Wirtschaft

Skeptische Stimmen der Experten Analysten zum Rettungspaket

Der Stützungs- und Stabilisierungsplan der EU-Staaten stößt unter Devisenstrategen und Marktanalysten auf Kritik und Skepsis. Die Experten fürchten, dass die beruhigende Wirkung nicht lange anhält.

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Schienen mit zufälliger Symbolkraft: Wie der Euro als Ganzes braucht der linke Fuß von Wiens Finanzminister Josef Pröll Halt und Stütze.

(Foto: REUTERS)

Hochrangige Vertreter der EU-Staaten haben sich am Wochenende in kurzfristig anberaumten Krisenverhandlungen auf einen milliardenschweren Schutzschirm für hoch verschuldete Länder geeinigt. Die Finanzminister der 27 EU-Länder beschlossen nach stundenlangen Krisengesprächen in der Nacht zum Montag einen Kreditrahmen von insgesamt 500 Mrd. Euro. Der Internationale Währungsfonds (IWF) soll mindestens noch 250 Mrd. Euro dazulegen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) flankiert die Vorkehrung gegen Schuldenkrisen durch zusätzliche Maßnahmen am und Geldmarkt. Zudem erklärte sich die EZB erstmals auch dazu bereit, selbst am Anleihenmarkt durch Aufkäufe aktiv zu werden. Die beispiellose Krisenabwehr soll nach dem gerade erst abgewendeten Kollaps Griechenlands Spekulationen auf eine Zahlungsunfähigkeit weiterer verschuldeter Euro-Staaten - darunter des Schwergewichts Spanien - stoppen.

Für Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz, ist das Signal so richtig wie wichtig. "Die Entschiedenheit, mit der sich die europäische Wirtschaftspolitik mit dem beschlossenen Rettungsschirm der in hohem Maße spekulativen Entwicklung an den Finanzmärkten entgegenstellt, ist zu begrüßen", befindet Heise. "Zunehmend drohte die Schuldenkrise Griechenlands zu einer Krise des Euro zu werden mit unabsehbaren Folgen für die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung in Europa". Noch sieht Heise die Währungsunion auf ihrem Weg zu Stabilität nicht am Ziel: "Aus ordnungspolitischer Sicht sind mit dem Maßnahmenpaket eine Vielzahl von Risiken verbunden, angesichts der potenziellen Folgen eines Nichthandelns ist die Entscheidung unter dem Aspekt der Güterabwägung aber vertretbar. (...) Ist der Wille zu finanzpolitischer Disziplin in der EU klarer als bisher ersichtlich, wird auch in den Märkten das Vertrauen in den Euro dauerhaft wiederkehren", so der Chefvolkswirt.

"Die EU hat eine maßgebliche Entscheidung getroffen, um die spekulative Attacke gegen den Euro auszumerzen", fasste Analyst Klaus Wiener von Generali Investment die Entwicklungen aus der Nacht zusammen. "Das sollte hinreichend sein, etwas Ruhe in den Markt zu bringen. Was getan wurde, ist spürbar. Es ist eine sehr starke Botschaft an den Markt, dass man einen Fall des Euro nicht zulassen will."

Befreiungsschlag

Keine Alternativen sieht auch der Chefvolkswirt der HSBC Trinkaus, Bernhard Esser: "Zwar bleiben die strukturellen Probleme in einigen Ländern der Euro-Zone weiter bestehen, ohne das am Wochenende auf den Weg gebrachte Rettungspaket wäre ein Angehen dieser Probleme mit Blick auf die Verzerrungen an den Finanzmärkten aber kaum mehr möglich gewesen. Insofern stellt das Paket in unseren Augen zumindest kurzfristig einen Befreiungsschlag dar."

Ähnlich sieht das Jürgen Michels, Chefvolkswirt der Citigroup: "Das Paket signalisiert, die europäischen Entscheidungsträger (die Deutschen eingeschlossen) haben realisiert, dass die Stabilität der Währungsunion gefährdet ist. Im Gegensatz zu den vorherigen Maßnahmen in der Staatsschuldenkrise sind diese Maßnahmen mutig und umfangreich". Doch in trockenen Tüchern ist die Hilfe noch lange nicht, wie Michels warnt: "Die neue EU-Kommissions-Fazilität erfordert die Zustimmung aller 27 Regierungschefs und könnte eine parlamentarische Zustimmung erfordern."

Mit gemischten Gefühlen blickt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, auf die Beschlüsse. "Die Märkte sollten positiv reagieren, auch wenn die Euro-Zone sich von einer durch den Maastricht-Vertrag charakterisierten Währungsunion zu einer Transferunion gewandelt hat", gibt er zu bedenken.

Ansonsten fielen die ersten Reaktionen der Beobachter eher verhalten aus. "Nach der panikartigen Zuspitzung der Euro-Peripherie-Krise bleibt nur zu hoffen, dass nach dem Beschluss des gigantischen Rettungsschirmes zur Unterstützung des Euro in der neuen Woche wieder etwas mehr Beruhigung und Besonnenheit an den Märkten einkehrt", sagte Marktanalyst Ralf Umlauf von der Helaba. "Ist dies die Trendwende?", stellte er die entscheidende Frage. "Die Märkte scheinen sich zumindest auf kurze Sicht beruhigt zu haben."

Der gute Ruf der EZB

Vor allem der Tabubruch der EZB am Anleihenmarkt sorgte unter den Experten für Gesprächsstoff. Im Raum stehen nun Fragen nach der Unabhängigkeit der Währungshüter. "Mit dem Kauf von Staatsanleihen (...) kann die EZB die Ansteckungsgefahren für weitere Länder (insbesondere Portugal und Griechenland) zunächst effektiv bekämpfen", fasste Lutz Karpowitz, Devisenstratege bei der Comerzbank, das Ergebnis zusammen. "Der mit dieser Maßnahme verbundene Reputationsverlust der EZB sollte dabei nicht außeracht gelassen werden, dürfte den Euro aber erst in der Zukunft belasten."

Andere Marktbeobachter wählten deutlichere Worte: "Dies ist der Beginn einer 'Umverteilung-von-Einkommen'-Gesellschaft, welche erfolgreiche Volkswirtschaften der Region schwächt und die Volkswirtschaften stützt, die nicht in einer Position sind, die Konsequenzen aus dem Beitritt zur Europäischen Währungsunion zu tragen", stellte Marktanalyst Heino Ruland von Ruland Research fest. "Das wird das Wachstum in der gesamten Region auf längere Sicht schwächen, insbesondere weil die Interessen von nüchtern handelnden Wirtschaften wie Österreich, Belgien, Finnland, den Niederlanden, Luxemburg und Deutschland bei der Auflegung des EU-Hilfspaketes ignoriert wurden", so Ruland weiter.

"Durch die Eingriffe der EZB werden sicher das Mandat und die Unabhängigkeit der Notenbank infrage gestellt", kommentierten Analysten der Royal Bank of Scotland den Tabubruch der EZB. "Wir sind aber davon überzeugt, dass die Maßnahmen notwendig sind, um den Teufelskreis, der zunehmend die Weltwirtschaft bedroht, zu durchbrechen."

Europa bekämpft Symptome

"Auf sehr kurze Sicht wird es helfen, die Risikoaufschläge gegenüber Bundesanleihen zu senken bei den Volkswirtschaften, die in den vergangenen Wochen und Monaten schlimm gelitten hatten", prognostizierte der Experte. "Die kurzfristigen Wirkungen wurden bereits sichtbar im asiatischen Handel."

Beobachter mit größerer Distanz zur Gesamtlage äußerten sich ähnlich skeptisch: "Das sieht nach Notlösungen aus zur Behandlung von Symptomen", monierte Masafumi Yamamoto, Devisenstratege bei Barclays Capital. "Das ist nicht die Art von Maßnahmen, mit denen die Probleme an der Wurzel gepackt werden."

Auch sein Kollege James Nixon, der als Analyst für die Societe Generale arbeitet, sah die gigantische Maßnahme kritisch. "Die überraschendste Entwicklung ist die Ankündigung, dass die EZB in den privaten und öffentlichen Kreditmarkt eingreifen wird, aber jede Intervention sterilisieren will", so Nixon. "Das stoppt kurz vor dem Quantitative Easing und sieht eher danach aus, als ziele es auf den Kauf von Anleihen aus Peripherie-Staaten, wenn die EZB entscheidet, dass die Rendite zu hoch ist."

Quelle: n-tv.de, rts

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