Wirtschaft

Die neuen Standbeine wackeln Automanager in Sorge

Mit der rasant steigenden Pkw-Nachfrage in Schwellenländern wächst in der Autoindustrie die Angst vor neuen Überkapazitäten. In wenigen Jahren könnten auch in Wachstumsmärkten wie Russland oder Indien mehr Pkw produziert als verkauft werden. Für die Autobauer geht es um viel: Sie haben Millionen investiert.

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Rushour im südindischen Hyderabad: Das Marktpotenzial lockt die Konzerne an.

(Foto: REUTERS)

Rund die Hälfte der von der Unternehmensberatung KPMG befragten Spitzenmanager von Autoherstellern und Zulieferern erwartet, dass sogar in den Wachstumsmärkten Brasilien, Russland und China spätestens in drei bis fünf Jahren mehr produziert als verkauft werden kann. Für Indien gehe jeder dritte Experte davon aus, teilte KPMG mit. Die großen Autohersteller investieren derzeit in Produktionsanlagen in Schwellenländern, allen voran Volkswagen. In Deutschland kämpft die Branche mit Überkapazitäten, was vor allem Opel im Rahmen der Umstrukturierung des Mutterkonzerns GM zu schaffen macht.

Zwölf Prozent der Manager hätten bereits Überkapazitäten in Russland ausgemacht, hieß es in der Studie. Vor Ausbruch der Krise hatten Experten noch fest damit gerechnet, dass Russland in näher Zukunft Deutschland als größten europäischen Absatzmarkt ablösen würde. Aufgrund der Wirtschaftskrise haben sich die Neuzulassungen dort jedoch halbiert. Alle großen Autobauer stecken derzeit in den aufstrebenden Ländern viel Geld in den Ausbau ihrer Produktionsanlagen, um von dem dort erwarteten Wachstum zu profitieren.

Während die Experten für Westeuropa nach dem Ende staatlicher Kaufanreize einen Rückgang bei den Pkw-Neuzulassungen vorhersagen und für die USA eine langsame Erholung erwarten, nimmt mit dem wachsenden Wohlstand in anderen Regionen der Erde die Lust auf individuelle Mobilität zu.

Obwohl die Hersteller ihre Produktion in den etablierten Märkten bereits zurückgefahren haben, sehen hier fast alle Branchenexperten immer noch hohe Überkapazitäten. Diese liegen nach Ansicht von zwei Dritteln der von KPMG befragten Manager zwischen elf und 30 Prozent. In Nordamerika sähen 88 Prozent der Experten die Kapazitätsgrenzen als überschritten an, fast ebenso viele in Japan.

Das Markensterben geht weiter

"Es ist bemerkenswert, dass die Befragten von weiter steigenden Überkapazitäten in den meisten Regionen sprechen, obwohl bereits zahlreiche Pleiten am Markt zu verzeichnen waren", sagte Dieter Becker, Leiter des Segments Automotive bei KPMG. Deshalb sei davon auszugehen, dass noch viele Restrukturierungen nötig seien und die Konsolidierung der Branche voranschreiten werde. KPMG befragte nach eigenen Angaben 200 Vorstände und Geschäftsführer von Automobilherstellern und Zulieferfirmen aus Anlass der am Sonntag beginnenden Automesse in Detroit.

Die US-Autobauer General Motors und Chrysler waren mit Milliardenhilfe des Staates vor dem Aus gerettet worden und mussten ihre Produktion drastisch verringern. GM gehört inzwischen dem amerikanischen Steuerzahler und wurde vom japanischen Rivalen Toyota als Weltmarktführer abgelöst, der selbst mit Problemen zu kämpfen hat. Chrysler gehört inzwischen zum italienischen Autobauer Fiat. Ford blieb als einziger unter den US-Herstellern von Insolvenz verschont, musste aber ebenfalls harte Einschnitte vornehmen. Mehrere zehntausend Arbeitsplätze gingen im Zuge der Sanierungsbemühungen bereits verloren.

Die US-Hersteller waren nach Einschätzung von Beobachtern in Schieflage geraten, weil sie den Trend zu kleineren Autos verschlafen und zu lange auf große Spritschlucker gesetzt haben. Hinzu kam die Finanz- und Wirtschaftskrise, so dass die Autoverkäufe in den USA trotz staatlicher Verkaufsanreize drastisch eingebrochen sind. Nach einer vier Jahre währenden Talfahrt zeigte der US-Markt zuletzt wieder Lebenszeichen.

Quelle: ntv.de, rts