Wirtschaft

Politische Unruhe im Land am Nil Droht Kairo die Kapitalflucht?

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Im Zentrum Kairos: Die Polizei versucht, die Proteste gegen das Regime einzudämmen.

Die Proteste in Ägypten sorgen unter Schwellenland-Investoren für große Unruhe. Nach den Kursstürzen im Aktienhandel halten Beobachter weitere Rückzugsreflexe für möglich. Anders als in Tunesien oder Algerien könnten die Spannungen in Kairo eine zusätzliche Dynamik entfalten.

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Steinplatten statt Parkett: An der Börse in Kairo (Archivbild).

(Foto: REUTERS)

Die Unruhen in Ägypten könnten nach Einschätzung von Analysten eine Kapitalflucht aus der ganzen Region auslösen. "Je mehr sich die Spannungen im Nahen Osten und Nordafrika verstärken, desto eher dürften Anleger bereit sein, ihre Gewinne zu sichern und Investitionen in der Region zu meiden", sagte Tom Dorsey, Präsident des Anlageberaters Dorsey, Wright & Assoc.

Ägypten hatte sich zuletzt zum Liebling vieler Investoren vor allem aus Afrika und dem Nahen Osten gemausert. Der Aktien-Leitindex EGX30 gewann 2010 rund 15 Prozent an Wert. Aufmerksam geworden auf den Markt war auch die US-Bank Goldman Sachs, die Ägypten als eines der "Next Eleven"-Länder betrachtet - elf Länder, denen der Aufstieg zu Schwellenländern zugetraut wird. An den Nil gelockt wurden die Investoren von der Bereitschaft der Regierung in Kairo zu Reformen im Finanzsektor, der wachsenden privaten Nachfrage und der Einschätzung, ägyptische Aktien seien unterbewertet. Die sehr junge Bevölkerung Ägyptens hatte zudem Hoffnungen genährt, dass die Wirtschaft des Landes vor einem kräftigen Wachstum steht.

Die Jugend begehrt auf

Doch gerade dieses Potenzial erwies sich nun Sprengstoff, so dass sich das Blatt am Kapitalmarkt gegen Ägypten wendete. Analysten sehen die hohe Jugendarbeitslosigkeit - sie liegt der Weltbank zufolge in der Region bei 30 Prozent und damit etwa doppelt so hoch wie in Lateinamerika - neben steigenden Lebensmittelpreisen als Ursache für die teils gewaltsamen Unruhen in mehreren nordafrikanischen Staaten. "Eines der Risiken in der Region ist eine Destabilisierung der Politik", warnt Ghadir Abu Leil-Cooper, Leiter des Bereichs Schwellenländer-Aktien bei Baring Asset Management.

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Pulsierende Metropole am Nil: Im Großraum Kairo leben je nach Schätzung bis zu 25 Millionen Menschen.

(Foto: REUTERS)

Hatten die jüngsten Ereignisse in Tunesien und Algerien wegen des geringen Anteils ausländischer Investoren an den dortigen Finanzmärkten kaum Unruhe ausgelöst, so wuchs mit dem Übergreifen der Proteste auf Ägypten die Nervosität. Das Vertrauen ausländischer Anleger, die in den vergangenen fünf Jahren durchschnittlich 16 Prozent der ägyptischen Aktien hielten, brach rapide ein.

Der Anleihenmarkt wackelt

Daten der Citigroup zufolge sind allein zur Wochenmitte, als Tausende gegen den seit 1981 autoritär regierenden Präsidenten Husni Mubarak demonstrierten, 150 Mio. Dollar vom ägyptischen Anleihemarkt abgezogen worden. Am Donnerstag setzte sich der Vertrauensverlust fort: An der Börse in Kairo wurde der Handel zwischenzeitlich ausgesetzt, der EGX30 verbuchte einen Rekordverlust von 10,5 Prozent. Bereits am Vortag waren die Kurse um rund 6 Prozent eingebrochen.

Auch die Währung des nordafrikanischen Staates stand unter Verkaufsdruck und war zum Dollar zeitweise so billig wie seit sechs Jahren nicht mehr. Für einen Greenback wurden bis zu 5,8570 Ägyptische Pfund gezahlt. Sollten sich die Lage jedoch wieder beruhigen, könnte Ägypten nach Einschätzung von Analyst Robert Ruttman von der Credit Suisse wieder an Attraktivität gewinnen. Er hatte noch vor der jüngsten Eskalation seine Anlageempfehlung für das nordafrikanische Land kürzlich auf "neutral" von "overweight" zurückgenommen.

Deutschland ein wichtiger Handelspartner

Im Hinblick auf die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Ägypten und Deutschland dürften sich die Auswirkungen der Unruhen in Grenzen halten. Mit einem bilateralen Handelsvolumen von gut 3,5 Mrd. Euro rangiert Ägypten nur ganz knapp unter den ersten 50 der wichtigsten deutschen Handelspartner - allerdings mit steigender Tendenz. Als Kunde deutscher Waren erreichte das Land im Jahr 2009 Rang 43. Doch diese Zahlen zeigen nur die halbe Wirklichkeit. Die gesamte Mena-Region - die Länder in Nordafrika und Nahost - darunter Tunesien, wo gerade der lange Jahre autoritär regierende Präsident ins Exil vertrieben wurde - gilt wirtschaftlich als Zukunftsregion mit großen Wachstumsmöglichkeiten. Und an denen will die deutsche Wirtschaft angemessen teilhaben.

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Heimat Jahrtausende alten Kulturguts: Allein aus Deutschland kommen pro Jahr rund eine Million Touristen.

(Foto: REUTERS)

Die Unruhen, zunächst in Tunesien, nun in Ägypten, werfen die Frage auf, ob ein Flächenbrand in der Region droht. "Das sehe ich im Moment noch nicht", sagte der DIHK-Experte für die Region, Felix Neugart. Die Entwicklungen können nicht so ohne weiteres von einem auf das nächste Land übertragen werden. Groß betroffen sei die deutsche Wirtschaft in den Ländern von den jüngsten Ereignissen in Tunesien und Ägypten nicht. "Da ist momentan nichts zu spüren." Allerdings sei die politische Stabilität ein Faktor, der die Rahmenbedingungen für Engagements in einem Land mitbestimmten.

Südliche Nachbarn am Mittelmeer

"Die Mena-Region gewinnt nach der Krise (...) erstaunlich schnell an Fahrt", analysierten vor einiger Zeit Experten des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Viele der Länder dieses Raumes verzeichnen hohe Wachstumsraten. Zudem verleihen die großen Vorkommen an Öl und Gas, verbunden mit hohen Devisenreserven in einigen Ländern, der Region eine hohe Attraktivität. Der deutsche Außenhandel mit diesen Ländern erreichte 2009 mit insgesamt rund 40 Mrd. Euro - davon rund 30 Mrd. Euro Exporte - eine namhafte Größenordnung.

Ägypten allein ist, vor allem wegen seiner großen, rasch wachsenden Bevölkerungszahl von 80 Millionen und kräftiger Wachstumsraten für die deutsche Wirtschaft hochinteressant. Schon seit 1951 gibt es in Kairo eine Deutsch-Arabische Handelskammer, die sich um stärkere wirtschaftliche Bande zwischen beiden Ländern kümmert. Das Land ist nach Darstellung von Experten aus Regierung und Wirtschaft relativ gut durch die Krise der letzten Jahre gekommen. Die wirtschaftliche Entwicklung zeige mit Wachstumsraten von mehr als 5 Prozent in den letzten Jahren beständig nach oben. Ein Problem ist allerdings die Inflation: Ägypten kämpft seit längerem mit Teuerungsraten von mehr als 10 Prozent.

Blicke nach Deutschland

Lange Zeit Hauptabnehmer von ägyptischen Waren waren die USA. Allerdings ist inzwischen Europa mit Ländern wie Italien oder Spanien stärker geworden. Wichtigster Lieferant von Waren nach Ägypten sind noch die USA mit einem Anteil an den Gesamtimporten von knapp 11 Prozent im Jahre 2009. Deutschland lag mit 8 Prozent hinter China auf Rang drei. Insgesamt ist Deutschland für Ägypten also einer der wichtigen Handelspartner. Und für Deutschland ist das Land die Nummer drei unter den Partnerländern in der Region von Marokko im Westen bis Iran im Osten.

Den Aufschwung im bilateralen deutsch-ägyptischen Warenaustausch dokumentierten aktuelle Zahlen. Der deutsche Export etwa wuchs im ersten Halbjahr 2010 mit 22 Prozent kräftig und lag zur Jahresmitte bei rund 1,55 Mrd. Euro. Die Deutschen exportieren vor allem Maschinen, Fahrzeugteile, Elektronik oder Arzneimittel an den Nil. Andererseits fuhren zuletzt rund eine Million deutsche Touristen in das Land. Hier liegt eine Achillesferse für Ägypten, denn Touristen reagieren schnell verunsichert auf Unruhen. Deutschland stellte zuletzt nach Großbritannien und Russland die drittgrößte Urlauber-Gruppe.

Quelle: n-tv.de, Carolyn Cohn, Gernot Heller, rts

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