Wirtschaft

Vorsprung durch Präsenz China wird größter Audi-Markt

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China ist Audis "zweiter Heimatmarkt".

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Mobilitätsbedürfnisse von 1,3 Milliarden Chinesen sehen deutsche Autobauer als absatzsichernden Faktor für die nächsten Jahrzehnte. Trotz Finanz-, Wirtschafts- und Eurokrise im Rest der Welt überbieten sich vor allem die Premiumhersteller seit Jahren mit Erfolgsmeldungen aus dem Reich der Mitte. Einen Sonderstatus reklamiert Audi für sich.

Seit mehr als 20 Jahren engagiert sich Audi im viertgrößten Land der Erde und spricht gar vom "zweiten Heimatmarkt" China. Ende 2011 wird China Deutschland erstmals als wichtigsten Absatzmarkt für die Ingolstädter abgelöst haben. Mit Sensibilität für die Eigenheiten und Bedürfnisse der Kunden werden im Audi-Werk in Changchun Modelle produziert, die für deutsche Kunden gar nicht angeboten werden, zum Beispiel Langversionen der Limousinen A4 und A6.

Schlagzeile dieser Erfolgsstory könnte eine Abwandlung des Audi-Markenmottos sein: Vorsprung durch Präsenz. Sie beginnt 1988, als die Ingolstädter im Gefolge des Mutterkonzerns Volkswagen eine Produktionsstätte in China in Betrieb nehmen. Ort des Geschehens ist Changchun, ein dem Ruhrgebiet nicht unähnliches Ballungszentrum im Nordosten der Volksrepublik. In dem von rund 7,5 Millionen Menschen bevölkerten Industrierevier übten mehrere Stahlwerke und eine Vielzahl metallverarbeiternder Betriebe eine besondere Anziehungskraft auf internationale Autokonzerne aus. Gemeinsam mit dem einheimischen Unternehmen First Automotive Works (FAW) ging außer Audi und VW auch Toyota ein Joint Venture zur Automobilproduktion ein.

Mit Glückssymbolen im Gepäck

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1988 nimmt Audi die Produktionsstätte in Changchun in Betrieb.

(Foto: picture alliance / dpa)

Erstes von Audi in China produziertes Modell war der Audi 100. Elf Jahre später rollte der erste A6 L von einem chinesischen Band. Inzwischen gehört auch der Q5 zur Fernost-Modellpalette, der kleinere Bruder, der Q3, soll nächstes Jahr folgen. Laut Dr. Dietmar Voggenreiter, dem Ingolstädter Statthalter in China, ist der Markt durch "eine solide Zulieferbasis und ein gutes Händlernetz" gekennzeichnet. Keines der in Changchun produzierten Modelle ist für den Export vorgesehen, sämtliche Autos werden in der Volksrepublik abgesetzt. 225.588 Exemplare waren es 2010, nur knapp 2000 weniger, als Audi in Deutschland neu zulassen konnte. Am Ende dieses Jahres, schätzt Voggenreiter, wird die Ziffer an der 300.000er-Marke kratzen. "Und vielleicht wieder mit zwei Achten in der Zahlenreihe, denn die Acht gilt hierzulande als Glückssymbol." Seit 2007 hat das Glück Audi nicht verlassen: In jeder Jahresendabrechnung kam mindestens zweimal eine Acht vor.

Was die Ingolstädter in Deutschland noch werden wollen, sind sie in China mit komfortablem Abstand – Marktführer im Premium-Segment. In der gehobenen Mittelklasse etwa, wo der A6 L mit der E-Klasse von Mercedes und dem 5er BMW konkurriert, verkaufte Audi in den ersten neun Monaten dieses Jahres 83.900 Fahrzeuge. Die Wettbewerber kamen lediglich auf 52.600 bzw. 28.300 Einheiten. Eine Fahrzeugklasse darunter, wo der A4 ebenfalls mit langem Radstand verkauft wird, liegt das Verhältnis bei 60.400 zu 30.000 und 18.200.

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Keines der in Changchun produzierten Modelle ist für den Export vorgesehen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Mehr als in Europa, wo Kunden in vielen Märkten dazu neigen, auf die Modellbezeichnung am Heck zu verzichten, hat der chinesische Pkw-Kunde selten Probleme damit, geschäftlichen Erfolg oder wirtschaftlichen Status offensiv zum Ausdruck zu bringen. Ein großes Auto ist ein geeignetes Mittel dazu. Und dann am liebsten eine Langversion. Wer es geschafft hat, lässt sich vom Chauffeur von A nach B bringen, je mehr Platz die Limousine zwischen den Achsen bietet, desto besser. Auf diese Vorliebe hat sich zum Beispiel auch BMW eingestellt und bietet inzwischen vom 5er eine Langversion an. In Europa kann man die nicht kaufen.

Nächste Million in Reichweite

Die anhaltende Nachfrage im Reich der Mitte lässt Investitionsentscheidungen nahezu risikofrei erscheinen. Im ersten Quartal 2011 wurden die Produktionskapazitäten von Audi in Changchun massiv vergrößert. Das Jahresvolumen erreicht nun 300.000 Autos und hat weitere "Luft nach oben". 90.000 Menschen arbeiten für Audi in China. Die explosive Nachfrageentwicklung in der Volksrepublik illustriert die Tatsache, dass Audi vergangenes Jahr die erste Million produzierter Fahrzeuge feiern konnte. Die zweite ist schon für 2013 vorgesehen.

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Die Nachfrage nach den Limousinen ist groß - die Langversionen des A4 und A6 werden deutschen Kunden gar nicht angeboten.

(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Und das, obwohl der Westen des rund 9,7 Millionen Quadratkilometer großen Landes händlertechnisch gesehen noch weitgehend unerschlossenes Gebiet ist. Die Millionenstädte nähe der Ostküste sind die Verkaufsschwerpunkte. Von den landesweit 177 Händlern befinden sich 13 in Peking, neun in Shanghai, weitere in Shenzen und Hongkong. Vertriebsleiter Dominique Bösch will die Zahl der Verkaufspunkte innerhalb der nächsten zwei Jahre bis auf 400 hochfahren. Damit hätte China die USA, wo 275 Händler die vier Ringe an der Fassade tragen, deutlich hinter sich gelassen.

Damit die Planungen der Audianer Realität werden können, muss die Einkommensentwicklung in China weiter nach oben zeigen. Anders als in Deutschland, wo in bestimmten Baureihen die Zahl der gewerblichen Zulassungen bei mehr als drei Vierteln liegt, sind es in China zu etwa 80 Prozent private Kunden, die sich einen Wagen der VW-Tochterfirma leisten. Deren Mentalität gibt weiteren Anlass zur Zuversicht: "Finanzierung von Neuwagen ist hier eher unüblich", sagt Vertriebschef Bösch. Man gönnt sich, was man sich leisten kann und kauft vom Ersparten. Die Aufgabe der Händler ist es, das passende Auto vorrätig zu haben. Ansehen, Probefahren, bezahlen – so läuft das in China.

Quelle: n-tv.de

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03.09.09