Technik

Wiederfinden leicht gemacht Apples Airtags sind gute Schussel-Anhänger

Bluetooth-Anhänger, die helfen, verlorene Gegenstände wiederzufinden, sind nicht neu, aber Apple will mit seinen Airtags mal wieder alles besser als die Konkurrenz machen. Das ist im Prinzip auch gelungen, aber ein Update ist noch dringend nötig.

Wenn irgendein anderer Hersteller Bluetooth-Anhänger vorgestellt hätte, mit denen man verlorene oder verlegte Schlüssel, Koffer oder andere Gegenstände aufspüren kann, wäre das nichts Besonderes mehr. Aber weil die Airtags von Apple kommen, sind die kleinen Tracker ein großes Thema - und sie sind tatsächlich etwas Spezielles. Um wirklich besser als die Konkurrenz zu sein, fehlt ihnen aber noch etwas.

Ein Airtag kostet 35 Euro, das Vierer-Pack gibt's für 119 Euro. Die Tracker sind etwas größer als Zwei-Euro-Münzen und sehen aus wie Magnet-Pins für Kühlschränke. Eine Seite ist weißer, glänzender Kunststoff, die andere polierter Stahl mit mattem Apple-Logo. Am makellosen Glanz der 11 Gramm leichten Tracker kann man sich aber vermutlich nicht allzu lange erfreuen. ntv.de hatte einen Airtag sechs Tage im Münzfach der Geldbörse untergebracht und einen zweiten als Schlüsselanhänger genutzt. Wie erwartet, zeigen sich bereits vor allem auf der Stahlseite erste Kratzer.

Robust, aber Kratzer gehören dazu

Egal, die Airtags sind Gebrauchsgegenstände zum Wegstecken und ansonsten richtig robust. Sie sind nach IP67 vor Staub und Wasser geschützt und überleben auch, wenn sie mal mit Füßen beziehungsweise Schuhen getreten werden. Sie sollen ja auch nicht gut aussehen, sondern Nutzer zuverlässig zu verlorenen oder verlegten Gegenständen führen, was sie sehr gut können. Das gilt allerdings nur für iPhone-Besitzer. Wer ein Android-Smartphone hat, kann mit den Trackern nichts anfangen.

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Nach ein paar Tagen am Schlüsselbund zeigen sich auf dem polierten Edelstahl die ersten deutlich sichtbaren Kratzer.

(Foto: kwe)

Für Apple-Nutzer ist die Einrichtung dafür wie üblich ganz einfach. Man zieht am Airtag die Kontaktsperre zur Batterie ab, bringt das iPhone in seine Nähe und das war's eigentlich schon. Es poppt automatisch ein Fenster auf, in dem man auf "Verbinden" tippt, dem Tag eine Bezeichnung gibt und mit der Apple-ID verbindet. Ab jetzt ist der Airtag "scharf" und mit Apples "Wo ist?"-Netzwerk verbunden.

Mit Strom versorgt werden Airtags durch handelsübliche Knopfbatterien, die rund ein Jahr halten sollen. Man kann sie problemlos selbst wechseln, was die Folgekosten in engen Grenzen hält.

Zu Hause findet man sie immer

Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, nach dem Tracker zu suchen. Perfekt funktioniert das im Nahbereich, solange eine Bluetoothverbindung zwischen Airtag und iPhone besteht, beispielsweise zu Hause. Man kann dann über die "Wo ist?"-App einen ziemlich lauten Alarmton abspielen lassen oder auf "Suchen" tippen. Dann sieht man bei größerer Entfernung zunächst die Distanz angezeigt. Nähert man sich dem Airtag bis auf ungefähr 5 Meter, weist zusätzlich ein Pfeil die Richtung, in die man gehen muss. Außerdem vibriert das iPhone stärker, je näher man dem Airtag kommt. Sehbehinderte können sich auch über Sprachanweisungen ans Ziel führen lassen.

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Nähert man sich einem gesuchten Airtag mit dem iPhone, zeigt es die genaue Richtung an, in die man gehen muss.

(Foto: kwe)

Die gezielte Suche funktioniert über eine Kombination verschiedener Sensoren und Apples U1-Chip, der Ultrabreitband-Funk nutzt. Daher klappt dies auch nur mit iPhones der beiden jüngsten Generationen, ältere Geräte haben den Chip nicht. Die Funktion ist nett, aber wie bei anderen Bluetooth-Trackern findet man den Airtag auch schon problemlos über den Alarmton.

Millionen iPhones suchen mit

Interessant wird die Sache, wenn ein Airtag außerhalb der Bluetooth- und Hör-Reichweite ist. Dann sieht man in der App nicht nur auf einer Karte, wo der Airtag ungefähr zuletzt mit dem iPhone verbunden war - das können andere Tracker auch. Zusätzlich suchen alle anderen iPhones, iPads oder MacBooks im "Wo ist?"-Netzwerk automatisch mit.

Dies funktioniert im Hintergrund über Bluetooth, ähnlich wie man es von der Corona-Warn-App kennt. Das Gerät erkennt den Airtag und sendet dessen Kennung und Standort verschlüsselt und anonymisiert in Apples iCloud, wodurch der Besitzer den Standort des Trackers in der "Wo ist?"-App sieht. Sonst kann ihn niemand sehen.

Konkurrenz darf mitmachen

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Die Batterien sind schnell gewechselt.

(Foto: kwe)

Grundsätzlich arbeiten so auch andere Tags, beispielsweise von Tile oder Chipolo. Normalerweise allerdings nur mit Smartphones, auf denen deren App installiert ist. Davon gibt es selbst in Großstädten wie Berlin höchstens ein paar Tausend, dagegen ist jedes vierte Smartphone in Deutschland ein iPhone. Die Wahrscheinlichkeit ist also viel höher, dass ein Airtag gefunden wird. In stark frequentierten Orten ist es fast schon ausgeschlossen, dass dem nicht so ist. Apple gestattet Konkurrenten den Zugang zu "Wo ist?". Tile verzichtet darauf, Chipolos Bluetooth-Anhänger dagegen funktionieren in Apples Such-Netzwerk.

Airtag-Nutzer können auch den Modus "Verloren" aktivieren. Sie erhalten dann eine Benachrichtigung, wenn der Tracker geortet wurde oder wieder in Reichweite ist. Es ist auch möglich, eine Botschaft und die Telefonnummer zu hinterlegen. Ein Finder kann sie mit jedem NFC-fähigen Smartphone auslesen - auch mit Android-Geräten. Er wird dann auf eine Webseite mit einem Kontaktformular weitergeleitet. Selbst nutzen kann man gefundene Airtags nicht, solange sie der bisherige Besitzer nicht zurückgesetzt hat.

Missbrauch fast ausgeschlossen

Ein Missbrauch von Airtags soll laut Apple praktisch ausgeschlossen sein. So wird die Bluetooth-Kennung eines Airtags regelmäßig gewechselt, um darüber den Nutzer nicht tracken zu können. Im Tracker wird kein Standortverlauf gespeichert und die Kommunikation mit dem "Wo ist?"-Netzwerk ist Ende-zu-Ende verschlüsselt.

Versucht man eine Person zu verfolgen, indem man ihr heimlich einen Airtag zusteckt, erkennt ein iPhone dies und benachrichtigt seinen Nutzer über die dauerhafte Nähe eines fremden Tags. Bei Android-Smartphones klappt das natürlich nicht. In diesem Fall macht sich ein Airtag mit einem Alarmton bemerkbar, wenn er längere Zeit von seinem zugeordneten iPhone getrennt und in Bewegung ist.

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So sieht es aus, wenn man mit einem Android-Smartphone ein Airtag per NFC ausliest.

(Foto: kwe)

In beiden Fällen sieht man Anweisungen, wie man den Tag deaktiviert. Das heißt, wie man die Batterie entfernt. Bis es so weit ist, können allerdings drei Tage vergehen, in denen es theoretisch also durchaus möglich wäre, jemanden hinterherzuspionieren. Apple sollte hier unbedingt noch nachjustieren.

Warum gibt das Ding keinen Alarm?

Ein gravierenderes Problem im Alltag ist allerdings die fehlende Alarmfunktion, wenn man sich mit dem iPhone von einem Airtag entfernt. Das ist beispielsweise auf Reisen beim Gepäck enorm wichtig. Wenn ein Rucksack inklusive Notebook und anderen Wertgegenständen erstmal weg ist, findet man ihn via Airtag vielleicht wieder, aber mit einiger Wahrscheinlichkeit ohne Inhalt. Oder ein Dieb oder nicht ehrlicher Finder weiß, was der kleine Apple-Anhänger zu bedeuten hat und entfernt ihn einfach.

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Ein weiterer Nachteil der Airtags ist das teure Zubehör, das man benötigt, da sie nicht wie andere Bluetooth-Tracker Befestigungsösen haben. Ein Apple-Anhänger kostet mindestens so viel wie ein Airtag. Selbst für eine schlichte Halterung des Herstellers Belkin muss man 14 Euro hinblättern. Das Problem löst sich aber vermutlich bald von selbst, wenn weitere Produkte von Drittanbietern auf den Markt kommen.

Ansonsten sind die Airtags sehr gute Tracker, die vor allem für Schussel praktische Helferlein im Alltag sind. Besonders gelungen ist die zielgenaue Suche und die Einbindung in das "Wo ist?"-Netzwerk. Diebe schreckt so ein Ding aber kaum ab, vor allem so lange den Tags ein Entfernungsalarm fehlt. Aus dem gleichen Grund sind Airtags auch noch keine besonders nützlichen Reisebegleiter.

Quelle: ntv.de

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