Technik

Wird Installation zur Pflicht? Woran die Tracing-App scheitern könnte

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Wenn Nutzer der Corona-App Infizierten zu nahe kommen, soll ein Warnhinweis auf dem Smartphone erscheinen.

(Foto: imago images/HMB-Media)

Die Bundesregierung, Apple und auch Google arbeiten zeitgleich an eigenen Corona-Apps. Eine technische Zusammenarbeit gibt es bislang noch nicht, eine flächendeckende Nutzung wäre so fast ausgeschlossen. Zudem ist fraglich, wie möglichst viele Menschen von der App überzeugt werden können.

Politiker und Experten knüpfen eine Rückkehr zur Normalität in der Coronavirus-Pandemie an eine stärkere Überwachung der Bevölkerung. Eine App für Smartphones soll künftig mittels eines Warnsystems die Infektionsketten unterbrechen. Sowohl die Bundesregierung zusammen mit dem Robert-Koch-Institut (RKI) als auch die beiden Tech-Riesen Apple und Google arbeiten zeitgleich an eigenen Lösungen. Dabei stehen die Entwickler vor den gleichen riesigen Hürden, die Ausbreitung des Virus per App einzudämmen.

Alle drei Seiten wollen möglichst schnell eine funktionierende Tracing-App auf die Beine stellen. Im Gegensatz zu Tracking-Apps, wie sie in einigen asiatischen Ländern eingesetzt werden, erfassen Tracing-Apps keine Geodaten, sondern registrieren nur die unmittelbare Nähe anderer Smartphones. Die Bundesregierung setzt bei der Entwicklung auf das deutsche Forschungsprojekt "PEPP-PT" und will nicht auf die Technologien von Apple und Google warten. Das RKI teste die App bereits. Wann sie bereitstehe, sei noch nicht klar. Wie die "Welt" berichtet, gebe es zudem keine enge technische Zusammenarbeit zwischen "PEPP-PT" und den beiden Großkonzernen. Dabei ist die Kompatibilität der einzelnen Apps ausschlaggebend für den Erfolg.

In dem Entwurf einer Beschlussvorlage der Bundesregierung für die Telefonkonferenz von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten der Länder, der RTL und ntv vorliegt, werden alle diejenigen, die ebenfalls an Tracing-Apps arbeiten, "eindringlich gebeten", das zugrundeliegende Konzept von "PEPP-PT" zu nutzen, damit alle Angebote kompatibel sind. "Ein Flickenteppich von nicht zusammenwirkenden Systemen würde den Erfolg der Maßnahme zunichtemachen."

Die Forscher der "PEPP-PT"-Initiative gehen davon aus, dass mindestens 60 Prozent der deutschen Bevölkerung die Tracing-App installieren müsste, damit das Warnsystem überhaupt funktioniert. Die so angepeilten 50 Millionen Nutzer könnten nur erreicht werden, wenn die verschiedenen Apps miteinander kompatibel sind, denn in Deutschland nutzen nur etwa 59 Millionen Menschen überhaupt ein Smartphone - vorwiegend aufgeteilt auf die beiden Betriebssysteme von Google und Apple. Ein weiterer technologischer Aspekt, der einige Smartphone-Nutzer von vornherein von der App-Nutzung ausschließen würde, ist der Bluetooth-Funkstandard "Bluetooth Low Energy" (BLE). Ältere Modelle verfügen erst gar nicht über BLE.

Wie aus der Beschlussvorlage ebenfalls hervorgeht, soll die Nutzung der App "auf Freiwilligkeit basieren". Der Kölner Ökonom Axel Ockenfels sagte der "Welt", dass ein "bisschen Zwang" in Form von automatischen Updates hilfreich sein könnte. "Viele Menschen sind bequem, sodass die Entscheidung für die App ganz einfach und leicht sein sollte. Deswegen kann es einen großen Unterschied machen, ob man die App automatisch auf alle Smartphones installiert und bei der Installation beantworten muss, ob man 'out-opten' möchte, oder ob man einfach nur gebeten wird, freiwillig die App zu installieren und zu benutzen." Vor die Wahl gestellt zu werden, würde dem Nutzer laut Studien nichts ausmachen, am Ende aber zu mehr als 50 Prozent mehr Nutzung führen.

Entsprechend wollen Apple und Google die Anti-Corona-App per Betriebssystem-Update an die Smartphone-User bringen. Nach dem Herunterladen der Datei müsste die App-Nutzung nur noch bestätigt werden. Die Freiwilligkeit reduziert sich so nur auf wenige Klicks.

Laut Ökonom Ockenfels komme es allerdings besonders darauf an, wie die Macher ihr Konzept gegenüber den Nutzern präsentierten. "Eine App, die uns hilft, in gemeinsamer Kooperation gegen das Virus zu kämpfen, dürfte erfolgreicher sein als dieselbe App, bei der es heißt, dass ich andere über mein Risiko informieren soll", sagte er der "Welt". Schließlich seien viele Menschen freiwillig bereit, sich an die Regeln zu halten und zu kooperieren. Voraussetzung dafür sei jedoch, dass die Kosten dafür sehr gering und der gesellschaftliche Nutzen sehr groß ausfällt.

Quelle: ntv.de, mba