Wirtschaft

Ermittlungen im Libor-Skandal Bafin beäugt deutsche Banken

32560983.jpg

Die Libor-Daten sehen sich die Aufseher genauer an.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Skandal um Manipulationen mit dem britischen Libor-Zins erreicht Deutschland: Die deutsche Finanzaufsicht nimmt eigenen Angaben zufolge Untersuchungen in der deutschen Bankenlandschaft auf. Gegen wen genau ermittelt wird, lassen die Aufseher offen. Beobachter tippen auf die Deutsche Bank.

2012-07-04T153030Z_01_LON800_RTRMDNP_3_BARCLAYS.JPG3136407681036033253.jpg

Nimmt nach seinem Sturz über die Libor-Affäre kein Blatt mehr vor den Mund: Ex-Barclays-Chef Bob Diamond erhebt bei der Anhörung im Londoner Parlamentsausschuss in schwere Vorwürfe.

(Foto: Reuters)

Neue Unruhe in der deutschen Bankenbranche: Nach Spekulationen um aufsichtsrechtliche Ermittlungen gegen die Deutsche Bank ist der Aktienkurs des größten Kreditinstituts Deutschlands kurz vor dem Wochenende deutlich unter Druck geraten. Die deutsche Finanzaufsicht Bafin wolle die Deutsche Bank einer Sonderprüfung unterziehen, hieß es in einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters. Es handele sich nicht um eine Routineprüfung.

Überprüft werden solle demnach, ob die Deutsche Bank in den Skandal um Manipulationen des Libor-Zinssatzes im britischen Interbanken-Handel verwickelt ist. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) gehe mit einer Sonderprüfung im Rahmen der europaweiten Untersuchungen vor. Die Deutsche Bank gehöre dem Bericht zufolge zu mehr als einem Dutzend Investmentbanken weltweit, gegen die in der Sache ermittelt werde. Die Aktien der Deutschen Bank gingen 4,7 Prozent tiefer aus dem Handel und lagen zuletzt bei 27,38 Euro.

Die Bafin wollte die Ermittlungen gegen die Deutschen Bank nicht bestätigen. "Wir nutzen unser gesamtes Spektrum von aufsichtsrechtlichen Instrumenten aus, soweit es erforderlich ist", sagte ein Bafin-Sprecher lediglich. Die Bafin prüfe, ob die Banken in Deutschland ausreichend gut organisiert sein, um Manipulationen des Libor vorzubeugen. Die Behörde schaue sich die Überwachungssysteme und die Organisation zur Verhinderung möglicher Manipulationen an, hieß es. Mit ersten Ergebnissen der Nachforschungen in Deutschland rechnen Beobachter frühestens Mitte Juli.

16 Namen auf der Libor-Liste

Die britische Großbank Barclays hatte vergangene Woche Manipulationsversuche des Libor-Satzes zugegeben und sich mit Behörden in Großbritannien und den USA auf die Zahlung einer Rekordstrafe von insgesamt 290 Mio. Britische Pfund geeinigt. Der Libor wird täglich auf Grundlage der Zinssätze einer Gruppe von 16 Großbanken festgestellt, die diese für Kredite mit verschiedener Laufzeit und in unterschiedlicher Währung zahlen müssen und an die Bank of England melden.

Welche der deutschen Banken von der Bafin-Untersuchung betroffen sind, wollte man bei der Bafin - wie in solchen Fällen üblich - ausdrücklich nicht namentlich bekannt geben. Die Spur nach Deutschland ist allerdings für Experten nicht zu übersehen: Die Deutsche Bank gehört zu jenen 16 Instituten, die täglich ihre Libor-Schätzungen nach London melden. Deshalb gehen Beobachter fest davon aus, dass die Bafin-Prüfung den deutschen Branchenprimus betreffen muss. Ob es bei der täglichen Libor-Meldung nach London auch in Deutschland zu Verfehlungen nach dem Barclays-Muster gekommen ist, dürfte Gegenstand der Untersuchungen sein.

Diamond deutet Mitwisser an

Ein Sprecher der Deutschen Bank verwies in diesem Zusammenhang auf den jüngsten Quartalsbericht. Dort heiße es allgemein, dass die Bank von verschiedenen Behörden in den USA und in Europa um Auskunft "im Zusammenhang mit der Quotierung von Zinssätzen im Interbankenmarkt für verschiedene Währungen" zwischen 2005 und 2011 gebeten worden sei. Die Bank habe von Regulierern und Behörden Vorladungen und die Aufforderung zur Übermittlung von Informationen erhalten. Die Deutsche Bank arbeite dabei mit den Behörden zusammen. Die Bafin steht nach eigenen Angaben seit 2010 mit der FSA wegen der Libor-Ermittlungen in Kontakt.

Die Libor-Affäre hatte in der britischen Bankenbranche mehreren prominenten Namen das Amt gekostet: Barclays-Chef Bob Diamond trat nach anhaltender Kritik zurück. Zuvor hatte bereits Verwaltungsratschef Marcus Angus seinen Rücktritt angekündigt. In einer parlamentarischen Anhörung deutete Diamond nach seinem Rücktritt an, dass noch mehr Banken betroffen seien: Barclays habe als Erster umfangreich bei den Ermittlungen geholfen und ein Fehlverhalten eingeräumt - das schlage nun zurück. "Der Fokus richtet sich in dieser Woche auf Barclays, weil wir die Ersten waren", betonte er.

Strafrechtliche Ermittlungen in London

Trotz Strafzahlungen und personellen Konsequenzen an der Bank-Spitze weitet sich der Skandal auch in London immer weiter aus: Die britische Strafverfolgungsbehörde für besonders schweren Betrug (Serious Fraud Office, SFO) schaltete sich in den Fall ein und nahm eigene, strafrechtliche Ermittlungen auf. SFO-Direktor David Green habe entschieden, im Libor-Fall Untersuchungen einzuleiten, teilte die Behörde mit. Zeitgleich gehen Ermittlungsbehörden in Europa und den USA dem Verdacht nach, dass Banker unerlaubt die Zinssätze, zu denen sich Kredithäuser untereinander Geld leihen, abgesprochen und beeinflusst haben.

Im Gegensatz zur britischen Finanzaufsicht FSA sind die Bafin-Experten nicht befugt, bei ihren Ermittlungen wie eine Staatsanwaltschaft vorzugehen und unangemeldete Durchsuchungen anzuordnen. Eine sogenannte Sonderprüfung gilt als das schwerste Geschütz im Arsenal der Bafin - etwa um schnell Daten zu sichern oder Sachverhalte aufzuklären. Die Finanzaufsicht hat jedoch kein Mandat zur Prüfung, ob eine bestimmte Bank die Interbanken-Zinssätze wie den Libor manipuliert hat.

Mächtige Banken, harmlose Aufseher?

Neben den britischen Großbanken Barclays und Royal Bank of Scotland steht auch die Schweizer UBS im Visier der Ermittlungen. "Wir verfolgen die Sache genau und stehen mit den Großbanken in Kontakt", sagte ein Sprecher der Eidgenössischen Finanzaufsicht Finma. Die Behörde stehe auch mit den Aufsichtsbehörden in den USA und Großbritannien in Kontakt. Die Wettbewerbskommission WEKO untersucht mögliche Libor-Manipulationen schon seit März, die Prüfung richtet sich gegen UBS und Credit Suisse sowie rund zehn ausländische Banken.

Den Banken wird vorgeworfen, von 2005 bis 2009 den Zinssatz Libor mit falschen Angaben manipuliert zu haben, um ihre wahren Refinanzierungskosten zu verschleiern und Handelsgewinne einzustreichen. Der Libor wird einmal täglich in London ermittelt und zeigt an, zu welchen Konditionen sich Banken Geld untereinander leihen. Er basiert auf individuellen Angaben der Großbanken und dient als Referenz für Kredite an Unternehmen, Privatpersonen und weitere Finanztransaktionen in einem enormen Volumen von 360 Billionen Dollar (rund 293.000 Mrd. Euro).

Gleichzeitig untersuchen die Behörden mögliche Manipulationen des zweiten in Europa populären Marktzinssatzes, des Euribor. Hier spielen deutsche Banken im internationalen Handel eine größere Rolle. Die Prüfungen sind aber nicht so weit fortgeschritten wie beim Libor.

Quelle: n-tv.de, AFP/DJ/dpa/rts

Mehr zum Thema
23.04.09