Wirtschaft
Mittwoch, 17. November 2010

"Sicherste Fluglinie der Welt": Blaue Augen für Qantas

Nikolas Neuhaus

Ein lauter Knall setzt einer Erfolgsgeschichte ein Ende. Qantas, einst eine der sichersten Fluggesellschaften der Welt, muss nach der Explosion eines Triebwerks beim A380 seine neuen Flieger am Boden lassen. Was folgt, ist eine Serie von Pannen, die am Lack der Vorzeige-Airline kratzt.

Von Qantas bleibt hier nicht viel übrig: Das Känguru-Logo auf dem Triebwerk des A380 hat sich über den Wolken selbstständig gemacht.
Von Qantas bleibt hier nicht viel übrig: Das Känguru-Logo auf dem Triebwerk des A380 hat sich über den Wolken selbstständig gemacht.(Foto: REUTERS)

Nach Feiern ist bei Qantas derzeit wohl niemandem zumute. Vor 90 Jahren wurde die australische Fluglinie gegründet, doch ist es nicht der Geburtstag, sondern ein ganz anderes Datum, dass die Schlagzeilen dieser Tage beherrscht. Denn seit dem 4. November 2010 ist alles anders bei Qantas.

Seit ein Riesenjumbo A380 der Australier auf dem Weg von Singapur nach Sydney wegen einer Explosion in einem Triebwerk umkehren und notlanden musste, herrscht große Aufregung. Während die Ermittlungen nach den Ursachen der gefährlichen Panne laufen, muss die Konzernführung zusehen, wie bei den Passagieren von Qantas mit jeder neuen Panne Zweifel an der Sicherheit wachsen.

Für "Rain Man" Ray (l.) stand fest: Zum Fliegen kommt nur Qantas in Frage.
Für "Rain Man" Ray (l.) stand fest: Zum Fliegen kommt nur Qantas in Frage.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Ausgerechnet Qantas. Sie ist eine der ältesten Fluggesellschaften der Welt und hat in ihrer langen Geschichte bisher nicht einen einzigen Absturz eines Jets mit Todesopfern zu beklagen. In den Ranglisten der sichersten Airlines der Welt war ihr eine Spitzenplatzierung damit quasi sicher. "Quantas ist noch nie abgestürzt", wusste bereits Ray alias Dustin Hoffman, der 1988 als autistischer Protagonist im Film "Rain Man" keinen Fuß in den Flieger einer anderen Fluggesellschaft setzen wollte. Mehr als zwanzig Jahre später bekommt Qantas nun zu spüren, wie zerbrechlich dieses wertvolle Image ist.

Letzter Crash 1960

In ihrer 90-jährigen Geschichte kam es zuletzt im Jahr 1960 überhaupt zu einem größeren Unfall, bei der ein Flugzeug einen Totalschaden erlitt. Damals schoss eine Propellermaschine beim Start auf Mauritius auf dem Weg zu den Kokosinseln über die Landebahn hinaus. Ums Leben kam bei diesem Unfall niemand. Bei insgesamt 13 schweren Unfällen von Qantas starben nach Angaben der Flugunfall-Datenbank Jacdec bislang insgesamt 29 Menschen, dabei jedoch stets in kleinen Maschinen mit wenigen Passagieren.

Die Anreise zum Flughafen mit dem Pferd war in den ersten Jahren wohl keine Ausnahme.
Die Anreise zum Flughafen mit dem Pferd war in den ersten Jahren wohl keine Ausnahme.(Foto: Qantas Limited)

Geburtsstunde der "Queensland and Northern Territory Aerial Services", kurz Qantas, war der 16. November 1920. Die Piloten Paul McGuiness, Hudson Fysh, Fergus MacMaster und Arthur Baird kauften damals für 1425 Pfund ein Doppeldecker-Flugzeug, in dem neben dem Piloten gerade einmal zwei Passagiere Platz fanden. Damit war der Grundstein des Unternehmens gelegt.

Über die Jahre wuchs Qantas schnell zu beachtlicher Größe und musste dabei mehrfach seinen Firmensitz verlegen, um mit dem Wachstum standhalten zu können. Ursprünglich waren die Maschinen von Qantas ausschließlich für regionale Strecken im Einsatz. Gut 13 Jahre nach ihrer Gründung startete Qantas Anfang 1934 dann erstmals zu einem internationalen Flug nach Singapur. Eine Sternstunde der Australier folgte elf Jahre später mit dem ersten Flug von Sydney nach London-Heathrow. Die Verbindung ist unter Flugbegeisterten noch heute als "Kangaroo Hop" ein Begriff und trägt unverändert die Flugnummer QF 1.

Zwischen 1947 und 1993 war Qantas in Staatshand. In dieser Zeit begann 1959 auch für die Australier mit der Boeing 707 das Zeitalter der Düsenjets. Später war Qantas eine ersten Fluglinien, die Flüge rund um den Globus anboten. 1967 nahm die erste Boeing 747 ihren Dienst für die Qantas auf, 1985 folgte die erste Boeing 767. Im Rahmen der Übernahme des Konkurrenten Australian Airlines ergänzte Qantas die eigene Flotte mit Maschinen der Reihe Boeing 737 sowie Airbus A300.

Große Schritte

1993 leitete die australische Regierung die Privatisierung von Qantas ein. Zunächst kaufte British Airways einen Anteil von 25 Prozent, später wurden Aktien des Unternehmens an die Börse gebracht, Dabei stießen sie auf großes Interesse: Rund 20 Prozent der Anteile sicherten sich gleich ausländische Investoren. Wie auch bei Fluggesellschaften anderer Staaten wie etwa bei der Lufthansa muss die Mehrheit an Qantas jedoch per Gesetz in der Hand von Inländern bleiben.

Ein wichtiger Meilenschritt für den Ausbau ihrer Marktstellung war 1998 die Mitgründung der Luftfahrt-Allianz Oneworld in Kooperation mit American Airlines, Anteilseigner British Airways, Canadian Airlines und Cathay Pacific. Auch im Heimatmarkt Australien konnte Qantas einen Erfolg verbuchen, wenn auch nicht aktiv: Wenige Tage nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 brach der Wettbewerber Ansett Australia zusammen, so dass Qantas zwischenzeitlich auf einen Marktanteil von komfortablen 90 Prozent kam. Einzig der junge Billiganbieter Virgin Blue macht Qantas auf dem fünften Kontinent Konkurrenz und konnte dem Quasi-Monopolisten wieder in nennenswertem Umfang Umsätze abluchsen.

Große Flieger, große Sorgen

Als eine der ersten Fluglinien weltweit erhielt Qantas nach Singapore Airlines und Emirates einen Airbus A380, der seinen ersten kommerziellen Flug am 20. Oktober 2008 angetreten ist. Diese jüngsten Familienmitglieder sind es nun, die Qantas nach der Explosion eines Triebwerks das Leben schwer machen. Um ein folgenschweres Unglück zu vermeiden, ließ Qantas seit dem Knall über den Wolken seine gesamte A380-Flotte am Boden. Zu allem Unglück häuften sich im Anschluss noch Probleme mit Qantas-Maschinen anderen Typs. Erst zwang ein Triebwerksschaden eine 747 zur Landung, einige Tage später kehrte eine Maschine gleichen Typs wegen ausgefallener Bordinstrumente zum Abflugsort zurück. Schlagzeilen, die sich in Zeiten großer Aufmerksamkeit nach einer Beinahe-Katastrophe kein Unternehmen wünscht.

Trotz eines großen Lochs im Rumpf konnte die Boeing 747 Mitte 2008 ohne ein größeres Unglück notlanden.
Trotz eines großen Lochs im Rumpf konnte die Boeing 747 Mitte 2008 ohne ein größeres Unglück notlanden.(Foto: REUTERS)

Auch wenn ein großes Unglück bislang ausblieb, hatte Qantas bereits in der jüngeren Vergangenheit massive Probleme mit Boeing-Flugzeugen. Mitte 2008 explodierte auf dem Weg von Hongkong nach Melbourne an Bord einer Boeing 747 ein Sauerstofftank und riss ein acht Quadratmeter großes Loch in den Rumpf der Maschine. Eine Notlandung auf den Philippinen verhinderte Schlimmeres. Ein Jahr darauf musste dieselbe Maschine wegen eines Lecks im Kerosin-Tank erneut notlanden.

Aller Schreckensmomente zum Trotz, ein echtes Unglück mit einer großen Passagiermaschine konnte Qantas bisher stets verhindern. Auf dem Papier bleiben die Australier daher eine der sichersten Airlines der Welt. Ob Qantas auch in Zukunft mit diesem Pfund bei seinen Kunden wuchern können wird, wird das weitere Krisenmanagement der Airline entscheiden. Sicher ist nur, dass der Schaden am sicheren Image sich nicht so rasch austauschen lassen wie die defekten Teile an den Triebwerken des A380.

Quelle: n-tv.de