Wirtschaft

Bedingungsloses Grundeinkommen "Das ist keine Belohnung fürs Nichtstun"

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Die Schweizer Initiative stellt die Frage: "Was würdest du tun, wenn für dein Einkommen gesorgt wäre?"

(Foto: picture alliance / dpa)

"Utopischer Unsinn", sagen die Gegner. "Akt der Befreiung und Antwort auf die vierte industrielle Revolution", sagen die Befürworter: Am Sonntag stimmen die Schweizer darüber ab, ob ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt werden soll und im Gegenzug Sozialleistungen wegfallen. Auch hierzulande wird über diese Idee debattiert. Sollte ein Grundeinkommen in Deutschland eingeführt werden? n-tv.de sprach darüber mit Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar.

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Thomas Straubhaar.

(Foto: privat)

n-tv.de: Bedingungsloses Grundeinkommen. Das klingt verlockend - und nach Geld fürs Nichtstun.

Thomas Straubhaar: Das ist ein Irrtum. Denn das Grundeinkommen soll nicht das Nichtstun belohnen, sondern Menschen von dem Zwang befreien, Dinge tun zu müssen, die sie nicht wollen. Beispielsweise, wenn jemand einen Job annehmen muss, um in den Genuss von Sozialleistungen zu kommen. Also auch einen Job, den keiner machen will, weil er schmutzig, gefährlich oder gesundheitsschädigend ist.

Bleibt diese Arbeit dann nicht liegen? Oder wie es Ifo-Chef Clemens Fuest ausdrückt: Jobs, die keiner gern macht, werden nur dann erledigt, wenn auf "den Leuten ein gewisser Erwerbsdruck lastet."

Ein solches Menschenbild ist im Zeitalter der Digitalisierung und Automatisierung anachronistisch. Dank neuer Technologien sind wir in der Lage oder können uns in die Lage versetzen, dass Würde und Gesundheit von Menschen beim Arbeiten keinen Schaden nehmen.

Zur Person

Thomas Straubhaar stammt aus der Schweiz, ist Professor für Volkswirtschaftslehre der Universität Hamburg und Direktor des Europa-Kollegs Hamburg sowie Fellow der Transatlantic Academy in Washington, D. C. Nach Studium und akademischen Stationen u. a. in Bern, Konstanz, Basel, Freiburg i. Br. und Hamburg war Straubhaar von 1999 bis 2014 Präsident des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs (HWWA) und danach Leiter des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI). Er arbeitet u. a. über internationale Wirtschaftsbeziehungen und Bevölkerungsökonomie.

Das kann funktionieren?

Das muss funktionieren. Heute erledigen Menschen gefährliche oder gesundheitsschädliche Jobs für einen Hungerlohn, weil sie dazu gezwungen werden. Und die Gesellschaft nimmt in Kauf, dass diese Menschen mit 40 Jahren den Rest ihres Lebens krank sind und deshalb der Allgemeinheit große Kosten verursachen. Das kann doch nicht Grundlage eines aufgeklärten, liberalen, modernen  Wirtschaftsmodells sein. Selbstverständlich wird es trotz aller Automatisierung auch in Zukunft solche Jobs geben. Aber sie müssen angemessen entlohnt werden. Einige Menschen werden die Risiken eingehen – aus freien Stücken und nicht durch Zwang. Und sie müssen diese Jobs nicht ihr Leben lang machen.

Wie gehen wir dann mit Menschen um, die nur vor dem Fernseher sitzen und die Füße hochlegen wollen?

Dass es solche Menschen gibt, ist unstrittig. Aus welchen Gründen auch immer stehen sie dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung, weil sie nicht wollen oder nicht können – auch jetzt schon. In unserem heutigen System unternehmen wir große bürokratische Anstrengungen, um das zu ändern und kapitulieren am Ende. Diese Menschen wird es auch beim Grundeinkommen geben. Deshalb ist seine Höhe natürlich ein entscheidender Punkt. Wenn es gering ist, dann sind die Steuersätze, um es zu finanzieren, auch gering. Und dann werden die Anreize, weiterhin arbeiten zu wollen, hoch bleiben. Aber die Menschen werden mehr Marktmacht haben, um nicht alles tun zu müssen, was von ihnen verlangt wird.

Hier könnte man einwenden: Gute Idee, leider nicht finanzierbar. Wenn in Deutschland monatlich pro Kopf 1000 Euro bezahlt werden, sind wir bei 82 Millionen Deutschen bei einer Billion Euro.

Die Frage der Finanzierbarkeit ist keine ökonomische, sondern eine politische Frage. Es hängt doch davon ab, wie hoch das Grundeinkommen ausfällt. Ein Beispiel: Das Sozialbudget des vergangenen Jahres lag in Deutschland bei rund 850 Milliarden Euro. Grob gerechnet bedeutet das 10.000 Euro pro Jahr für alle, die aufwandsneutral anders eingesetzt werden könnten als bisher.

Mit Thomas Straubhaar sprach Jan Gänger

Quelle: n-tv.de

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