Wirtschaft

Kleiner Grenzverkehr in Kaliningrad Den Sanktionen so fern, der EU so nah

ca467381e3829ef8afb8f7e5fd5393a4.jpg

Marktstände in der Nähe des Südbahnhofs von Kaliningrad. Hier bieten Händler unter anderem auch vom russischen Importstopp betroffene polnische Lebensmittel an.

(Foto: dpa)

Die Bewohner der russischen Exklave Kaliningrad, der früheren Ostpreußenmetropole Königsberg, fühlen sich europäischer als viele ihrer Landsleute. Trotz Wirtschaftskrise und Spannungen mit dem Westen trägt dazu auch ein kleiner Grenzverkehr mit Polen bei.

In der polnischen Grenzregion zur russischen Exklave Kaliningrad (ehemals Königsberg) wäre ohne die Russen wohl nicht viel los. "Polnischer Käse" und "Polnischer Honig" locken Schilder am Straßenrand zahlungswillige Besucher - auch auf Russisch. Seit vier Jahren entdecken die Kaliningrader die polnischen Bezirke Ermland-Masuren und Pommern mit der Ostseemetropole Danzig als Einkaufs- und Naherholungsparadies. Möglich macht dies ein sogenannter kleiner Grenzverkehr.

Mit einem kreditkartengroßen Ausweis dürfen Kaliningrader und Bewohner der beiden polnischen Bezirke ohne Visum die EU- und Nato-Grenze passieren. Während die Russen vor allem zum Einkaufen nach Polen fahren, locken günstige Benzinpreise die Polen ins Nachbarland.

Langsam rumpelt der russische Reisebus in die polnische Ortschaft Braniewo sechs Kilometer hinter der Grenze. Bunte Schilder großer Handelsketten grüßen am Ortseingang. Auch deutsche Anbieter wie Lidl, Deichmann und Rossmann haben sich strategisch günstig an der Ausfallstraße niedergelassen. Autos mit russischen Kennzeichen belagern die Parkplätze, Russen schieben randvolle Einkaufswagen aus den Läden und packen sich den Kofferraum voll. 

Hunderttausende "Wurstkarten" ausgestellt

Der Kaliningrader Busfahrer Sergej fährt mehrmals die Woche Russen nach Polen und kauft dabei ein: Toilettenpapier, Waschmittel, Würste. "Das lohnt sich. Manches ist bis zu 50 Prozent billiger." Hunderttausende der rund eine Million Kaliningrader haben sich seit 2012 den Ausweis für den kleinen Grenzverkehr angeschafft, von manchen im Scherz auch "Wurstkarte" genannt. Insgesamt 6,5 Millionen Grenzübertritte gab 2015, etwas mehr als die Hälfte davon von Polen. 

Anfang Juli hatte Warschau die Sonderregel überraschend ausgesetzt und dies mit Sicherheitsbedenken vor Nato-Gipfel und Papst-Besuch Ende Juli beim Weltjugendtag begründet. Das russische Außenministerium erwartet die Wiederaufnahme ab August. Russische Experten sehen im kleinen Grenzverkehr einen wichtigen Faktor für die Entwicklung der Region. Die Sonderregel trage nicht nur zum Wohlstand bei, sondern baue auch Brücken, sagt der Politologe Ilja Tarassow. "Unsere Forschung hat ergeben, dass die Kaliningrader mehr als früher mit den Polen sympathisieren", sagt er im sonnigen Hof der Kaliningrader Universität, die nach dem deutschen Philosophen Immanuel Kant aus dem alten Königsberg benannt ist. 

Doch die russische Wirtschaftskrise macht sich bemerkbar: 2015 ging die Zahl der Grenzübertritte um eine halbe Million im Vergleich zum Vorjahr zurück. Die Abwertung des russischen Rubel zum Euro und Zloty drücke die Konsumfreude der Russen, erklärt Tarassow. "Der Preisunterschied ist nicht mehr so groß, dass man jede Woche in Polen einkaufen könnte." Auch nach polnischen Angaben wurden die Gäste aus Kaliningrad sparsamer und gaben 2015 umgerechnet rund 40 Millionen Euro aus, 4,5 Millionen Euro weniger als im Vorjahr. 

"Manchmal kommt die Polizei"

Liebhaber von polnischer Wurst kommen in Kaliningrad aber auch ohne die Reise über die Grenze auf ihre Kosten. Leberwurst, Aufschnitt, Schokolade - in den Auslagen von Händlerin Kristina liegen fast nur Lebensmittel mit polnischem Etikett. Jeden Tag bietet sie an ihrem Marktstand in der Nähe des Südbahnhofs ihre in Russland seit zwei Jahren mit einem Embargo belegten West-Waren an. 

Eigentlich hat Russland den Verkauf von Fleisch, Milchprodukten und Rohkost aus EU-Staaten 2014 verboten. Der Importstopp ist Moskaus Reaktion auf EU-Sanktionen gegen Russland in der Ukraine-Krise. Kürzlich hatte die Regierung das Embargo bis Ende 2017 verlängert. Von dem Verbot lässt sich Kristina nicht abschrecken. "Manchmal kommt die Polizei", erzählt sie. "Dann müssen wir eine Strafe zahlen." Mal seien es 500 Rubel, mal 5000 (7 bis 70 Euro). "Das ist völlig unberechenbar." Zuletzt habe sie aber Ruhe gehabt vor Kontrollen. "Früher sind sie jede Woche gekommen. Das war unangenehm", sagt sie. 

Wer große Mengen einkaufen will, fährt dennoch selbst mit dem Auto oder seltener auch mit dem Bus die gut 60 Kilometer bis Braniewo, dem nächsten polnischen Ort. Doch die Reise hat ihre Tücken. "Bei den Polen dauern die Kontrollen immer länger als bei den Russen", stöhnt Busfahrer Sergej. An diesem Junitag steht sein Bus allein 75 Minuten in der polnischen Passkontrolle, die russische dauert 30 Minuten. Auch auf der Rückfahrt nach Kaliningrad wird der Grenzübertritt am Abend insgesamt rund zwei Stunden dauern. Mal eben rüberfahren zum Einkaufen oder Tanken wird damit zur Illusion.

Quelle: ntv.de, Thomas Körbel, dpa