Wirtschaft

Mit Rabatten gegen Inflation Die Türkei schiebt die Wirtschaftskrise auf

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Die Rabatte gelten nur temporär. Ab Anfang nächsten Jahres drohen die gestiegenen Erzeugerpreise sowie die massiv erhöhten Zinsen voll durchzuschlagen.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Der Absturz der Lira sorgt zeitweise für Panik an den Finanzmärkten und bei Unternehmen in der Türkei. Inzwischen hat sich die Währung stabilisiert. Rabatte drücken die Inflation und heizen den Konsum an. Doch die Krise ist keineswegs überwunden.

Der junge Mann kann seine Begeisterung kaum zurückhalten. Die Kunden "strömen" in sein Haushaltswarengeschäft im "Armada"-Einkaufszentrum in Ankara, erzählt der Verkäufer. Und die Leute greifen zu wie seit langem nicht. Der Mann zeigt auf ein Besteckset, um 70 Prozent reduziert. "Viele kaufen nicht nur eines für den eigenen Haushalt, sondern gleich noch ein zweites als Geschenk." Auch für Geschirr, Pfannen und Töpfe bietet der Haushaltswarenladen massive Rabatte. Verkäufer in anderen Geschäften in Ankara berichten ebenfalls von einem Ansturm auf reduzierte Waschmaschinen, auf Anzüge oder Smartphones.

Türkische Lira / US-Dollar
Türkische Lira / US-Dollar ,17

Was die Menschen in Ankara in die Läden treibt, ist kein gewöhnlicher Schlussverkauf, sondern der von der türkischen Regierung ausgerufene Kampf gegen die Inflation. Auf Plakaten an den Straßen, auf Videoleinwänden in den Einkaufszentren und in Werbespots im Fernsehen werden die Sonderangebote nicht mit Slogans wie "Schlussverkauf" oder "Alles muss raus" angepriesen, sondern mit Parolen wie "mit aller Kraft gegen die Inflation" und "die Türkei wird siegen".

Gut einen Monat zuvor herrschte noch akute Krisenstimmung in der Türkei. Die Inflationsrate war im Oktober auf über 25 Prozent geklettert. Die türkische Lira befand sich im freien Fall. Zeitweise hatte die Währung gegenüber dem Dollar die Hälfte ihres Wertes im Vergleich zum Jahresbeginn eingebüßt, was wiederum Importe dramatisch verteuerte und damit die Inflation weiter anheizte. Der Konsum, besonders bei teuren Gütern wie Autos brach ein.

In manchen Unternehmen breitete sich Panik aus. In einer nicht repräsentativen Spontanumfrage der deutsch-türkischen Handelskammer unter ihren Mitgliedern gaben auf dem Höhepunkt der Krise ein Drittel an, sie fürchteten, die Krise könne die Existenz ihres Unternehmens gefährden. Nicht nur explodierten durch den Lira-Verfall die Preise für Energie und Zulieferungen aus dem Ausland. Die Inflation fresse auch die Gehälter der Mitarbeiter in der Türkei auf, so die Befürchtung vieler Manager. Vor allem die gut ausgebildeten unter ihnen drohten ihn Scharen ins Ausland abzuwandern. Viele türkische Unternehmen und vor allem die Banken hatten sich zudem lange über Kredite und Anleihen aus dem Ausland finanziert. Durch den Währungsabsturz wuchs die in Lira berechnete Schuldenlast plötzlich dramatisch an.

Kostenvorteile für Exporteure

Die Finanzmärkte hatten zeitweise das Vertrauen verloren, dass die Türkei die Krise in den Griff bekommen könne. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hatte sich wiederholt gegen eine Erhöhung der Leitzinsen ausgesprochen, üblicherweise das erste Mittel einer Zentralbank, um eine Währung zu stabilisieren und die Inflation zu bekämpfen. Stattdessen präsentierte sein Schwiegersohn und Finanzminister Berat Albayrak ein Bündel unkonventioneller Maßnahmen. Dazu gehörte unter anderem der Kampf mit "aller Kraft gegen die Inflation", dem sich Tausende Geschäfte im ganzen Land mit Rabattaktionen anschlossen. Unternehmen, die an der Aktion teilnehmen, verpflichten sich offiziell alle ihre Waren, die in der Inflationsstatistik enthalten sind, mindestens zehn Prozent billiger anzubieten.

Tatsächlich ist wenige Wochen später von der Krisenstimmung kaum noch etwas zu spüren. Die Lira hat sich zwar nicht vollständig, aber doch deutlich von ihrem Absturz erholt. Die Abwertung gegenüber dem Dollar beträgt aktuell nach knapp 30 Prozent. Die Verbraucherpreise sind durch die Rabattaktionen zumindest zeitweise zurückgegangen. Mit dem Rabatt von rund 70 Prozent kosteten seine Bestecksets nun etwa so viel wie vor zwei Jahren, erklärt der Verkäufer in der "Armada" Mall. Er zieht gar eine positive Bilanz der Krise: Im Herbst herrsche normalerweise stets Flaute in seiner Branche, so der Verkäufer, nach Ende der sommerlichen Hochzeitssaison ließen die Käufe von Ausstattungen für Haushalte normalerweise nach. Dieses Jahr habe der Kampf gegen die Inflation dagegen einen kleinen Boom entfacht.

Auch für exportorientierte Industriebetriebe hat die Situation Vorteile. "Wir können preislich noch aggressiver auf dem Weltmarkt auftreten", berichtet ein Manager von Turkish Aerospace. Dem Luft- und Raumfahrtkonzern, der unter anderem für Boeing und Airbus produziert, verschafft die Abwertung der Lira spürbare Kostenvorteile.

"Handbremse auf der Autobahn angezogen"

Erdogans Sprecher und Sonderberater Ibrahim Kalin gibt sich überzeugt, dass die Krise damit endgültig abgewendet ist. "Die Lira hat sich erholt, das Vertrauen der Wirtschaft geht zurück und die Situation wird sich von nun an langsam aber sicher wieder weiter verbessern", sagt Kalin. Dass die Türkei von der Währungs- in eine Finanz- oder gar eine tiefe allgemeine Wirtschaftskrise rutschen könnte, hält der Erdogan-Vertraute für ausgeschlossen.

Dieser Optimismus könnte allerdings verfrüht sein. Zwar hat sich die Inflation, gemessen an den Konsumentenpreisen, etwas stabilisiert. Doch die Erzeugerpreise waren in den vergangenen Monaten um mehr als 40 Prozent im Jahresvergleich gestiegen. Diese Preissteigerungen dürften irgendwann auch bei den Konsumenten ankommen. Die Rabatte im von der Regierung ausgerufenen Kampf gegen die Inflation gelten zunächst nur bis Ende des Jahres. Danach könnten viele Einzelhändler gezwungen sein, ihre stark gestiegenen Einkaufspreise an die Kunden weiterzureichen.

Außerdem hat auf dem Höhepunkt des Lira-Absturzes die Zentralbank trotz der ablehnenden Haltung Erdogans die Zinsen erhöht, und zwar in zwei massiven Schritten von 8 auf 24 Prozent. Dies dürfte der eigentliche Grund dafür sein, dass die Lira ihren Absturz stoppte und eine unmittelbare Finanzkrise verhindert wurde. Doch der langfristige Preis dafür ist hoch. "Das ist, als wenn man auf der Autobahn plötzlich die Handbremse anzieht", warnt Thilo Pahl. Für Unternehmen heißt dies, dass Kredite fast unerschwinglich werden. Das dürfte mittelfristig die Investitionen und damit die Wirtschaft insgesamt abwürgen.

Quelle: n-tv.de