Wirtschaft

Abgasskandal: VW, Mitsubishi, PSA ... "Alles eine Frage der Unternehmensethik"

VW kommt im Abgasskandal mit einer "substanziellen Einigung" in den USA voran. Dafür gesteht Mitsubishi Manipulationen ein und es gibt Razzien bei PSA in Frankreich. Zudem rückt Daimler ins Visier der US-Behörden.  Wer könnte noch betroffen sein? Wieso kann sich VW noch nicht in Sicherheit wiegen? Und wie steht es um Toyota? n-tv.de Autoexperte Helmut Becker liefert im Interview Antworten.

Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Becker war 24 Jahre Chefvolkswirt bei BMW und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.

Helmut Becker schreibt als Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.

n-tv.de: Herr Becker, der Abgas-Skandal bläst sich weltweit immer weiter auf. In Japan hat Mitsubishi Motors Manipulationen eingeräumt. Überrascht Sie das?

Helmut Becker: Nein, absolut nicht. Die scharfen Abgasgesetze in den USA und Japan sind ohne erhebliche Zusatzkosten für die meisten Hersteller nicht umzusetzen, zumal die Absatzzahlen meist gering sind, wie bei VW. Da suchen sie dann nach Mitteln und Wegen, damit diese Kosten nicht beim Kunden landen. Das Ergebnis von all dem sieht man jetzt bei Mitsubishi.

Ist Mitsubishi in Japan ein Einzelfall?

Schwer zu sagen. Das hängt auch von der Unternehmensethik ab. Ich glaube nicht, dass etwa Toyota sich solcher Manipulationen bedient. Das passt nicht zu den unternehmerischen Leitsätzen des Konzerns.

Der Mitsubishi-Aktienkurs ist mehr als 40 Prozent eingebrochen, ähnlich wie bei VW damals. Die Volkswagen-Aktie hat sich seitdem wieder etwas erholt. Auch weil in den USA nun eine "substanzielle Einigung" erzielt wurde: Vom Abgasskandal betroffene US-VW-Dieselbesitzer erhalten 5000 Dollar vom Konzern. Ein hübsches Sümmchen zwar, aber reicht das?

Das reicht lediglich, um die erste Befriedigung der Kunden und den Kompromiss mit dem kalifornischen Bundesrichter Breyer sicherzustellen. Da wird aber noch einiges nachkommen. Das bleibt nicht bei diesen 5000 Dollar! Es stehen ja auch noch die Kosten für den Rückkauf oder die Nachbesserung an - nebst diversen Zivilklagen.

Eigentlich wollte VW ja weniger zahlen ...

(lacht) Ja, eigentlich wollte VW alles in die Boni stecken und nicht an die Kunden geben. Aber ernsthaft: VW hat einen ganz großen Fehler gemacht und den Skandal zu lange auf die leichte Schulter genommen und zu dilettantisch betrieben. Das gehört einfach bestraft. Ich denke, man wird ohne einen höheren zweistelligen Milliardenbetrag nicht davonkommen.

Musste VW also diese 5000-Dollar-pro-Kunde-Kröte schlucken, um für etwas Ruhe zu sorgen?

In den USA auf jeden Fall, denn sonst wären laut Richterbeschluss auf einen Schlag gleich 600.000 VW-Diesel vom Markt genommen worden. Richter Breyer hat VW die Pistole auf die Brust gesetzt - in den USA kein ungewöhnlicher Vorgang.

Hierzulande sind ja weit mehr Autofahrer betroffen. Drohen da auch Milliardenzahlungen?

In Deutschland und Europa hat VW nicht gegen Gesetze verstoßen, was allein daran liegt, dass die Emissionsgrenzwerte und die Umweltgesetzgebung hier im Vergleich viel laxer sind als in den USA. VW hat hier "nur" eine moralische Verpflichtung seinen Kunden gegenüber. Das Instrument der Sammelklagen wie in USA ist hier nicht zulässig.

Weltweit sind elf Millionen Fahrzeuge betroffen ...

Genau und allein bei einer recht mickrigen Entschädigungs- oder Nachbesserungssumme  von 1000 Dollar pro Auto kostet das den Konzern dann schlappe 11 Milliarden Dollar. Der ganze Abgasskandal ist finanziell bei Weitem für VW noch nicht ausgestanden - aber ich glaube, dass VW auf dem richtigen Weg ist. Diese Einigung in den USA war ein Meilenstein in diesem ganzen Verfahren.

Dennoch: Müsste die Politik da nicht härter durchgreifen?

Nein, zumindest nicht, was Volkswagen betrifft. Sie müsste bei der Festlegung der Messwerte und der Messverfahren härter durchgreifen und realistischere Vorgehensweisen für alle  einführen - sodass alle Dieselhersteller im Endeffekt gezwungen sind, mit ihren technischen Möglichkeiten - die sie ja ohne Zweifel haben -, das NOX-Abgasproblem in den Griff zu bekommen.

Die US-Behörden klopfen nun auch bei Daimler an. Droht da ein ähnlicher Skandal wie bei VW?

Das ist schwer zu sagen. Das Verfahren läuft. Aber allein die Tatsache, dass man bei Daimler angefragt hat, deutet darauf hin, dass da etwas im Busch ist: Ohne Rauch kein Feuer. Das wäre für die Stuttgarter natürlich ein schwerer Schlag.

Und wie steht es um BMW?

"BMW betrügt nicht", sagte BMW-Chef Harald Krüger vor Kurzem in München auf einer Veranstaltung der Börsenzeitung. Ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln.

War VW letzten Endes nur die Spitze des Eisbergs? Auch in Frankreich steht den Herstellern Ärger ins Haus. Es gab Razzien bei PSA ...

Das wundert mich nicht! Da dürfte der Fall ähnlich dem von Mitsubishi gelagert sein: ein Massenhersteller, der auf die Kosten achten muss, um im gnadenlosen Wettbewerb bestehen zu können. Da drückt man sich halt gerne vor kostenintensiven Maßnahmen, wie eben bei der Abgasproblematik. Noch einmal: Das Problem hierbei ist nicht die Technik, es sind die Kosten. Und da der Käufer nicht in erster Linie nach den Abgaswerten seine Kaufentscheidung trifft, liegt das Augenmerk der Autobauer halt woanders.

Mit Helmut Becker sprach Thomas Badtke

Quelle: n-tv.de

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