Wirtschaft

Wozu noch waschen? Billig, billiger, Primark

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Big Ben? Nein, Primark!

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Die irische Modekette Primark lehrt Kik und H&M das Fürchten: Mit T-Shirts ab 2,50 Euro, Taschen für 5 Euro oder Jeans ab 9 Euro setzen sie Trends. Teenager geraten außer sich, Handelsverbände auch, die Deutsche Bahn profitiert und so manche Waschmaschine wird arbeitslos.

Vielleicht sollte man einfach sieben T-Shirts pro Woche kaufen. Einmal anziehen, wegwerfen. Nie wieder Waschtag. Tops ab 1,50 Euro. Jeans zwischen 9 und 11 Euro. Mäntel für 35 Euro. Wer einmal einen Laden der irischen Primark-Kette betreten hat, kann angesichts dieser Preise schon mal auf den Gedanken kommen, künftig weder Geld noch Zeit auf Dinge wie Waschpulver oder Bügeleinsätze verschwenden zu wollen.

Die Handelskette, die in Großbritannien schon seit 40 Jahren aktiv ist und nun in Deutschland nicht nur, aber vor allem weibliche Teenager in höchsten Tönen quieken lässt, ist ein Phänomen: billiger als Kik, trendiger als H&M. Die riesigen Kaufhallen, jeder Standort hat wenigstens 3000 Quadratmeter, die größte in Manchester kommt auf 10.000 Quadratmeter, sind in Deutschland mit bundesweit acht Filialen fast noch ein Geheimtipp. Da setzen an Wochenenden lange Pilgerreisen in die glücklichen Städte ein, die ein solches Einkaufsparadies ihr Eigen nennen (Bremen, Frankfurt, Gelsenkirchen, Dortmund, Essen, Hannover, Saarbrücken und seit Juli 2012 auch Berlin).

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Müde Shopper in London nach dem Kaufrausch.

(Foto: REUTERS)

Tausende von den bereits erwähnten Teenagern könnten im Matheunterricht folgende Aufgabe vermutlich blitzschnell lösen: Eine Zugfahrt von Hamburg nach Bremen kostet hin und zurück 48,50 Euro. Wie viele T-Shirts muss ich bei Primark kaufen, damit sich das Zugticket lohnt? Extra-Punkte gebe es dann für den Einsatz des "Schönes-Wochenende"-Tickets oder einer Bahncard. Und wenn die Eltern solche Ausflüge nicht erlauben, dann wird einfach auf die Klassenfahrt nach London hingefiebert, nicht wegen der Queen oder des ollen Big Ben, nein, Primark ist das Ziel der Träume.

Schöne neue Konsumwelt

Und was soll’s: Gerade Teenager wollen die Sachen ohnehin nicht länger als zwei Wochen tragen - dann hat die ganze Klasse es gesehen. Erwachsene Fashion-Victims halten es nicht anders. Und was den Rest angeht: Viele Familien, die in den Läden auch die Herren-, Kinder- und Wohnen-Abteilungen bevölkern, sehen es als willkommene Hilfe an, sich auch in Krisenzeiten mit wenig Geld modisch einkleiden zu können.

Primark sind zudem nicht die Ersten, die sich in dem Markt für Tiefstpreise drängeln: Neben Textildiscountern wie Kik oder Takko etablierten sich in den vergangenen Jahren auch Ketten wie die US-Handelskette TK Maxx (für Marken-Schnäppchenjäger) oder die schwedischen Modeläden Gina Tricot mit Erfolg in Deutschland. Und das H&M, C&A, Zara & Co den Vormarsch der Iren mit Sorge sehen, nun gut, sollen sie halt auch noch günstiger werden. Primark kommen, um zu bleiben. Klares Zeichen dafür: Sie mieten die riesigen Immobilien für ihre Läden nicht an, sie kaufen.

Wer bezahlt dafür?

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(Foto: REUTERS)

Der Preiskampf macht die Konsumenten glücklich und lässt die Kassen klingeln. Aber da gibt es ja die Spielverderber, die an das Gewissen appellieren: "Wer ein T-Shirt für zwei Euro kauft, muss wissen, dass jemand anderes den Preis dafür zahlen muss", sagt die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di zum Thema Primark. Gemeint sind damit die Zuliefererländer der Textilindustrie wie Bangladesch, wo Arbeiterinnen oft sieben Tage die Woche, 12 Stunden am Tag für Billiglöhne schuften.

Primark selbst schwört auf die Ethikbibel, seit 2006 ist die Firma Mitglied der Ethical Trading Initiative und auf der Website finden sich Bekenntnisse zum fairen Handel und fairen Arbeitsbedingungen. Wer versucht, dem Konzern anderes zu unterstellen, muss sich entschuldigen, wie etwa unlängst der britische Sender BBC. In einer Dokumentation hatte BBC indische Kinder bei der Arbeit für Primark gezeigt. Allerdings erwiesen sich die Anschuldigungen als falsch.

Doch wo wird nun produziert? Auf den Etiketten und Waschzetteln ist kein Hinweis zu finden, bei Primark selbst heißt es lediglich, man kaufe zu 98 Prozent bei den gleichen Herstellern wie die Wettbewerber. Damit wäre man aber wieder in Indien, Bangladesch & Co.

Wo kommen die Margen her?

Aber selbst wenn T-Shirts bei asiatischen Großhändlern für 1,50 Euro zu haben sind und Jeans für 5 Euro - wie kommt Primark mit seinen Niedrigstpreisen auf Jahresumsätze von mehr als 3 Milliarden Euro? Die Tochter des irischen Konsumgüterkonzerns Associated British Foods (ABF) verweist auf den konsequenten Verzicht auf Werbung. Wo H&M teure Models von den Plakatwänden lächeln lässt und namhafte Designer vor den Karren spannt, Abercrombie & Fitch seine Verkäufer auszieht und einölt, verlässt sich Primark auf Mund-zu-Mund-Propaganda. Die Produkte würden für sich selbst sprechen, heißt es bei dem Bekleidungsdiscounter, der zunächst unter dem Namen Penneys firmierte. Der Kunstname Primark wurde für die neuen Filialen außerhalb Irlands kreiert, um eine Verwechselung mit der US-Kette JCPenneys zu vermeiden.

Die Primark-Zentralen werden mit minimalem Aufwand verwaltet, für Nordeuropa gibt es ganze acht Mitarbeiter. Die Verkäufer in den Filialen sind meist beschäftigt, das Chaos in Schach zu halten, ausführliche Verkaufsberatung gibt es nicht, werden aber bei 3 Euro für ein Oberteil offenbar auch nicht vermisst. Und 40.000 Kunden am ersten Tag in der Berliner Filiale zeigen, dass die Ankündigung der Neueröffnung via Facebook mehr als ausreichend war.

Der Primark-Effekt

Mal angenommen, Primark kann tatsächlich besser rechnen, als alle anderen Textil-Discounter zusammen und die T-Shirts werden nicht von Kinderhänden, sondern von glücklichen asiatischen Angestellten zusammengetackert: Was macht man mit den ganzen erworbenen Kleiderbergen? Zahllose Primark-Kunden geben zu, noch nicht mal alles zu tragen, was sie kaufen - doch wer macht sich wegen 5 Euro noch mal zum Umtausch auf, besonders wenn das Geschäft in einer anderen Stadt ist? Da nimmt man halt achselzuckend hin, wenn im Eifer des Gefechts die falsche Konfektionsgröße in den fischnetzartigen Körben landet, die Primark den Kunden zum bequemen Einkauf hinstellt.

Der wachsende Berg an Textilmüll, den man auch den Textil-Discountern zu verdanken hat, wird in Großbritannien bereits dem "Primark-Effekt" zugeschrieben - keine sehr schmeichelhafte Mund-zu-Mund-Propaganda. Was so billig ist, wird auch mit leichter Hand weggeworfen, selbst wenn die Kleidung noch in Ordnung ist, schließlich schreit die Mode ständig Neu, Neu, Neu. Und Second-Hand-Kleidung hat bei solchen Preisen ohnehin keine Chance mehr.

Einige reuige Mode-Blogger haben Primark bereits abgeschworen. Sie bedauern die Designer, deren Entwürfe nur Tage nach der Laufsteg-Premiere schon nachgeschneidert auf Primark-Bügeln hängen. Wer Mode liebt, mache das nicht mehr mit, heißt es. Außer vielleicht noch die weißen T-Shirts. Das sind schließlich Basics.

Auf freiwilligen Verzicht der Konsumenten zu setzen, wird wohl keinen Sinn haben. Aber was ist die Lösung? Vielleicht eine Cradle-to-Cradle-Produktion, in der die Textilien irgendwann alle kompostierbar sind? Bis das jedoch bezahlbar ist und die Textildiscounter erreicht hat, steckt man seine Kleidung vielleicht doch wieder in die Waschmaschine. Denn was gibt es Schöneres als ein frisch gewaschenes Lieblings-T-Shirt, auch oder gerade, wenn es an den Ecken schon etwas ausgefranst ist vor lauter Liebe? Den Effekt gibt es umsonst.

Quelle: ntv.de

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