Olympia-Paraden für die EwigkeitEishockey-Monster schenkt auch Donald Trump einen großen Triumph
Nach 46 Jahren gibt's die Erlösung für die amerikanische Eishockey-Nationalmannschaft. Nach 46 Jahren gewinnt Team USA wieder Gold. Nach einem dramatischen Finale, das Gegner Kanada niemals verlieren darf.
Die Glückwünsche aus den USA kamen schnell. Und sie waren von überraschender Unaufgeregtheit und Milde. Präsident Donald Trump war einfach nur glücklich. Glücklich, dass die Eishockey-Cracks seines Landes nach 46 Jahren endlich mal wieder olympisches Gold gewonnen hatten. Damals, 1980, war es gegen die überlegene Sowjetunion das "Miracle on ice" gewesen. Nun war's das "What the Hell(ebuyck)". In einem faszinierenden Finale hatten die USA das "Hassduell" gegen Kanada in der Overtime entschieden (2:1).
"Herzlichen Glückwunsch an unser großartiges US-amerikanisches Eishockeyteam! Gold! Wow! Was für ein Spiel!", postete Trump bei Truth Social. Nur selten stoßen die unreflektierten Ergüsse und Tiraden des Präsidenten auf Zustimmung im Rest der Welt. Doch an diesem Sonntagabend durfte man dem an "Zollwut" erkrankten Staatschef bedenkenlos zustimmen: WAS FÜR EIN SPIEL!
Aber Trump wäre nicht er selbst, wenn er nicht doch noch eine kaum versteckte Provokation in die Welt schickte. Ein vom Weißen Haus gepostetes Foto streute reichlich Salz in Kanadas klaffende Silber-Wunde. Es zeigte einen Weißkopfseeadler, das Wappentier der Vereinigten Staaten, auf Beutezug. Darunter war ein alter Post des ehemaligen kanadischen Premierministers Justin Trudeau vom vergangenen Jahr zu sehen, als dieser schrieb: "Ihr könnt uns nicht unser Land nehmen - und ihr könnt uns nicht unser Spiel nehmen." Aber Gold hatten sie ihnen genommen. Das wichtigste Gold dieser Spiele, zumindest in der kanadischen Diktion.
Kanadas Kufen-Cracks schlichen mit hängenden Köpfen durch die völlig überfüllte Mixed-Zone in der gigantischen Arena. Hunderte zitathungrige Journalisten aus Nordamerika wollten Stimmen abgreifen, sie bekamen aber nur kleine Häppchen. Die Kanadier sprachen von Schmerzen, von Enttäuschung. Möchte man dem Kollektiv eine Stimme verleihen, sie würde sagen: "It's shit". Verteidiger Drew Doughty gestand: "Ich bin geschockt. Ich glaube, dass wir ein Irrsinnsspiel gemacht haben. Silber war nicht das, wofür wir hierhergekommen sind."
Der würdige Abschluss dieser Spiele
Es ist gute olympische Tradition: Bevor das olympische Feuer erlischt, gehört die Bühne den Eishockey-Stars. Sie bilden das finale Highlight der Spiele. Sie haben die volle Aufmerksamkeit. In kaum einem Moment ist der Sport größer als am letzten Olympia-Tag. Und in diesem Jahr war er besonders groß. Weil erstmals seit 2014 wieder die komplette NHL-Elite am Start war, mit Ausnahme der international weiterhin ausgeschlossenen Russen.
So standen sich nun Kanada und die USA gegenüber. Mehr Weltklasse auf einer Eisfläche geht nicht. Mehr Rivalität auch nicht. Die Vorherrschaft in Nordamerika ist eh immer ein Thema, aber seit Trump wieder im Weißen Haus sitzt, ist aus Rivalität vereinzelt "Hass" geworden, wie US-Star und MAGA-Anhänger Brady Tkachuk gesagt hatte.
Und dieses Finale schenkte sich keine Sekunde Leerlauf. Es wurden 62 Minuten für die Eishockey-Ewigkeiten. Es dauerte keine zehn Sekunden, da wurde Kanadas Hüne Colton Parayko heftig über die Bande geschickt. Von gleich zwei Amerikanern. Natürlich dabei: Brady Tkachuk. Die Santagiulia Icehockey Arena von Mailand bebte früh vor Erregung. Die US-Fans, klar in der Unterzahl, bildeten ein erstaunlich lautes Gegengewicht zu der rot-weißen Armada.
Die US-Amerikaner hatten im Turnier bislang den etwas besseren Eindruck hinterlassen. Sie wirkten eingespielter, fokussierter. Aber Kanada ist Kanada, das Mutterland des Eishockeys. Immer in der Lage, Magisches aufs Eis zu bringen. Aber der Zauber wurde ihnen erstmal aus der Hand gerissen. Von Matt Boldy, er hielt den Puck zweimal mit dem Stock hoch, setzte sich im Duell durch und schob die Hartgummischeibe ganz lässig an Goalie Jordan Binnington vorbei zur Führung (6. Minute).
Die Tür war geöffnet für ein hemmungsloses Spektakel auf dem Eis. Die Amerikaner nutzten den Flow der Führung für ein paar gute Momente Scheibenzeit, doch dann liefen die Kanadier immer heißer. Nur einer hatte an diesem Sonntagmittag in Mailand eine noch höhere Temparatur: Connor Hellebuyck. Der derzeit beste Goalie der Welt lieferte als Beweis ein fast 60-minütiges Highlight-Video. Hellebuyck ist 1,93 Meter groß, er wiegt 94 Kilo. Mit seinem Körper verdeckt er reichlich Fläche seines Gehäuses. Zudem hat er ein herausragendes Stellungsspiel, ist flink und extrem beweglich. Er ist ein kaum zu bezwingender Titan.
Superstar McDavid geht wieder leer aus
Zweimal war er schon zum besten Keeper der besten Liga der Welt ausgezeichnet worden, ehe er in der vergangenen Saison die Ehre als bester Profi der NHL erhielt. Trotz offensiver Ausnahmespieler wie dem wieder traurigen Connor McDavid. Der Teamkollege von Leon Draisaitl gilt seit Jahren als bester Spieler der Welt. Einen Titel hat er noch nie gewonnen. Gold in Mailand sollte sein erster werden. Und er ging als Ersatzkapitän für die verletzte Legende Sidney Crosby voran. Kanada übernahm ab Mitte des ersten Drittels die Herrschaft auf dem Eis. Phasenweise wussten die Amerikaner gar nicht mehr, wie ihnen geschah.
Und das blieb bis zum Ende der regulären Spielzeit meistens so. Selbst im 5 gegen 5 stellten sich die Kanadier so auf, dass sie wie einer mehr auf dem Eis wirkten. Sie pflasterten Hellebuycks Tor mit Schüssen aus allen Lagen zu. Aber eine Lücke fanden sie nur ein Mal. Cale Makar traf kurz vor Ende des zweiten Drittels. Mit aller Wut auf den phänomenalen US-Goalie im Bauch zog er an und drosch den Puck mit aberwitziger Geschwindigkeit in die lange Ecke (39.). Es war der perfekte Schuss. Den hatte es aber auch gebraucht.
Das Spiel hatte längst schwindelerregende Dimensionen erreicht. Es wurde hart gecheckt, noch härter gepasst und geschossen. Aber alles bemerkenswert diszipliniert. Mit je sechs Strafminuten kamen beide Teams aus. Anders als noch beim Vier-Nationen-Turnier im vergangenen Jahr, als es in den ersten neun Sekunden drei Prügeleien gab, ging's fast pfleglich zu. Nach zwei Minuten flogen zwar auch im Olympia-Finale die Fäuste, doch es blieb bei unsanktionierten Gesichtsmassagen. Aus all den Scharmützeln hielt sich Hellebuyck raus. Er tat, wofür er aufgestellt worden war. Gegen den allein heraneilenden Superstar McDavid (30.) parierte er herausragend. Kurz darauf rettete er die Führung in doppelter Unterzahl. Das war ein Moment, der Kanada sichtlich zusetzte.
Guentzel weckt die USA nochmal auf
Doch dann kam Makar und stellte auf Gleichstand. Und wie die Halle tobte, bebte. Jedes Wort wurde von den dröhnenden "Canada, Canada"-Rufen aufgefressen. Es war ein Sturm der Euphorie, der durch Santagiulia tobte. Und beinahe wäre seine Kraft blitzkollabiert. Jake Guentzel (40.) scheiterte mit dem monströsen Schuss für die USA am Pfosten. Aber auf der Eskalationsskala war noch Luft nach oben. Hellebuycks Parade in der 42. Minute war eine für die Ewigkeit. Eigentlich schon geschlagen, stoppte er den Puck rückwärts am Boden liegend mit dem Stock auf seinem Weg ins Tor noch vor der Linie. Mit jeder Wiederholung auf dem Videowürfel wurde diese Teufelstat noch unmöglicher. Die USA kämpften, bekamen aber kaum noch Luft, aber vereinzelte Chancen.
Die Größte zum Sieg aber hatte Kanadas Nathan MacKinnon. Der Superstar stand plötzlich auf der linken Seite völlig frei, doch er traf nur den linken Pfosten. Solche Gelegenheiten vergibt er in neun von zehn Fällen nicht. Aber nun, im vielleicht größten Spiel seines Lebens. Es blieb ein Spiel ohne Atempausen. Sam Bennett erhielt eine vierminütige Strafzeit, er hatte Jack Hughes mit dem Stock im Gesicht getroffen und ihm dabei zwei Zähne ausgeschlagen. Die USA schlugen jedoch kein Kapital und leisteten sich selbst ein Foul. Der zahnlose Hughes musste runter. Dass sich hier das Schicksal dieses Spiel aufspannte, ahnte da noch niemand. Doch auch die Kanadier konnten ihr Powerplay nicht nutzen, es ging in die Verlängerung.
Kanada geht All-in. Im Duell drei gegen drei lässt McDavid den Siegtreffer liegen, weil natürlich das Monster Hellebuyck wieder im Weg stand. Die offenen Kanadier werden danach ausgekontert. Zach Werenski sieht Jack Hughes und der trifft. Für die USA. Zur Erlösung nach 46 Jahren. Zur Freude von Donald Trump. "Ein unglaubliches Spiel, eine Wahnsinnsleistung unserer Mannschaft“, sagte Matchwinner Hughes. "Ein hart erkämpfter Sieg. Das ist amerikanisches Eishockey pur. Das ist eine großartige kanadische Mannschaft, aber wir sind die USA. Wir sind so stolz darauf, Amerikaner zu sein." Stürmer Jack Eichel bekannte: "Es fühlt sich surreal an. Wir brauchten noch einen Spielzug, Zach Werenski findet Jack, und er graviert seinen Namen in die Geschichte ein."
Gedenken an "Johnny Hockey"
Im Moment ihres Triumphs gedachten die US-Boys ihres ehemaligen Teamkollegen Johnny Gaudreau. Sie fuhren mit dem in die Höhe gehaltenen Trikot des früheren Nationalspielers mit der Nummer 13 eine Ehrenrunde. Der NHL-Profi der Columbus Jackets mit dem Spitznamen "Johnny Hockey" war wie auch sein Bruder Matthew Ende August 2024 beim Radtraining bei einem Unfall ums Leben gekommen. Ein vermutlich unter Alkoholeinfluss stehender SUV-Fahrer hatte beide umgefahren.
Derweil meldete sich Donald Trump nochmal. Mit einem Video-Anruf in der Kabine der neuen Olympiasieger. "Ich weiß nicht, ob es per Facetime oder was auch immer war, aber die Spieler haben mit ihm gesprochen und er hat seinen Respekt ausgedrückt und gratuliert", berichtete US-Trainer Mike Sullivan. "Wir sind alle stolze Amerikaner, das war ein großartiger Moment", sagte US-Kapitän Auston Matthews. Donald Trump gefällt das. Alles.
