Technik

Gemetzel mit Hardware-Hunger Der Kampf um die Realität hat begonnen

5926d9f2f93d11a3deda133381bf5942.jpg

Das Playstation VR Headset ist marktreif.

(Foto: dpa)

Die Hardware-Apokalypse steht bevor, bald rechnet alles die Cloud? Eine Vision der Vergangenheit, wie auf der Gamescom deutlich wird. Die Virtuelle Realität ist kurz davor, Hardware und Spielen einen gewaltigen Innovationsschub zu verpassen.

Branchenpropheten waren sich vor wenigen Jahre sicher: Die Xbox One und die Playstation 4 werden die letzte klassische Generation von Spielkonsolen. In Zukunft übernähmen Server das Rechnen und streamten nur noch das Signal übers Internet auf die heimischen Bildschirme. Bislang ist von diesem Zeitenwechsel nichts zu sehen. Im Gegenteil, die großen Hersteller haben allesamt neue Konsolen angekündigt: Microsoft "Project Scorpio", Sony die Playstation 4 Neo und Nintendo betreibt um seine NX Geheimniskrämerei.

Das Gamescom-Motto lautet dieses Jahr mit Blick auf Virtuelle Realität (VR) "Heroes in New Dimensions". Das deutet auf neues Selbstbewusstsein hin. Die Branche hat dank der Technik ihren Glauben an sich selbst und die Zukunft wiedergefunden. In den Messehallen in Köln ist das ebenfalls zu sehen: Dort präsentiert Sony seine VR-Hardware für die Playstation 4 mit einem großen Stand, das Gedränge ist groß. PSVR kommt am 16. Oktober auf den Markt. Oculus' Rift für PC ist bereits erhältlich, ebenso "Vive" von HTC.

Der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (Biu) sieht die Technologie schon jetzt als sehr gefragt an. Einer repräsentativen Umfrage von YouGov zufolge kennt fast jeder zweite Internetnutzer in Deutschland Virtual-Reality-Brillen, sagte Biu-Geschäftsführer Maximilian Schenk. Rund jeder fünfte könne sich einen Kauf vorstellen. Aus Umfragen schließt der Branchenverband Bitkom auf ein Käuferpotenzial für VR-Headsets von etwa 20 Millionen Menschen in Deutschland.

Spiele in Entwicklung

b383fb8a286f6db72fe2bbfa3ed95acc.jpg

Das Rift Headset von Oculus ist bereits erhältlich.

(Foto: imago/Rüdiger Wölk)

Der Sprung in die neue Dimension bedeutet Herausforderungen. Hersteller müssen Spieler vom Kauf neuer Hardware überzeugen; Entwickler lernen, dafür zu programmieren und ihre Geschichten anders zu erzählen; Spieler, damit auch umzugehen. Wenn man die Headsets an den Messeständen in Köln ausprobieren will, geben die Helfer den Hinweis, die Benutzung könne Übelkeit oder Schwindel verursachen. Deutschlands Playstation-Chef Uwe Bassendowski zeigt sich im Gespräch mit n-tv.de überzeugt, das VR ein Erfolg wird: "Man braucht den richtigen Zeitpunkt, um eine Technik auf den Markt zu bringen. Ich glaube, für Virtuelle Realität ist er jetzt gekommen."

Spiele, die an den Umfang von Blockbustern heranreichen und der Technik zum Durchbruch verhelfen könnten, sind noch rar. Eindrucksvolle, bereits erhältliche Titel sind etwa die Weltraumpiloten-Action "Eve: Valkyrie" (Vive, Oculus Rift, angekündigt für PSVR), "Elite: Dangerous" (Rift, angekündigt für Vive), das Sportspiel "The Climb" (Rift), oder das nervenaufreibende "P.O.L.L.E.N." (Rift, angekündigt für Vive), bei dem der Spieler aus der Ich-Perspektive eine Raumstation auf dem Mond Titan erkundet. Und bei einer von Fans erstellten VR-Version des Shooter-Klassikers "Half-Life 2" (Rift) wird Gordon Freeman plötzlich in der dritten Dimension aktiv.

Viele andere Spiele, die das Potenzial zum Durchbruchhelfer für VR haben könnten, sind noch in der Entwicklung und werden in kurzen Demoversionen auf der Gamescom gezeigt. Man kann sich gruseln bei "Resident Evil 7", erkunden in "Robinson: The Journey" (PSVR), rasen bei "Driveclub VR" (PSVR), metzeln im Ego-Shooter "Farpoint" (PSVR) oder die Bat-Höhle bei "Batman: Arkham VR" (PSVR) bestaunen. Während Sony also deutlich sichtbar auf Virtuelle Realität setzt, ist von Microsoft für die Xbox bislang nichts angekündigt. Eine Zusammenarbeit mit HTC oder Oculus läge nahe, da die Hardware beider Hersteller mit Windows-PCs funktioniert.

Trotz der Umfragen, trotz all des Optimismus muss sich noch herausstellen, ob die Technik ein bedeutender Bestandteil der Branche werden und auch bleiben kann. Oder redet noch jemand über Playstation Move und Microsoft Kinect ohne VR? Bislang gehörte zum Fenster in eine andere Wirklichkeit auch immer der Rahmen des Bildschirms. Die Virtuelle Realität entfernt ihn, erweitert die Sicht des Spielers auf 360 Grad in die dritte Dimension und macht sie zum körperlichen Erlebnis. Das haben die Branchenpropheten offenbar nicht vorausgesehen, als sie den Tod der Konsolen ankündigten.

Quelle: n-tv.de