Wirtschaft
Mit mehr als 240 Millionen Einwohnern ist der Inselstaat schon heute das viertgrößte Land der Welt - 2025 sollen es 272 Millionen sein.
Mit mehr als 240 Millionen Einwohnern ist der Inselstaat schon heute das viertgrößte Land der Welt - 2025 sollen es 272 Millionen sein.(Foto: REUTERS)
Samstag, 14. September 2013

"Hier locken Aufträge": Deutsche Firmen entdecken Indonesien

Indonesien ist für Exporteure das perfekte Pflaster. Das größte muslimische Land der Welt lockt mit einem gewaltigen Binnenmarkt. Von Fresenius bis VW, viele deutsche Firmen sind vor Ort. Wer hier produziert, erreicht 600 Millionen Verbraucher in der Region. Paradiesisch sind die Zustände trotzdem nicht.

Mit 200 Millionen Moslems ist Indonesien den Staat mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt. Der Islam ist aber nicht Staatsreligion.
Mit 200 Millionen Moslems ist Indonesien den Staat mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt. Der Islam ist aber nicht Staatsreligion.(Foto: REUTERS)

Deutschlands Exporteure müssen sich in neuen Boom-Märkten in Stellung bringen. Denn in der Euro-Zone kriselt es. Mittlerweile stecken aber auch viele Schwellenländer in der Flaute. Aufstrebender Stern ist allerdings das größte muslimische Land der Welt: Indonesien. Hier versuchen viele deutsche Firmen Land zu gewinnen. "Bei den Unternehmen ist Indonesien derzeit ein Renner", sagt Benjamin Leipold, Asien-Experte des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK).

Noch ist das Niveau allerdings vergleichsweise bescheiden, doch die Wachstumsraten sind schon jetzt so riesig wie das Potenzial: 2012 stiegen die deutschen Warenexporte in die Republik um mehr als 47 Prozent auf 3,1 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr 2013 ging es noch einmal um fast 23 Prozent auf gut 1,7 Milliarden Euro nach oben. Zum Vergleich: Die gesamten Exporte fielen in diesem Zeitraum um 0,6 Prozent, die nach China um 5,9 Prozent und nach Indien sogar um 8,6 Prozent. Bis 2015 soll der bilaterale Handel auf etwa zwölf Milliarden Euro steigen.

Bald schon vor Deutschland

Indonesien lockt mit einem gewaltigen Binnenmarkt. Mit mehr als 240 Millionen Einwohnern ist der Inselstaat schon heute das viertgrößte Land der Welt - 2025 sollen es 272 Millionen sein. Bis 2060 steigt es zur sechstgrößten Volkswirtschaft der Welt auf und überholt dabei auch Deutschland, wie die Industriestaaten-Organisation OECD voraussagt. Schon in den vergangenen zehn Jahren wuchs die Wirtschaft im Schnitt um fünf Prozent.

Die indonesische Wirtschaft hat eine Wachstumsrate von fünf Prozent.
Die indonesische Wirtschaft hat eine Wachstumsrate von fünf Prozent.(Foto: REUTERS)

Kein Wunder, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel 2012 mit einer großen Wirtschaftsdelegation in die Hauptstadt Jakarta reiste. Beim Gegenbesuch von Präsident Susilo Bambang Yudhoyono im März in Berlin machte sie sich für ein Freihandelsabkommen mit der EU stark. "Wenn Europa nicht zurückfallen will, auch Deutschland seinen Anteil an den wirtschaftlichen Beziehungen haben will, dann brauchen wir ein Freihandelsabkommen", so die Kanzlerin.

Nicht nur als Absatzmarkt ist der größte Staat Südostasiens interessant, sondern zunehmend auch als Produktionsstandort. "Wer dort produziert, erreicht mit einem Schlag 600 Millionen Menschen", sagt DIHK-Experte Leipold - fast so viele wie die Euro-Länder und die USA zusammen. Denn gemeinsam mit anderen asiatisch-pazifischen Staaten (Asean) wie dem Nachbarn Malaysia und Vietnam plant Indonesien einen gemeinsamen Binnenmarkt. Schon jetzt fallen im zwischenstaatlichen Handel nur noch Zölle von maximal fünf Prozent an, die bis 2015 vollkommen abgeschafft werden sollen.

"Investitionen tragen nun Früchte"

Im internationalen Standortwettbewerb hat der Inselstaat erheblich Boden gut gemacht. Nach einer Studie des Weltwirtschaftsforums (WEF) belegt es im Ranking der wettbewerbsfähigsten Nationen einen beachtlichen 38. Platz. Es machte damit zwölf Plätze gut und liegt nur noch einen Rang hinter Thailand und nur knapp hinter China (Nummer 29), aber deutlich vor anderen großen Schwellenländern wie Südafrika (53), Brasilien (56), Indien (60) und Russland (64). Hauptgrund für die wachsende Konkurrenzfähigkeit ist die verbesserte Infrastruktur. "Nach Jahren der Vernachlässigung hat Indonesien seine Ausgaben dafür gesteigert und Straßen, Häfen, Wasseranlagen und Kraftwerke modernisiert", betonen die WEF-Experten. "Das trägt nun Früchte."

Eine Indonesierin läuft vor einem Plakat für Luxuswohnungen. Fast ein Drittel der 241 Millionen Menschen im Inselstaat leben in Armut.
Eine Indonesierin läuft vor einem Plakat für Luxuswohnungen. Fast ein Drittel der 241 Millionen Menschen im Inselstaat leben in Armut.(Foto: REUTERS)

300 Milliarden Euro will die Regierung bis 2025 in die Hand nehmen, um die Infrastruktur weiter zu verbessern. Für die deutsche Wirtschaft, deren Know-how gerade auf diesem Gebiet international gefragt ist, ist das eine große Chance. "Hier locken Aufträge", erklärt Leipold. Das aus mehr als 17.000 Inseln bestehende Land kann sich weitere Investitionen leisten: Mit einem Schuldenstand von 24 Prozent des Bruttoinlandsproduktes steht Indonesien weit besser da als die Industriestaaten und viele andere große Schwellenländer. Zum Vergleich: Der Schuldenberg des deutschen Staates entspricht gut 80 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Von Fresenius bis VW

Etwa 300 deutsche Unternehmen sind bereits vor Ort. Die großen Konzerne geben sich inzwischen die Klinke in die Hand:

- Indonesien ist für HeidelbergCement bereits der größte asiatische Markt. Die Tochter Indocement erzielte dort im vergangenen Jahr ein Rekordergebnis. "Vor dem Hintergrund der erwarteten Forcierung von Infrastrukturprojekten durch die indonesische Regierung hat Indocement sein Transportbetongeschäft gestärkt und neue Werke und Fahrmischer in Betrieb genommen", so der Baustoffkonzern.

- Der Gesundheitskonzern Fresenius verzeichnet in Indonesien einen großen Sprung im Geschäft mit Nachahmer-Arzneien. Die Tochter Fresenius Kabi übernimmt 51 Prozent an der Pharmafirma PT Ethica Industri Farmasi. Pharma-Experten rechnen damit, dass sich der Markt bis 2018 auf rund 7,1 Milliarden Euro verdoppelt. Die indonesische Regierung hat ein großangelegtes Gesundheitsprogramm geplant, mit dem 2019 fast alle Einwohner eine moderne Gesundheitsversorgung erhalten sollen.

- Volkswagen ist nach langer Suche nach einem geeigneten Werksstandort im wachsenden Automarkt in Südostasien offenbar fündig geworden. Indonesiens Industrieminister Mohamad Hidayat kündigte an, VW werde noch in diesem Jahr den Bau einer Autofabrik in seinem Land bekanntgeben - mit einer anfänglichen Investition von 200 Millionen Euro. Analysten erwarten, dass sich die Kfz-Neuzulassungen bis 2020 von zuletzt 1,1 auf dann 2,7 Millionen erhöhen werden.

Ein Großauftrag zwischen EADS und Lion Air wurde im März im Élysée-Palast im Beisein von Frankreichs Präsident Francois Hollande unterschrieben.
Ein Großauftrag zwischen EADS und Lion Air wurde im März im Élysée-Palast im Beisein von Frankreichs Präsident Francois Hollande unterschrieben.(Foto: REUTERS)

Auch so manchen Großauftrag haben die Unternehmen aus Indonesien schon an Land gezogen, der zuhause für gut ausgelastete Betriebe sorgt:

- Der europäische Flugzeugbauer Airbus zog in Indonesien zum Beispiel den größten Auftrag seiner Geschichte an Land: Der Billigflieger Lion Air bestellte 234 Flugzeuge für insgesamt 18,4 Milliarden Euro.

- Der Rüstungskonzern Rheinmetall modernisiert gebrauchte Panzer des Typ Leopard 2 und Marder für den Export nach Indonesien. Der Auftrag soll ein Volumen von 217 Millionen Euro haben.

Korruption bleibt problematisch

So verlockend die Aussichten auch sind: Indonesien hat noch etliche Schwachstellen. Korruption ist immer noch ein großes Problem. Auf dem Korruptionsindex von Transparency International belegt das Land Rang 118 - gemeinsam mit Ecuador, Ägypten und Madagaskar. Mehr als 50 Importbarrieren, die bis hin zu Zulassungsbeschränkungen für Schuhe reichen, hemmen den Handel. Auch mangelnde Rechtssicherheit ist ein Problem.

Und der aktuelle Kursverfall der Rupie zeigt, wie empfindlich die heimische Währung reagieren kann. Das nahende Ende der extrem lockeren Geldpolitik in den USA hat einen Kurssturz ausgelöst.

Allerdings sehen Experten darin auch etwas Gutes. "In vielen Ländern, die in der Vergangenheit überwiegend von Exporten an Industrieländer abhängig waren, hat nun die Binnennachfrage eine wichtigere Rolle", erklärt Anoop Singh, beim Internationalen Währungsfonds in Washington zuständig für Asien. Auch die indonesische Wirtschaft dürfte künftig stärker von Investitionen und dem inländischen Konsum getragen werden. Das sind gute Nachrichten für die deutschen Firmen, haben sie doch die passenden Produkte im Programm - von Kraftwerken bis zu Autos.

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Quelle: n-tv.de