Wirtschaft

Der Weltuntergang blieb aus CDS-Markt berappelte sich

Der Weltuntergang an den Finanzmärkten ist vorläufig ausgeblieben, und in kaum einem Segment wurde dies deutlicher als bei den Credit Default Swaps (CDS). Diese Kreditderivate gelten als eines der sensibelsten Risikobarometer an den Kapitalmärkten. "Wir haben überlebt", sagte UniCredit-Kreditstratege Philip Gisdakis. "Die Unternehmen sind flexibel genug, sich gegen eine Systemschmelze zur Wehr zu setzen. Zudem griffen die Maßnahmen der Zentralbanken und die Konjunkturpakete." Längst sind die Risikoeinschätzungen, wie sie etwa mit Indizes wie dem Markit iTraxx Europe für CDS auf Unternehmensanleihen mit hoher Bonität gemessen werden, wieder auf das Niveau vom Sommer 2008 gefallen.

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Die Risikoeinschätzungen am Markt sind längst wieder auf ein Niveau vor der Lehman-Pleite zurückgekehrt.

(Foto: REUTERS)

Mit CDS versichern sich Emittenten gegen Ausfallrisiken etwa von Unternehmensanleihen. Gegen eine Gebühr trägt ein Gegenpart das Risiko. Sieht der Markt etwa eine steigende Gefahr, dass Anleihen eines Unternehmens nicht mehr bedient werden können, weiten sich die Aufschläge (Spreads) für die entsprechenden CDS aus. Schon vor dem 15. September 2008 waren diese Risikoprämien deutlich gestiegen. Doch als an jenem Montag die US-Investmentbank Lehman Brothers zusammenbrach und der US-Versicherer AIG taumelte, sprachen Marktteilnehmer vom Herzstillstand des Systems.

"Durch die Lehman-Pleite fiel ein zentral vernetzter Spieler aus, das hat sich auf alle Derivatemärkte ausgewirkt", erklärte Gisdakis. "Viele Banken hatten Positionen gegenüber Lehman und waren nun bei bestimmten Geschäften nicht mehr abgesichert, zum Beispiel für das Risiko einer Zinsänderung." Zum psychologischen Effekt sei der Aufwand hinzugekommen, Derivate-Positionen glattzustellen - wobei teilweise nicht klar gewesen sei, wohin bestimmte Positionen beim Notverkauf von Lehman-Teilen gewandert seien. AIG ging Marktteilnehmern zufolge unter anderem wegen Schwierigkeiten bei Kreditderivaten in die Knie. Die Schockwellen erreichten im September 2008 Deutschland. "Diese Kettenreaktion war der Auslöser, aber nicht die Ursache der Probleme der Hypo Real Estate", sagte Gisdakis.

Die Krise um Lehmann und AIG, so die Befürchtungen damals, könnte zur Kernschmelze des Finanzsystems führen. US-Starinvestor George Soros sollte die CDS später als "Instrumente der Zerstörung" bezeichnen. Der Internationale Swap- und Zertifikate-Verband ISDA beziffert das Volumen des CDS-Marktes für das zweite Halbjahr 2008 auf knapp 40 Billionen Dollar, was etwa dem dreifachen der jährlichen US-Wirtschaftsleistung entspricht.

Zentralbanken verhinderten weitere Erdbeben

Die Zentralbanken reagierten und pumpten Milliardenbeträge in den Finanzmarkt. Deshalb kam es nach Ansicht von Experten auch zu keinen weiteren Erdbeben. "Die ausgefallenen Kontrakte wurden geräuschlos abgewickelt", sagte Thomas Heidorn, Professor für Bankbetriebslehre an der Frankfurt School of Finance. Die Reanimation des Marktes gelang, und als zu Jahresbeginn internationale Großbanken wieder auf die Beine kamen, machte sich vorsichtige Erleichterung breit. "Die Derivatemärkte haben die Finanzkrise bislang gut überlebt", bilanziert Heidorn. Neben der Geldschwemme der Zentralbanken trug dazu Experten zufolge die von den Emittenten in Gang gebrachte Standardisierung und eine zentrale Abrechnung (Clearing) bei. "Der Vorteil eines zentralen Clearing liegt darin, dass sich Standardinstrumente durchsetzen und man weiß, wer welche Positionen offen hat. Das bedeutet eine klare Vereinfachung", sagt Heidorn. Während standardisierte Produkte miteinander verrechnet werden, habe früher jede Bank individuell mit allen anderen Banken abrechnen müssen, was das Risiko deutlich erhöht habe und den Markt wie im Fall Lehman an den Abgrund geführt hat. "Die Banken hätten nur noch einen Gegenpart und müssten keine zehn bis 15 bilateralen Kontrakte schließen", nennt Gisdakis als Vorteil des Clearing. Allerdings gibt es zugleich insbesondere in den USA wachsenden Widerstand gegen eine strengere staatliche Regulierung.

Doch auch wenn die Wiederbelebung gelang, so sind noch nicht alle Risiken aus dem Markt verschwunden. "Es ist auch nicht immer klar, wer die Endnehmer der von den Banken begebenen CDS sind. Die Finanzaufsicht kann deshalb nur aus dem Bauch heraus entscheiden, wer systemrelevant ist", warnt Heidorn. Zudem rolle wegen der Wirtschaftskrise auf die Banken eine Welle von Ausfällen bei Krediten und Unternehmensanleihen zu.

Quelle: ntv.de, rts

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