Sport
Video
Montag, 26. Februar 2018

Nackte Zahlen, pure Emotionen: Team D glänzt mit Dominanz und Drama

Von Thomas Badtke

31 Medaillen, 14 Mal Gold: Das sind die nackten Zahlen der Deutschen bei den Olympischen Spielen von Pyeongchang. Aber dahinter stecken Hoffnungen und Emotionen: "Wir haben Geschichte geschrieben", "Shit", "Ihr seid Wahnsinn!"

Was bei den Olympischen Spielen zählt, sind Medaillen. Ein 8. Platz, ein 15. Rang interessieren die breite Öffentlichkeit nicht, sie sind maximal eine Randnotiz, einen Nebensatz wert. Insofern kann Olympia-Deutschland mit insgesamt 31 Mal Edelmetall und Platz zwei im Medaillenspiegel mehr als zufrieden sein. Aber mal ehrlich, was hängen bleibt von den Spielen in Pyeongchang, sind doch die Geschichten hinter den Medaillen, die Tränen der Freude wie der Enttäuschung gleichermaßen. Gefühle, herzerwärmende, herzzerreißende Momente. Pure Emotion - und nackte Zahlen:

0:4

Sotschi, 2014: Die erfolgsverwöhnte Bob-Nation Deutschland fliegt ohne eine einzige Medaille nach Hause. Weder in den Zweier-Konkurrenzen der Frauen und Männer noch in der Königsdisziplin, dem Vierer der Männer, gibt es Edelmetall. Eine Pleite historischen Ausmaßes.

Video

Pyeongchang, 2018: Wieder drei Rennen, aber diesmal kürt sich Deutschland zur erfolgreichsten Bob-Nation der Spiele: Gold für Francesco Friedrich/Thorsten Margis im Zweier-Bob der Männer; Gold für Mariama Jamanka/Lisa-Marie Buckwitz im Zweier-Bob der Frauen; Gold für Francesco Friedrich/Candy Bauer/Martin Grothkopp/Thoresten Margis und Silber für Nico Walther/Kevin Kuske/Alexander Rödiger/Eric Franke im Vierer-Bob der Männer. Das Fazit des neuen Bundestrainers René Spieß: "Sensationell!"

Kurve 9

Den Bobfahrern ist damit im Sliding Centre von Pyeongchang etwas geglückt, was dem Rodler Felix Loch nicht gelingt: fehlerfrei durch die Kurve neun zu fahren. Loch, bereits Olympiasieger in Vancouver 2010 und Sotschi 2014, geht als Topfavorit ins olympische Rennen. Nach drei von vier Durchgängen scheint es, als könne er dieser Rolle auch gerecht werden. Er liegt souverän an der Spitze. Der Sieger-Champagner steht schon bereit. Bundestrainer Norbert Loch hat die Lobeshymnen auf seinen Sohn, der dann in einem Atemzug mit Rodel-Legende George Hackl genannt werden müsste, bereits im Kopf.

Dann der vierte Lauf und ein Patzer in Kurve neun. Ein einziger kleiner Fehler - und die Medaille ist futsch. Kein Gold für Loch, nicht einmal eine Medaille, nur Platz fünf für den haushohen Favoriten aus Berchtesgaden. Eine herbe Enttäuschung. Der Schock sitzt tief: bei Felix, bei Norbert, bei Johannes Ludwig, dem zweiten deutschen Rodler im Wettbewerb. Es dauert etwas, bis der Thüringer Olympia-Debütant begreift, dass das Pech Lochs ("Mit so einem Fehler gehört man auch nicht da vorne hin") sein Glück ist: Ludwig gewinnt überraschend Bronze. Es dauert, bis er sich freuen kann. Es dauert noch etwas, aber dann darf auch Ludwig sich auch noch Olympiasieger nennen: Gold im Team.   

Tag elf

Peiffer patzt - die Mixed-Staffel bleibt medaillenlos.
Peiffer patzt - die Mixed-Staffel bleibt medaillenlos.(Foto: picture alliance / Michael Kappe)

Freud und Leid liegen auch am Tag elf der Olympischen Winterspiele von Pyeongchang nah, sehr nah, beieinander: Die Biathlon-Mixed-Staffel steht an, Deutschland ist nach insgesamt drei Goldmedaillen in den bisherigen olympischen Biathlon-Wettbewerben Topfavorit. Vanessa Hinz, Laura Dahlmeier, Erik Lesser und Simon Schempp sollen das vierte Gold holen. Doch Schempp fällt kurzfristig aus. Ihn ersetzt Sprint-Olympiasieger Arnd Peiffer - gleichwertig auf dem Papier.

Hinz startet bravourös. Dahlmeier festigt Platz eins. Erik Lesser übergibt mit rund einer halben Minute Vorsprung auf Peiffer. Zwei Nachlader sind damit drin, eine Strafrunde nicht. Doch genau die fabriziert der sonst so sichere Schütze im letzten Schießen. Platz vier im Ziel. Italien mit Dominik Windisch sichert sich im Schlusssprint gegen Peiffer Bronze. Nicht regelkonform zwar, aber die Jury weist einen Einspruch Deutschlands ab. Peiffer selbstkritisch: "Ich hab's vergeigt." Was bleibt, ist ein Biathlon-Drama mit Enttäuschung, Frust und Tränen.

Video

Tränen fließen kurz darauf auch bei den Nordischen Kombinierern -  Tränen der Freude: Johannes Rydzek (Gold), Fabian Rießle (Silber) und Eric Frenzel (Bronze) gelingt von der Großschanze ein Dreifach-Triumph, der sich bereits nach dem Springen angedeutet hatte, denn die Toplangläufer Frenzel (4.), Rydzek (5.) und Rießle (6.) hatten nur zwischen 24 und 34 Sekunden Rückstand auf den Führenden Akito Watabe aus Japan. Ein Triumph sporthistorischen Ausmaßes: Zuletzt war drei norwegischen Kombinierern dieses Kunststück 1932 bei den 3. Olympischen Winterspielen in Lake Placid gelungen.

14 Zentimeter

In die Sporthistorie dürfte auch der Biathlon-Massenstart der Männer eingehen. Am Ende geht es um 14 Zentimeter. Nicht um 20, wie beim Blödel-Schlager von Möhre, sondern um 14 wohlgemerkt. Eine Zahl, die nun mit dem Namen Simon Schempp verbunden sein wird.

Video

Der kommt im 15-Kilometer-Massenstart-Rennen nach 35:47,3 Minuten zwar zeitgleich mit dem Franzosen Martin Fourcade ins Ziel: Ausfallschritt, Zeitgleichheit, Fotofinish - und ein Bild, das im Anschluss um die Welt geht. Es zeigt Fourcade und Schempp zum Zeitpunkt, als ihre Füße die Ziellinie überqueren. Der Dienstleister der Zeitnahme errechnet: Fourcade ist 14 Zentimeter vor Schempp im Ziel. "Shit", kommentiert Schempp.

55 Sekunden - und drei Minuten

Hundertstel? Pffft. Dagegen scheinen 26 Sekunden wie aus einer anderen Welt. Es geht um Eishockey, K.-o.-Runde. Deutschland gegen die Schweiz. Verlängerung. Dem Sieger winkt das Viertelfinale, für den Verlierer ist das olympische Turnier vorbei. Wer das nächste Tour schießt, gewinnt.

Am Ende schmeckt Silber fast so süß wie Gold.
Am Ende schmeckt Silber fast so süß wie Gold.(Foto: imago/Bildbyran)

Es sind die Deutschen. Genau 26 Sekunden sind in der ersten Hälfte der Overtime gespielt, da lässt Yannic Seidenberg mit einem trockenen Rückhandschuss den Puck im Schweizer Tor zappeln und seine Teamkollegen samt Fans gleich mit. Das erste Mal seit 16 Jahren steht ein deutsches Eishockey-Team wieder in einem Olympia-Viertelfinale. Dort heißt der Gegner Schweden, der amtierende Weltmeister.

55 Sekunden bis zur Unsterblichkeit

Und wieder gibt es eine Verlängerung, für die Deutschen ist es die dritte in Folge. Nach 90 Sekunden netzt Patrick Reimer ein. Gerangel vorm Tor. Videobeweis. Tor für Deutschland - Halbfinale. "Es ist einfach unglaublich", so Kahun danach. Und ist damit zurückhaltend. Die Eurosport-Kommentatoren Gerhard Leinauer und Ex-Profi Patrick Ehelechner rasten völlig aus: "Jaaaaa!!! Tooooor!!!Halbfinale! Ihr seid Wahnsinn! Yes! Willst du mich verarschen? Ihr seid's geile Typen da unten!" Es geht gegen Kanada, den Rekord-Olympiasieger. Das Spiel braucht keine Verlängerung. 4:3 für Deutschland. Nicht nur bei Eurosport rastet man aus: "Sensation? Sensation? Das ist brutal geil!" Ist es! Finale gegen Russland. "Der Eishockey-Gott hatte heute einen deutschen Schal an."

Im Finale fehlen dann 55 Sekunden zum "Wunder von Pyeongchang", einem Sieg über die "Red Machine". 55 Sekunden vor Schluss gleichen die Russen zum 3:3 aus, in der Overtime sind sie diesmal die Glücklichen. "Wir waren drei Minuten Olympiasieger", kommentiert Verteidiger Moritz Müller. Egal: "Team D" - die Olympiasieger der Herzen!

66 Jahre

Emotional ist das nicht mehr zu übertreffen? Oh doch! 1952 in Oslo gewannen die Deutschen Ria und Paul Falk Olympiagold im Paarlauf. Danach gab es zwar ab und an noch Silber und/oder Bronze, aber keinen Olympiasieg mehr. Bis zu diesen Olympischen Spielen in Pyeongchang: Nach zwei Mal Bronze läuft Aljona Savchenko nun mit ihrem neuen Partner Bruno Massot zu Gold. Und das, obwohl sie nach dem Kurzprogramm und einem Patzer Massots nur auf Rang vier liegen. Was folgt, ist eine Weltrekord-Kür, der Sprung auf Platz eins - und jede Menge Tränen.

Savchenko lässt ihren Gefühlen freien Lauf: Sie habe mit drei Jahren auf dem Eis begonnen. Nun, 31 Jahre später, habe sie ihr Ziel Olympiagold erreicht: "Heute haben wir Geschichte geschrieben!" Emotionen pur - und nackte Zahlen.

Bilderserie
Datenschutz

Quelle: n-tv.de