Wirtschaft

Weltmacht im Blindflug Der Sorgenberg der Fed

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Symbolbau der US-amerikanischen Geldpolitik: Das Hauptgebäude der Federal Reserve in Washington, D.C.

(Foto: AP)

Washingtons Währungshüter sind nicht zu beneiden: Seit mehr als fünf Jahre steuert die Fed durch volkswirtschaftlich unkartiertes Gelände. Ein falsches Wort genügt, und die Märkte stürzen in neue Turbulenzen. Ein Blick auf die Zinsentwicklung offenbart einen Berg voller Sorgen.

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Führungswechsel in Obamas zweiter Amtszeit: Fed-Chef Ben Bernanke (r.) mit seiner designierten Nachfolgerin, Janet Yellen (l.).

(Foto: REUTERS)

In den Vereinigten Staaten zeichnen sich tiefschürfende Veränderungen ab: Die jüngste Runde im Washingtoner Haushaltsstreit haben die USA gerade erst glücklich überstanden. Der befürchtete Totalausfall, die technische Zahlungsunfähigkeit der weltgrößten Wirtschaftsmacht, bleibt bis auf weiteres aus. Nach der neuerlichen Beinahe-Pleite rechnen Beobachter damit, dass die Währungshüter um Fed-Chef Ben Bernanke auch bei ihrer zweitägigen Sitzung Ende Oktober geldpolitisch wohl auf dem Gaspedal bleiben.

Eine Änderung am US-Leitzins, der Federal Funds Rate, steht nach gängiger Marktmeinung zunächst zwar noch nicht zu erwarten. Doch mittelfristig bleibt der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) keine Wahl: Früher oder später muss die Fed ihre expansive Geldpolitik zurückfahren. Der Leitzins kann nicht ewig in einer Spanne von 0,00 bis 0,25 Prozent bleiben:

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Ein Blick auf die langfristige Entwicklung zeigt: Die wichtigste geldpolitische Stellschraube der US-Notenbank liegt seit nunmehr fast fünf vollen Jahren auf historisch niedrigem Niveau - so tief und so lange wie noch niemals zuvor in der US-amerikanischen Wirtschaftsgeschichte. Die Wirkungen des billigen Geldes bereitet mittlerweile längst nicht mehr nur Fachleuten große Sorgen. Rund um die Welt drohen Märkte, Währungsräume und Kapitalströme unter dem Eindruck rekordniedriger Niedrigzinsen aus der Balance zu geraten. Der unablässige "Dollar-Sog" bringt vor allem die Schwellenländer zunehmend in Schwierigkeiten.

"Ich denke, es wird Januar oder März"

Die Trendwende bei den US-Zinsen begann im September 2007. Ein Jahr später, im Herbst 2008, war die weltweite Finanzkatastrophe nicht mehr aufzuhalten. Ausgehend vom US-Hypothekenmarkt und dem ungezügelten Handel mit unüberschaubaren Kreditrisiken entfaltete sich die Finanzkrise vor den Augen entsetzter Beobachter. Der Koloss Lehman ging Pleite, die US-Wirtschaft taumelte, die Arbeitslosenzahlen schwollen an. Um die Konjunktur zu stützen, schraubte die Fed den Leitzins bis auf die schmale Spanne von 0,0 bis 0,25 Prozent zurück. Seitdem rührt sich der Leitzins für den Dollar-Raum nicht von der Stelle.

Einen Zeitplan für den "Exit" aus der akuten Krisenpolitik gibt es offiziell nicht. Wenn die Währungshüter um Fed-Chef Ben Bernanke an diesem Mittwoch ihren weiteren Kurs abstecken, werden sie die Wirtschaft voraussichtlich weiterhin mit Konjunkturspritzen im Volumen von monatlich 85 Milliarden Dollar aufpäppeln. Den Einstieg in den Ausstieg aus der Politik des ultra-billigen Geldes wird die Federal Reserve nach Ansicht vieler Experten erst nächstes Jahr wagen: "Ich denke, es wird Januar oder März werden", prophezeit US-Ökonom Scott Brown vom Finanzdienstleister Raymond James in Florida. Brown spricht damit aus, was viele Marktteilnehmer denken - wenn nicht doch noch ein neuer Parteienstreit dazwischen funkt.

Notenbanker in der Klemme

Ein schlecht vorbereiteter Ausstieg dürfte die Märkte allerdings schwer erschüttern. Seit Monaten zählt die Exit-Debatte zu den beherrschenden Themen im Handel mit Devisen, Rohstoffen und Aktien. Zuletzt lösten Spekulationen um einen angeblich bevorstehenden Kurswechsel im Sommer scharfe Kursreaktionen aus. Im Vertrauen auf eine anhaltende Versorgung mit billiger Liquidität hangeln sich Dax, Dow und S&P-500 seitdem von Rekordmarke zu Rekordmarke. Die Fed-Experten stecken damit in einer höchst unangenehmen Klemme: Drehen sie den Geldhahn zu, riskieren sie erhebliche Verwerfungen. Und diesmal trügen sie die Schuld.

Kleinere Anzeichen deuten darauf hin, dass sich die Währungshüter ihrer heiklen Lage mehr als bewusst sind: So wird zum Beispiel Bernanke diesmal nach dem Zinsbeschluss nicht vor die Presse treten, um den geldpolitischen Kurs zu erläutern. Auch wenn sich in dem üblicherweise in trockener Ökonomensprache verfassten Begleittext nichts Neues finden sollte, dürfte dies für die Märkte eine gute Nachricht sein. Denn wenn die Fed an den Ankäufen von Wertpapieren in vollem Umfang festhält, wird der Geldsegen die Kauflaune an der Wall Street und Aktienmärkten in Übersee beflügeln: Auch der Dax könnte seinen Rekordkurs fortsetzen und weit in die Bereiche jenseits der 9000-Punkte-Marke steigen.

Thema Staatspleite noch nicht vom Tisch

Noch im Spätsommer hatte es so ausgesehen, als würden die Anhänger einer sehr lockeren Geldpolitik in der Fed-Führung - im Fachjargon "Tauben" genannt - angesichts der Konjunkturerholung allmählich den Rückzug einleiten. Doch der Haushaltsstreit in Washington und seine nicht absehbaren Folgen für die größte Volkswirtschaft der Welt haben die Notenbank ausgebremst.

"Die Tauben müssen dieses Mal nicht lange nach Gründen suchen, um das Wertpapierkaufprogramm unverändert fortzusetzen", meint Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Der durchwachsene Arbeitsmarktbericht im September und die Sorgen um die Konjunktur nach der Beinahe-Pleite liefern Argumente für ein Festhalten an der lockeren Geldpolitik.

Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater schließt jedoch nicht aus, dass Bernanke die Dosis seiner Krisenmedizin früher verringert und dieses sogenannte "Tapering' noch 2013 einleitet: "Spannend wird, ob und wie stark die Fed die gerade noch verhinderte Staatspleite thematisiert. Vermutlich wird es Eingang in das Statement finden, aber das Tor für den Tapering-Beginn im Dezember offen lassen."

Eine fast übermenschliche Aufgabe

Obwohl der Kongress die US-Regierung mit einer Einigung in letzter Minute vor der Zahlungsunfähigkeit bewahrte, sind die Folgen des vorübergehenden Haushaltsnotstands noch immer nicht abzusehen. Weil 800.000 Bundesbedienstete in Zwangsurlaub geschickt wurden, werden zudem viele Konjunkturdaten verspätet veröffentlicht. Diese benötigt die Fed zur Beurteilung der Lage aber dringend. In ihrem jüngsten Konjunkturbericht war lediglich von einer "moderaten Erholung" die Rede.

Wie stark die Wirtschaft im Sommer gewachsen ist und wie sich der Jobmarkt im Oktober entwickelt hat, wird die Notenbank daher mit Sicherheit erst Anfang November wissen. Die Fed, die die Wirtschaft Richtung Vollbeschäftigung lenken soll, hat somit derzeit keine freie Sicht. Laut Fed-Führungsmitglied Charles Evans wird es noch Monate dauern, bis sich der Nebel lichtet. Anfang 2014 wird Fed-Chef Bernanke seine Amtsgeschäfte dann an seine Nachfolgerin Janet Yellen übergeben. Bernankes Amtszeit läuft zum 31. Januar 2014 aus. Zum ersten Mal in der Geschichte der USA wird dann eine Frau das mächtige Notenbanksystem lenken. Auf Yellen warten beinahe übermenschliche Aufgaben: Über kurz oder lang wird sie auch das Thema "Zinswende" nach oben auf die Agenda packen müssen.

Quelle: n-tv.de, mmo/rts

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