der um Platz 20 springt. Wenn, möchte ich schon um den Sieg mitspringen - und das Thema hat sich für mich ohne Zweifel zumindest erledigt. Von der Technik her betrachtet könnte es vielleicht noch reichen, körperlich aber auf keinen Fall! Ich hatte meine Zeit.

Was hat sich denn im Skispringen seit der Jahrtausendwende verändert?

Technisch eigentlich nicht so viel. Aber momentan gibt es eine Menge junge Springer voller Energie. Die größten Sprünge nach vorn gab es sicherlich beim Material, also bei Anzügen, Schuhen und Bindungssystemen.

Was es zu Ihren aktiven Zeiten nicht gab: Frauen-Skispringen. Wie ist es um die deutschen Frauen bestellt, sind hier auch Medaillen in Pyeongchang drin?

Das Maß der Dinge im Frauen-Skispringen: Maren Lundby.
Das Maß der Dinge im Frauen-Skispringen: Maren Lundby.(Foto: picture alliance / Felix Kästle/)

Da sieht es ebenfalls sehr gut aus! Eine Katharina Althaus gehört zu den Top-Medaillenkandidatinnen. Das haben ihre jüngsten Weltcup-Ergebnisse gezeigt. Und auch mit einer Carina Vogt ist durchaus zu rechnen. Allerdings wird die Frauen-Konkurrenz von der Norwegerin Maren Lundby derart dominiert, dass es für Gold schwer werden dürfte. Lundby stellt derzeit eine absolute Ausnahmespringerin dar, wie beispielsweise die Japanerin Sara Takanashi vor ein paar Jahren.

Was bei den Frauen auffällt, ist die vergleichsweise große Zahl der Stürze. Aber auch im Herrenbereich hat sie zugenommen, zudem gibt es immer häufiger Kreuzbandrisse, wie beispielsweise bei Severin Freund. Ist Skispringen gefährlicher geworden?

Zunächst: Die Frauen springen teilweise die gleichen Weiten wie die Männer - nur mit mehr Anlauf. Das bedeutet, sie kommen mit viel mehr Geschwindigkeit in den Landebereich der Schanze und bräuchten eigentlich mehr Muskulatur. Die haben sie aber einfach nicht und dadurch gibt es mehr Stürze und Verletzungen im Frauenbereich. Was die schwereren Verletzungen wie Kreuzbandrisse betrifft: Hier tragen meiner Meinung nach die Bindungssysteme eine Hauptschuld. Da sollten sich die Verantwortlichen nach der Saison auch einmal zusammensetzen und über Veränderungen sprechen.

Eine Veränderung anderer Art gab es in diesem Jahr bei der Vierschanzentournee. Sie sind nicht mehr der einzige Springer, dem das Kunststück gelungen ist, alle vier Wettbewerbe, den Grand Slam, zu gewinnen. Kamil Stoch hat das nun auch geschafft ...

(lacht) Ja, mein Alleinstellungsmerkmal ist damit futsch. Aber es war auch klar, dass es irgendwann passieren wird. Es gab nahezu jedes Jahr ein bis zwei Springer, denen ich das zugetraut hätte - aber am Ende haben dann immer die Umstände nicht gepasst. Deshalb gab es auch in diesem Jahr die Hoffnung bei mir, dass ich weiterhin der Einzige bleibe, dem dieses Kunststück gelungen ist. Nun hat es Kamil geschafft. Für ihn freut es mich, und das meine ich vollkommen ernst! Er hat meinen absoluten Respekt, denn ich weiß, wie viel Arbeit dahintersteckt.

Mit Sven Hannawald sprach Thomas Badtke

Quelle: n-tv.de