Technik

Nachhaltig und langlebig Fairphone 4 besteht den Alltagstest

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Beim Fairphone 4 kann man Akku, Kameras, Display und fünf weitere Komponenten wechseln.

(Foto: kwe)

Die vierte Generation des Fairphone ist die erste, die auch anspruchsvollere Nutzer zufriedenstellen kann. Wer beim Smartphone-Kauf wirklich einen Beitrag für die Umwelt und bessere Arbeitsbedingungen leisten möchte, muss nur noch kleinere Kompromisse eingehen.

Am 25. Oktober kommt das Fairphone 4 in den Handel. Es ist das erste Smartphone, für das kein zusätzlicher Elektromüll entstehen soll. Außerdem hat der niederländische Hersteller möglichst viel recyceltes Material eingesetzt oder achtet so weit wie derzeit möglich auf einen fairen und schonenden Umgang mit Menschen und Umwelt bei der Gewinnung der Rohstoffe. Das Gleiche gilt bei der Produktion. Und ganz wichtig: Die Geräte müssen langlebig sein.

Für das gute Gewissen mussten Käufer in der Vergangenheit damit leben, dass die Geräte mit normalen Smartphones weder technisch noch optisch mithalten konnten. Beim Fairphone 4 soll das anders sein, Nutzer sollen nur noch kleinere Kompromisse eingehen müssen. ntv.de hat ausprobiert, ob das der Fall ist.

Modular, aber wasserfest

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Hier sieht man alle austauschbaren Bauteile.

(Foto: Fairphone)

Das Fairphone 4 sieht zwar immer noch nicht wie ein aktuelles 1000-Euro-Oberklasse-Smartphone aus, aber das Design kann sich sehen lassen. Das gilt vor allem dann, wenn man bedenkt, dass das Gerät modular aufgebaut ist: Man kann nicht nur den Akku, sondern auch Kameras, Display und fünf weitere Komponenten selbst wechseln.

Fairphone legt dafür einen Schraubenzieher bei. Mehr Werkzeug braucht man nicht - es gibt nur eine Schraubengröße, nichts ist verklebt. Stark: Trotz der modularen Bauweise ist das Fairphone 4 nach IP54 gegen Staub und Spritzwasser geschützt.

Scharfes Display, griffiges Design

Man kann die dickeren Ränder um den Bildschirm also wohlwollend übersehen und anerkennen, dass das Fairphone 4 ein gutes 6,7 Zoll großes LCD hat. Es bietet eine sehr scharfe Pixeldichte von 410 ppi, stellt Farben natürlich dar, hat recht kräftige Kontraste und kann hell leuchten. Dass die Bildwiederholfrequenz nicht schneller als 60 Hertz (Hz) ist, ist ein kleiner Wermutstropfen. Es fällt aber nur auf, wenn man vorher ein 90- oder 120-Hertz-Display betrachtet hat, und auch das iPhone 13 hat keinen schnelleren Bildschirm.

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Das LCD kann sich sehen lassen.

(Foto: kwe)

Die abnehmbare Rückseite besteht aus zu 100 Prozent recyceltem Polycarbonat. Das ist nicht nur stabiler als das oft eingesetzte Glas, sondern fühlt sich durch eine gummierte Oberfläche auch angenehmer an und ist das Gegenteil von rutschig. Der Aluminiumrahmen ist etwas bauchig, was dem Gerät gut steht. Mit 162 x 75,5 x 10,5 Millimetern und 225 Gramm ist es kein schlankes Leichtgewicht, liegt aber gut in der Hand.

Guter Mittelklasse-Antrieb

Das Innenleben sollte stark genug sein, um auch in zwei Jahren noch mithalten zu können. Mit Qualcomms gutem Mittelklasse-Chip Snapdragon 750G hat das Fairphone genügend Kraft und ist 5G-fähig. Dem Prozessor stehen wahlweise 6 oder 8 Gigabyte (GB) zur Seite. Die Test-Variante mit 6 GB zeigte durchweg eine flüssige Performance. Der Flash-Speicher ist 128 oder 256 GB groß und kann durch microSD-Karten erweitert werden.

Der Akku hat mit 3905 Milliamperestunden keine allzu große Kapazität. Laut Fairphone hat man vor allem darauf geachtet, dass die Qualität stimmt. Außerdem nimmt eine austauschbare Batterie viel Platz weg, ein größerer Akku hätte das Gerät zu dick werden lassen. Im Test kam das Gerät bei moderatem Gebrauch gut über den Tag. Außerdem kann man einen zweiten Akku mitnehmen, die Tausch-Batterie kostet 30 Euro.

Fünf Jahre Garantie sind eine Herausforderung

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Im Fairphone 4 gibt es nur eine Sorte Schrauben.

(Foto: kwe)

Neben dem SD-Karten-Slot befindet sich der SIM-Karten-Einschub im Inneren des Fairphone 4. Man kann auch eSIMS nutzen, was das Gerät zusätzlich zukunftssicher macht. Fünf Jahre gibt der Hersteller Garantie. Nach Android 12 und Android 13 könnten weitere Aktualisierungen folgen, Sicherheitsupdates soll es möglichst fünf Jahre geben, wenn auch nur die ersten zwei monatlich.

Die Frage wird sein, ob der Chip dann noch gut genug ist. Denn das ist eine kritische Komponente, die man beim Fairphone (noch) nicht austauschen kann. Eventuell muss da auch Chip-Hersteller Snapdragon mit Treiber-Updates mitspielen.

Vernünftige Kameraausstattung

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Das Gerät hat eine Weit- und eine Ultraweitwinkel-Kamera sowie einen Infrarot-Sensor zur Tiefenmessung.

(Foto: kwe)

An den Kameras muss ein langes Leben nicht scheitern, denn man kann sie wechseln. Vorerst ist das aber nicht nötig, denn die Ausstattung ist nicht schlecht. Auf der Rückseite hat das Fairphone 4 eine optisch stabilisierte Hauptkamera mit 48 Megapixeln (MP) und Blende f/1.6 sowie eine 48-MP-Ultraweitwinkel-Kamera mit Blende f/2.2. Dazu kommt ein Infrarot-Sensor zur Tiefenmessung. Die Frontkamera löst mit 25 MP auf und ist HDR-fähig.

Weit- und Ultraweitwinkel-Kamera machen bei Tageslicht schöne Aufnahmen mit natürlichen Farben, starken Kontrasten und vielen Details. Der Autofokus arbeitet dabei meistens sehr flott und akkurat. Allerdings kann man nur die Hauptkamera auf 48 MP schalten, ansonsten werden vier Pixel zu einem Ultra-Pixel vereint, um die Lichtstärke zu erhöhen. Auch der "Super-Nacht-Modus" funktioniert nur mit der Weitwinkel-Kamera. Diese ist dann aber auch in der Lage, bei Dunkelheit recht ansprechende Resultate zu liefern

Videos dreht das Fairphone ausschließlich mit der Hauptkamera. 4K-Aufnahmen sind mit 30 Bildern pro Sekunde (fps) möglich, in Full-HD und HD 60 fps. Die Ergebnisse können sich bei gutem Licht absolut sehen lassen, Filmkunst im Dunkeln darf man sich aber nicht erhoffen.

Alltagstest bestanden

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Früher hatten fast alle Smartphones leicht austauschbare Akkus.

(Foto: kwe)

Ein abschließendes Urteil der Kameraleistung ist noch nicht möglich. Wie oft üblich schraubt auch Fairphone noch bis zum Schluss an der Software, zum oder kurz nach Marktstart soll noch ein Update folgen.

Auch ohne finale Kamera-Wertung kann man sagen, dass das Fairphone 4 den Alltagstest absolut bestanden hat. Es bietet zwar keine besonderen Raffinessen oder Extras, man vermisst sie aber auch nicht wirklich. Das Modell mit 6 GB Arbeitsspeicher und 128 GB Flash-Speicher kostet rund 580, die Variante mit 8 und 256 GB 650 Euro. Damit sind die Preise gar nicht so weit von ähnlich ausgestatteten, herkömmlich hergestellten Mittelklasse-Smartphones entfernt. So langlebig wie das Fairphone 4 werden diese nie sein.

Jedes Jahr ein neues Smartphone ist Wahnsinn

Laut "Werte Umwelt" sind in Deutschland sechs von zehn privaten Smartphones höchstens ein Jahr alt. 57 Millionen Deutsche nutzen ein Smartphone, besitzen aber wesentlich mehr Geräte. Die "Deutsche Umwelthilfe" schätzt, dass 206 Millionen Handys in Schubladen liegen. Laut der Deutschen Rohstoff­agentur enthalten sie etwa 3,4 Tonnen Gold, 1300 Ton­nen Kupfer und 380 Kilogramm Palladium - ohne die Rohstoffe in den Akkus.

Der Ressourcenverbrauch bei der Produktion ist immens. Insgesamt besteht ein Smartphone aus 40 bis 60 verschiedenen Rohstoffen, rund ein Viertel davon sind Metalle. "Fluter" hat ermittelt, dass die für ein Smartphone eingesetzten Rohstoffe 86 kg wiegen. Nur 2 Prozent davon landen im Gerät, der Rest ist Abfall. Bei der Herstellung kommt außerdem viel Chemie zum Einsatz, deren Entsorgung die Umwelt extrem belastet. Und laut Ökoinstitut entstehen bei der Herstellung eines Smartphones ungefähr 100 kg Kohlendioxid.

Recycling ist nicht die Lösung

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Beim Abbau der Rohstoffe wird noch seltener als bei der Produktion der Smartphones Rücksicht auf die Umwelt genommen wird. Wälder werden gerodet, Gewässer verseucht, die Luft verpestet. Auch Menschen gelten bei der Gewinnung oft nur als Ressourcen, die es auszubeuten gilt. Kinderarbeit ist nicht selten, Hungerlöhne sind eher die Regel als die Ausnahme.

Recycling kann an der katastrophalen Bilanz nur wenig ändern, nur knapp 15 Prozent der Rohstoffe werden aktuell zurückgewonnen. Speziell bei den seltenen Erden, deren Gewinnung für Umwelt und Menschen oft besonders dramatische Folgen hat, ist Recycling zu aufwendig und damit zu kostenintensiv.

Quelle: ntv.de

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