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Biathlet Erik Lesser im Gespräch "Staffel-Gold ist das Ziel!"

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Erik Lesser: akribischer Arbeiter.

imago/Sven Simon

Olympische Medaillen haben die deutschen Biathleten bei den Spielen in Pyeongchang fest eingeplant - bei den Frauen und den Männern. Mit n-tv.de spricht Erik Lesser über seine Ziele, hohe Erwartungen, Superstars, Doping und darüber, was am Ende hängen bleibt.

ntv.de: Herr Lesser, die Saison hat nahezu perfekt für Sie begonnen: zweiter Platz im Einzel-Mixed in Kontiolahti, dann Rang drei im Sprint in Östersund. Danach wurde es etwas holpriger. Wie schätzen Sie den bisherigen Saisonverlauf ein?

Erik Lesser

Erik Lesser, 1988 in Suhl geboren, ist einer der besten deutschen Biathleten derzeit. In dieser Saison belegte er etwa beim Verfolgungs-Weltcup in Östersund Platz drei. Zu seinen größten sportlichen Erfolgen zählt Silber bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 im Einzelrennen. 2015 wurde er zudem Weltmeister in der Verfolgung und mit der deutschen Staffel.

Erik Lesser: Bis Weihnachten war ich mit meiner Saison ganz zufrieden, auch wenn es am Schießstand nicht immer so gelaufen ist, wie ich mir das vorgestellt habe. Mit den Platzierungen war ich zufrieden, denn das Laufen funktionierte. Da ist viel aufgegangen von dem, was ich mir im Sommer vorgenommen und erarbeitet habe. Im Gesamtweltcup lag ich damals noch in Schlagdistanz zu Platz vier. Nach Weihnachten war ich dann leider krank und von einem gezielten Trainingsaufbau danach konnte keine Rede mehr sein. Ich habe eher von Tag zu Tag, von Rennen zu Rennen geschaut. Aber wenn es läuferisch nicht funktioniert, geht auch mal schnell die Konzentration am Schießstand verloren.

Apropos Schießstand: Sind Sie da zu viel Risiko gegangen?

Nein, das denke ich nicht. Mir hat eher das Quäntchen Glück dann auch gefehlt, wenn ich da beispielsweise an den Verfolger in Östersund denke, wo ich direkt mit vier Fehlern angefangen habe und wusste gar nicht, wo die Fehler hingegangen sind.

Kann man sich dieses Quäntchen Glück am Schießstand wieder erarbeiten?

Ja. Selbstvertrauen ist dabei das A und O. Man fängt von Grund auf an, schießt mit wenig Intensität, erhöht diese dann von Tag zu Tag und mit den dann hoffentlich besser werdenden Ergebnissen werden die Abläufe sicherer, das Selbstvertrauen wächst. Während der Weltcups das zu erarbeiten ist schwierig, da fehlt einfach die nötige Zeit dafür. Aber in Weltcup-Pausen oder jetzt vor den Winterspielen geht das natürlich. Von daher fliege ich mit sehr großer Zuversicht nach Pyeongchang.

Die Olympischen Winterspiele kommen jetzt also genau richtig?

(lacht) Ich hoffe schon. Der Sprint in Antholz hat mir gezeigt, dass die Formkurve aufsteigt: Ich hatte die zehntbeste Laufzeit. Vor einem Jahr war das nicht der Fall. So gesehen ist das auf alle Fälle ein gutes Zeichen und ich hoffe jetzt, dass ich in Südkorea wieder auf dem Level bin, das ich vor Weihnachten hatte.

Sie sprachen es an: Läuferisch lief es bei Ihnen. Haben Sie in der Vorbereitung auf die Saison etwas verändert? Andere Reizpunkte gesetzt?

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Gut in die Saison gestartet, dann gesundheitliche Probleme und ungewohnt viele Fehler am Schießstand: Erik Lesser.

(Foto: picture alliance / Matthias Balk)

Ich habe speziell im Mai, Juni, Juli versucht, etwas an den Umfängen zu schrauben. Mein Ziel war es, die 25 Stunden in der Woche voll zu machen. Das habe ich meistens auch geschafft, war aber vor allem von der Intensität abhängig. Wichtig ist, dass man auch im Training bereit ist, alles zu geben und immer zu 100 Prozent bei der Sache ist. Bewusst trainieren.

25 Stunden klingt viel, aber gibt es bezogen auf die absolvierten Trainingskilometer etwa auf Rollerski und Rad ebenfalls eine Kennzahl?

Nicht direkt, aber ich denke, es wird auf alle Fälle eine fünfstellige Zahl dabei herauskommen. Die klassischen Langläufer bolzen natürlich noch mehr.

Die ganze Vorbereitung hat in dieser Saison das Ziel, beim Höhepunkt, den Olympischen Winterspielen topfit zu sein. Was haben Sie sich für Pyeongchang vorgenommen?

Rein sportlich ganz klar: Staffel-Gold. Bei den einzelnen Rennen habe ich mir dagegen keine konkreten Ziele gesteckt. Ich will topfit sein, wenn es darauf ankommt, vorne mitmischen. Perfektes Laufen vom ersten bis zum letzten Meter. Am Schießstand möglichst mit null weggehen - und wenn es am Ende reicht, ist das natürlich der absolute Hammer. Wenn es dann nicht reicht, waren die anderen einfach stärker. Und wenn man ehrlich ist, muss dann schon einiges zusammenkommen, um den beiden Topathleten dieser Saison, Johannes Thingnes Bö und Martin Fourcade Paroli bieten zu können.

Bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi haben Sie Silber im Einzel gewonnen ...

Ja, das war der absolute Wahnsinn - ist aber schwer zu wiederholen. Dafür ist die Konkurrenz im Männerfeld einfach zu groß. Es müsste für mich dann schon alles perfekt laufen.

Apropos perfekt laufen: Auf welches Rennen freuen Sie sich besonders - und warum?

Ganz klar die Staffel! Da bin ich immer besonders motiviert, meine besten Leistungen abzurufen.

Sie sind also für die Staffel gesetzt?

Das entscheiden natürlich die Trainer. Aber wenn ich gesund bleibe, gehe ich davon einmal aus.

Wie schätzen Sie die Medaillenchancen der deutschen Biathlon-Herren allgemein ein?

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Medaillenjäger in Pyeongchang: Schempp, Peiffer, Doll und Lesser.

(Foto: picture alliance / Hendrik Schmi)

Klar werden wir immer an Medaillen gemessen und wir fliegen auch nicht nach Pyeongchang, um dort irgendwo im Feld nur mitzulaufen. Wir sind voll konkurrenzfähig: Simon Schempp und die beiden Sprint-Weltmeister Benedikt Doll und Arnd Peiffer haben gezeigt, dass sie Weltspitze sein können. Aber klar ist eben auch, dass jeder Einzelne von uns nicht als Topfavorit in die Rennen geht. Passieren kann viel, aber die Medaillen gehen - wenn man den bisherigen Saisonverlauf zugrundelegt - erst einmal über Bö und Fourcade.

Werden das die beiden Superstars der Biathlon-Wettbewerbe sein?

Ich denke schon. Ich gehe davon aus, dass Fourcade wieder seine vier Medaillen machen wird. Und wenn Johannes Thingnes Bö in der Vorbereitung nicht allzu viel falsch gemacht hat, wird er im Sprint auf alle Fälle der Goldaspirant schlechthin sein. Er war zuletzt immer rund eine halbe Minute im Laufen schneller als Fourcade - und das will wirklich etwas heißen. Ich gehe davon aus, dass der Bö im Sprint eine richtige Fackel rauslassen wird.

Wo kommt diese Ausnahmestellung der beiden her? Trainieren sie anders?

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Martin Fourcade (l.) und Johannes Thingnes Bö (r.) dominieren die bisherige Saison.

(Foto: picture alliance / Sven Hoppe/dp)

Ich glaube, dass da Talent eine große Rolle spielt und die körperlichen Voraussetzungen. Der Bö hat sicher eine Riesenlunge und damit auch eine große Sauerstoffaufnahmemöglichkeit. Das Training kann nicht so viel anders oder besser sein, denn dann wären auch die anderen Norweger und Franzosen nahezu unschlagbar. Aber das ist eben nicht so.

Sind die Franzosen und Norweger auch die härtesten Konkurrenten in der Staffel oder wen haben Sie da noch auf der Liste? Österreich oder Russland vielleicht?

Momentan weiß man ja nicht, ob es eine russische Staffel geben wird. Aber Österreich und Italien habe ich durchaus auf der Liste. Allerdings ist die sportliche Ausgeglichenheit bei uns stärker. Ich wünsche mir einen Dreikampf Norwegen, Frankreich, Deutschland um Gold!

Sie sprachen es an: Ob und welche russischen Biathleten starten, ist noch unklar. Ist der Ausschluss russischer Athleten wegen des staatlich verordneten Dopings ein Thema unter den Athleten?

Das war ein großes Thema, als das IOC das verkündet hat. Mittlerweile versuchen wir, versuche ich, nicht darüber nachzudenken, ob, wer oder auch wer gerade nicht starten darf.

Und das Thema Doping ganz allgemein?

Ob die Konkurrenten dopen oder nicht, diese Frage dürfen wir uns nicht stellen. Die würde uns psychisch kaputtmachen. Die würde Energie kosten, die man woanders, in den Rennen beispielsweise, mehr braucht. Wir gehen in Südkorea als saubere Athleten an den Start und werden um die Medaillen fighten! Der Rest ist Aufgabe des IOC, der IBU und der Wada.

Pyeongchang sind Ihre zweiten Olympischen Winterspiele. Was ist das Besondere daran, was macht ihren besonderen Reiz aus?

Das Besondere liegt daran, dass jeder sagt, dass die Spiele etwas Besonderes sind (lacht). Klar, man trifft sich nur alle vier Jahre, das ist schon etwas Spezielles, die Anspannung vor den Wettkämpfen ist dadurch anders. Auch dass man keine Sponsoren, keine Werbung an den Strecken, am Schießstand sieht. Auch das ist besonders. Und dass man im Olympischen Dorf Athleten aus vollkommen anderen Sportarten treffen und kennenlernen kann. Da setze ich große Hoffnungen in Pyeongchang, denn in Sotschi war das leider nicht so.

Sie waren im vergangenen März zu Wettkämpfen bereits in Pyeongchang. Sind es anspruchsvolle Strecken?

Auf alle Fälle. Ihr Alleinstellungsmerkmal ist zudem, dass sie über einen Golfplatz führen. Es sind also knackige Anstiege drin, die nicht einfach zu nehmen sind. Der Kopf muss da immer an sein!

Hat der Schießstand auch seine Besonderheiten?

Ja. Es scheint dort nie windstill zu sein. Im vergangenen Jahr war das zumindest der Fall. Es wurden viele Fehler liegend geschossen, weil es einfach schwer war, den Wind einzuschätzen. Da er aber immer recht gleichmäßig kam, rechne ich nicht mit einer Windlotterie bei den Wettkämpfen - anders also als bei den Wettbewerben in Oberhof.

Mit Erik Lesser sprach Thomas Badtke

Quelle: n-tv.de

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