Olympia

Mit 45 Jahren auf Medaillenkurs Pechstein legt Alterungsprozess auf Eis

Ihre Konkurentinnen sind nicht einmal halb so alt wie Claudia Pechstein. Das kümmert die 45-jährige Eisschnellläuferin aber nicht. "Sie kann die Ausdauer für die 5000 Meter erbringen", sagt ein Sportmediziner. Das will sie bei Olympia beweisen.

"Ein Wunder" nennt Trainer Peter Mueller seinen Schützling Claudia Pechstein. Mit 45 Jahren tritt die Eisschnellläuferin in Pyeongchang zu ihren siebten Olympischen Winterspielen an - und gilt dennoch als eine der Geheimfavoritinnen auf eine Medaille über 5000 Meter. Auch Sportmediziner sehen sie nicht chancenlos: "Pechstein hat die Fähigkeiten, impulsiv eine bestimmte Kraft zu generieren und diese zu halten. Sie kann die Ausdauer für die 5000 Meter erbringen", sagt Wilhelm Bloch.

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Für die Polizeihauptmeisterin ist es das 17. Olympische Rennen.

(Foto: dpa)

Der Professor von der Sporthochschule Köln erklärt auch, warum solche Leistungen im Eisschnelllauf in Pechsteins Alter noch möglich sind. "Eisschnelllauf ist eine ausdauergestützte Sportart, in der keine maximale Muskelschnellkraft gefordert ist." Die benötigte Ausdauer könne daher auch im fortgeschrittenen Alter hochgehalten werden.

Drei Rekorde gilt es zu knacken

Ihre erste Medaille gewann Pechstein 1992 in Albertsville. Zur Orientierung: Als sie damals Bronze über 5000 Meter holte, war ihre heutige niederländische Konkurrentin Esmee Visser noch nicht einmal geboren. In Südkorea tritt die Berlinerin über ihre Lieblingsdisziplin nun zu ihrem insgesamt 17. Olympische Rennen an - ein Rekord. Sollte sie eine Medaille holen, würde sie zwei weitere Marken knacken: Sie wäre die einzige Athletin, die bei sechs Spielen auf dem Podest steht und zugleich die älteste Medaillengewinnerin in einer Einzelsportart bei Winterspielen. Diesen Rekord hält derzeit noch die britische Eiskunstläuferin Ethel Muckelt, die 1924 im Alter von 38 Jahren und 243 Tagen Bronze in Chamonix gewann.

Pechsteins Olympia-Erfolge

  • 1992 Albertville: Bronze (5000 Meter)
  • 1994 Lillehammer: Gold (5000 Meter)
  • 1994 Lillehammer: Bronze (3000 Meter)
  • 1998 Nagano: Gold (5000 Meter)
  • 1998 Nagano: Silber (3000 Meter)
  • 2002 Salt Lake City: Gold (5000 Meter)
  • 2002 Salt Lake City: Gold (3000 Meter)
  • 2006 Turin: Gold (Team)
  • 2006 Turin (5000 Meter)

"Es gibt auch andere Sportler in dem Alter, die diese Leistungen erbringen könnten, aber nicht bereit sind, ein entsprechendes Training zu absolvieren. Die Motivation spielt hierbei eine große Rolle", erklärt Bloch, Dozent für molekulare und zelluläre Sportmedizin, und fügt an: "Sie ist extrem willensstark." Über eventuelles Doping möchte kein Experte öffentlich spekulieren.

Willensstärke gegen den Widersacher

Diese Entschlossenheit half Pechstein auch durch das dunkelste Kapitel ihrer Karriere. 2009 sorgte der Chef des Weltverbands ISU, Jan Dijkema, dafür, dass die Eisschnellläuferin eine Sperre für zwei Jahre wegen eines Dopingverdachts erhielt. Damals wurden bei ihr erhöhte Blutwerte nachgewiesen, ihre Tests auf unerlaubte Mittel blieben aber negativ. Später wurde ihr attestiert, dass eine von ihrem Vater vererbte Blutanomalie (hereditären Sphärozytose) für die erhöhten Werte gesorgt hatte. Der Deutsche Olympia-Sportbund (DOSB) rehabilitierte Pechstein und nominierte sie vor den Winterspielen sogar als Fahnenträger-Kandidatin.

Bloch sieht aber auch einen positiven Effekt der Auszeit: "Vielleicht haben ihr die zwei Jahre Sperre gut getan, sich auf das Training zu konzentrieren, zu regenerieren und den Körper durch den Wettkampfstress nicht noch weiter auszureizen." Dass sich ihr Widersacher Dijkema bei ihren Rennen über 5000 Meter ebenfalls in der Halle befindet, dürfte Pechstein zusätzliche Stärke verleihen. "Wenn sie richtig angefressen ist, bringt sie ihre besten Leistungen", sagt Coach Mueller vor dem Wettkampf. Umso verbissener wird sie um eine Medaille kämpfen - auch wenn viele Konkurrentinnen nicht einmal halb so alt sind.

Dennoch werden die Spiele in Südkorea wahrscheinlich Pechsteins letzte Olympia-Teilnahme als Aktive sein. "Im Bereich 50plus wird es extrem schwierig, weil der körperliche Abbau nicht linear verläuft, sondern mit zunehmendem Alter schneller geht", erklärt Sportmediziner Bloch. Er könnte sich daher nicht vorstellen, dass Pechstein - dann 50 Jahre alt - noch einmal bei Olympia antreten wird. Sie selbst hat sich noch nicht zu einem möglichen Karriereende geäußert, sagte aber: "Ich muss mir in meinem Alter gar nichts mehr beweisen."

Quelle: ntv.de