Wirtschaft

"Befriedigender Kompromiss" Ackermann lobt den Gipfel

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Europas längster Tag: Erst in den Morgenstunden kann die Kanzlerin mit Ergebnissen vor die Presse treten.

(Foto: REUTERS)

Erst in den frühen Morgenstunden können die Staats- und Regierungschefs der Eurozone die Ergebnisse des Gipfels verkünden. Deutsche-Bank-Chef Ackermann zeigt sich zufrieden, andere Stimmen äußern sich kritischer. Bringt die lange Nacht von Brüssel tatsächlich Klarheit? Fachleute zerlegen das Ergebnis.

Nach zähen Verhandlungen haben sich die Euro-Länder auf ihrem Sondergipfel in Brüssel auf ein umfassendes Maßnahmenpaket zur Lösung der Schuldenkrise geeinigt. In den frühen Morgenstunden konnten die Staats- und Regierungschefs der Eurozone schließlich auch einen Kompromiss zur Beteiligung der privaten Gläubiger beim Schuldenerlass für Griechenland vorstellen.

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"Beide Seiten sind aufeinander zugegangen und haben im Interesse Europas einen befriedigenden Kompromiss erzielt": Josef Ackermann.

(Foto: REUTERS)

An den Märkten lösen die Ergebnisse Erleichterung aus. Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank und zugleich Präsident des Welt-Bankenverbandes IIF, zeigte sich mit der Einigung auf einen Schuldenschnitt für Griechenland von 50 Prozent zufrieden. "Beide Seiten sind aufeinander zugegangen und haben im Interesse Europas einen befriedigenden Kompromiss erzielt", sagte Ackermann auf Anfrage. An den Verhandlungen war Ackermann nicht direkt beteiligt. Mit den Euro-Politikern in Brüssel sprach IIF-Geschäftsführer Charles Dallara.

In der Nacht beschlossen die Staats- und Regierungschefs der 17 Euro-Länder zudem ein zweites Hilfsprogramm für Griechenland, einen verstärkten Einsatz der Mittel des Rettungsfonds EFSF sowie Eckpunkte zur Stärkung der Banken. Italien und Spanien verpflichteten sich zudem zu zusätzlichen Reformschritten. Für Griechenland schnürten die Euro-Länder ein neues Rettungspaket, das einen Schuldenerlass der privaten Gläubiger von nominal 50 Prozent der rund 200 Mrd. Euro ausstehenden Staatsanleihen vorsieht. Der Bankenverband IIF erklärte sich bereit, eine entsprechende "freiwillige" Vereinbarung zu entwickeln. Die "Freiwilligkeit" des Forderungsverzichts spielt eine wichtige Rolle: Ohne dieses Zugeständnis müssten die Ratingagenturen den Schuldenschnitt in Griechenland als faktischen Zahlungsausfall bewerten. Sämtliche Rettungsbemühungen wären damit hinfällig.   

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Operation Schuldenschnitt: Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso.

(Foto: REUTERS)

Die 17 Euro-Länder verständigten sich außerdem darauf, dem Euro-Rettungsschirm EFSF die Möglichkeit zu geben, über eine Billion Euro für angeschlagene Euro-Staaten zu mobilisieren. Das Gesamtpaket wurde von Analysten, Ökonomen und anderen Konjunktur- und Wirtschaftsexperten aus dem In- und Ausland umgehend auf seine Stichhaltigkeit und seine Auswirkungen auf den weiteren Verlauf der Schuldenkrise hin überprüft.

"Es ist nicht der große Wurf, aber ein Schritt weiter", fasste Gustav Horn, der Direktor des gewerkschaftsnahen IMK-Instituts seine Eindrücke in einer ersten Reaktion zusammen. "Es ist ein riskanter Schritt, denn mit der Hebelung erhöht sich zwar die Schlagkraft, aber auch das Risiko für die Staaten. Wenn es schief geht, wird es teurer. Besser wäre gewesen, auf die Hebelung zu verzichten und stattdessen den Rettungsfonds EFSF aufzustocken. Und im Falle eines Falles hätte die EZB bereit stehen müssen, um Staatsanleihen zu kaufen. Mit dieser doppelten Verteidigungslinie hätte man die Märkte auch ohne riskante Finanzmarktmanöver beruhigen können."

"Jede Einigung ist besser als keine Einigung", beschrieben Devisen-Experten der Commerzbank das aus ihrer Sicht wichtigste Signal des Sondergipfels. "Schließlich besteht zumindest die Chance auf eine merkliche Entspannung der Euroraum-Schuldenkrise." Doch auch bei der Commerzbank sieht man die geplanten Hebelung des Euro-Rettungsschirms EFSF (im Fachjargon: Leverage) und den Schuldenschnitt von 50 Prozent (englisch: Haircut) offenbar sehr kritisch. Es könne "durchaus sein, dass diese Erholung nur von kurzer Dauer ist", warnen die Commerzbank-Analysten. Die wichtigsten Risiken blieben demnach auch nach dem Gipfel bestehen: "Es ist nicht sicher, ob der Leverage des EFSF gelingt. Der massiv erhöhte Griechenland-Haircut könnte bestehende Ansteckungseffekte verstärken und neue auslösen."

Problematisch sehen die Experten vor allem die formelle "Freiwilligkeit" des Schuldenschnitts. "Insbesondere die Tatsache, dass sich die Regierungschefs damit brüsten, den Banken den Haircut aufgezwungen zu haben, dürfte Investoren in Staatsanleihen anderer Euroraum-Staaten verunsichern", heißt es in einer ersten Analyse. All das seien Risiken, die erst in den nächsten Tagen oder Wochen relevant werden dürften. Die Vereinbarung zwischen Politik und privaten Gläubigern Gläubigerbeteiligung im Fall Griechenlands beschäftigte auch Nicolaus Heinen von der Deutschen Bank. "Auch, wenn immer wieder betont wird, dass dies ein Einzelfall sei, liegt nahe, dass sich Ähnliches bei anderen Ländern wiederholen könnte", sagte Heinen in einer ersten Reaktion. "Problematisch ist, dass der Hebel der EFSF als eine Art Kreditausfallsversicherung gestaltet ist. Diese greift jedoch nicht bei einer freiwilligen Gläubigerbeteiligung. Inwiefern dies tatsächlich für Vertrauen sorgen soll, bleibt fraglich."

Europa bleibt eine "Riesenbaustelle"

Ein Großteil der Gipfel-Ergebnisse kreist um neue Möglichkeiten der wirtschaftspolitischen Koordinierung zwischen den Euroländern. Mit Italien wird ein einzelnes Land in der Abschlusserklärung jedoch in mehreren Absätzen ausführlich behandelt - eine Folge des immensen Drucks der Staats- und Regierungschefs auf Berlusconi, wie Deutsche-Bank-Analyst Heinen erklärt. "Das zeigt: Die neuen wirtschaftspolitischen Steuerungsinstrumente sind sicherlich ehrenwert. Wenn es jedoch hart auf hart kommt, steht zu befürchten, dass sie noch immer keinen 'Biss' haben. Nationale Politik bewegt sich weiterhin nur über bilateralen Druck, der natürlich über Ratings und Markteinschätzungen verstärkt wird."

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Von einer langen Nacht gezeichnet: Ratspräsident Herman Van Rompuy.

(Foto: REUTERS)

Die Ergebnisse des Brüsseler Gipfels wurden auch im Ausland mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. "Die Maßnahmen, die in der vergangenen Nacht verkündet wurden, sind keine Überraschung. Aber der Umstand, dass sich die Politiker zu einer Entscheidung durchgerungen haben, statt weiter zu diskutieren, dürfte den Märkten den nötigen Rückenwind geben", fasste Roger Peeters, Analyst bei Close Brothers Seydler, seine Eindrücke zusammen. "Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber ich würde nicht euphorisch werden", ergänzte Janwillem Acket, Chefvolkswirt der Schweizer Privatbankengruppe Julius Bär. "Die Eurozone bleibt eine Riesenbaustelle, an der an vielen Ecken und Enden noch gewerkelt werden muss. Die Lage bleibt ernst."

"Die deutsche Linie hat sich durchgesetzt"

Der Schuldenschnitt von 50 Prozent für Griechenland sei aus Schweizer Sicht "eher an der unteren Grenze. Wir haben eher für 70 Prozent plädiert." Entsprechend sei die Rekapitalisierung der Banken mit 106 Mrd. Euro eher niedrig gehalten. "Beides hängt zusammen", erklärte der Julius-Bär-Ökonom. "Das Geld für die Rekapitalisierung soll von privaten Geldgebern kommen. Das heißt im Grund genommen, dass einige Banken im kommenden Jahr auf Dividenden verzichten müssen. Auch könnte das zu Fusionen und Zusammenschlüssen führen." Beides sei bei den Banken sehr unbeliebt. "Die deutsche Linie hat sich hier durchgesetzt, dass nicht die EZB die Banken heraushauen muss, sondern zuerst private Geldgeber gesucht werden und danach die Nationalstaaten in der Pflicht sind", so Chefökonom Acket weiter. "Die Gruppe um Deutschland hat sich durchgesetzt."

Aus größerer Entfernung blickte Tilak Doshi nach Brüssel. "Ich denke, die fundamentale Frage ist, ob der Verzicht der Banken von 50 Prozent für einen Schuldenschnitt in Griechenland ausreicht", sagte der Ökonom an der Staatlichen Universität von Singapur. "Preisen die Märkte den erforderlichen Schnitt nicht bei 60 Prozent ein? Und wer wird die Kosten für die Rekapitalisierung der Banken tragen? Fraglich ist zudem, ob vor allem Italien rechtzeitig glaubhafte Pläne zur Reduzierung seiner Schulden und zur Verbesserung der Produktivität liefern wird."

Eine "super gute Nachricht"

Beobachter in Australien werteten den Gipfeln zumindest als starkes Signal. "Die Schlagzeilen sehen ganz gut aus, aber der Teufel steckt im Detail", sagte Aktienstratege Damien Boey von der Credit-Suisse-Niederlassung in Sydney. "Es ist eine super gute Nachricht, dass sie sich auf eine Hebelung des EFSF auf eine Billion Euro und auf einen Schuldenschnitt mit privaten Gläubigern bei den griechischen Schulden geeinigt haben. Das Problem ist, dass wir nicht genau wissen, wie sie den Rettungsfonds von derzeit 440 Mrd. Euro auf eine Billion hebeln wollen. Außerdem ist nicht wirklich sicher, dass das reichen wird."

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Der "Haarschnitt" verschafft seinem Land nur Zeit: Athens Regierungschef Giorgos Papandreou.

(Foto: REUTERS)

"Wenn man eine Billion Euro und die EZB an Bord hätte, wäre das genug", sagte Boey. "Aber bislang gibt es keine Erklärung, dass die EZB mit dabei ist. Sollte die EZB nicht bereit sein, mit ihrem Geld den Rettungsfonds aufzupeppen, dann haben wir ein Problem." Kritisch äußerten sich auch britische Experten. In einem Kommentar der Barclays Bank schrieben die Analysten des Bankhauses, dass der Gipfel "keine messbaren Ergebnisse oder wenigstens Fortschritte bei verschiedenen Themen von großer Wichtigkeit" gezeitigt habe. "Zum Beispiel sind die Nachrichten zum Hebel des EFSF bestenfalls lückenhaft und es bleibt abzuwarten, wie die endgültige Einigung aussehen wird."

Auch der Umgang mit Italien wirft in den Augen der Barclays-Experten noch viele Fragen auf. "Zwar hat die italienische Regierung angeblich weitere Reformbemühungen in einem Brief an die EU-Kommission versprochen, doch es bleibt abzuwarten, wie stark sich die amtierende Regierung dazu verpflichtet sieht. Fazit: die Marktteilnehmer haben es mit einer Zahl wichtiger offener Fragen zu tun, und die Regierungen müssen noch befriedigende Antworten geben."

Politische Handlungsfähigkeit demonstriert

Offen ist nun, wie stark die Gipfelergebnisse mittelfristig auf Aktienbörsen, den Devisenhandel und die Rohstoffmärkte wirken. In ersten Reaktionen schien die demonstrative Einigung auf einen Schuldenschnitt in Griechenland die seit Wochen gärenden Konjunktursorgen zu dämpfen. "Wenn der EFSF verstärkt wird, ist das eine gute Sache, denn das wird einige Risiken in den europäischen Markt reduzieren", analysierte Rohstoff-Stratege Jeremy Friesen von der französischen Großbank Societe Generale die Lage. Allerdings sei es wohl noch zu hoch gegriffen, auf eine schnelle Lösung der Euro-Krise zu hoffen, fügte Friesen an. "Es braucht Zeit, bis die finanziellen Probleme in Griechenland oder Italien gehändelt sind. Festzuhalten bleibt jedoch, dass die Europäer ihre Probleme nun ernsthaft angehen." Friesen lenkte den Blick damit auf die schweren wirtschaftlichen Probleme in den hoch verschuldeten Euro-Staaten.

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Auf der internationalen Bühne erledigt: Silvio Berlusconi.

(Foto: AP)

"Der EU-Gipfel hat die hohen Hoffnungen im Vorfeld auf den ersten Blick erfüllt, denn sowohl bezüglich der Größe des EFSF (...) als auch des Haircuts auf griechische Anleihen (...) wurde nach langen und zähen Verhandlungen Einigung erzielt", schlossen die Anleihen-Experten der WestLB aus den Ergebnissen des Gipfels. "Allerdings ist die genaue Ausgestaltung der EFSF-Hebelung weiter unklar. Ungeachtet dieser und anderer offenen Details dürfte sich der Markt aufgrund der demonstrierten politischen Handlungsfähigkeit zunächst erleichtert zeigen, zumal auch die Banken vorerst nicht zu Kapitalerhöhungen verpflichtet werden."

Quelle: n-tv.de, mmo/rts

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