Wirtschaft

"Großprojekte in Diktaturen gehen schneller" Mehdorn lässt beim BER kräftig Dampf ab

BER Baustelle.jpg

Der Flughafen soll immer noch spätestens 2015 baulich fertiggestellt sein.

(Foto: picture alliance / dpa)

Flughafenchef Mehdorn schiebt seine zuletzt viel gepriesene Idee gepflegter Kommunikation beiseite und poltert. Selbst eine Baustelle in China erscheint ihm effektiver als eine in Berlin. Eine verbale Entgleisung wie ein Sturm im Wasserglas.

Mehdorn_Amtsjubiläum.jpg

Mehdorn poltert und ist glücklich.

(Foto: picture alliance / dpa)

Diplomatie und Mäßigung sind seine Stärke nicht, sagen Kenner von Hartmut Mehdorn. Der energische 71-Jährige ist von sich und seiner Sache prinzipiell überzeugt - und er macht keinen Hehl daraus. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Leise Töne sind auch nicht sein Ding, er mag es vollmundig. Sprüche wie "ich mache jetzt fertig" oder "einer muss es ja machen" gehen ihm leicht über die Lippen. Wird er kritisiert und hat er sich erst einmal warm geredet, gibt es kein Halten. Er pariert und kontert, und hat seinen Spaß dabei. So ist es auch diesmal.

Zum einjährigen Amtsjubiläum an der Spitze des BER wird Zwischenbilanz gezogen. Allen Beteiligten scheint es unter den Fingernägeln zu brennen. Nachdem Mehdorn zwölf Monate vergeblich versucht hat, das berlin-brandenburgische Milliardenprojekt auf die Zielgerade Richtung Eröffnung zu rollen, bricht sich der Unmut über den Stillstand auf der Dauerbaustelle Bahn. Und das auf beiden Seiten.

Bei den Anteilseignern, Bund und Ländern Berlin und Brandenburg, liegen die Nerven angesichts fehlenden Kostenplans und ungewissen Eröffnungstermins blank. Und auch Mehdorn scheint am Ende seiner Geduld. Der Tropfen, der das Fass vor knapp zwei Wochen zum Überlaufen brachte, war der Streit um das Nachtflugverbot am neuen Flughafen sowie damit verbundene Schallschutzauflagen.

Unterwegs auf Nebenschauplätzen

Mehdorn sieht seine Anstrengungen, den BER im Schnellverfahren fertigzustellen, im Augenblick vor allem von Brandenburg torpediert. Er kritisiert den Kampf mit immer neuen Widrigkeiten in Form von immer neuen Bauauflagen. Um den Streit zwischen Anteilseignern und Mehdorn beizulegen, musste Ende vergangenen Monats sogar ein Krisengipfel einberufen werden, bei dem Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke dem Manager öffentlich vorwarf, mit dem Schallschutz einen "Nebenkriegsschauplatz" aufzumachen. Kritiker stimmten in den Chor ein, Mehdorn solle endlich liefern.

Zwei Wochen später ist der Streit noch nicht beigelegt. Mehdron ätzt, ein Hauptstadt-Airport sollte 24 Stunden geöffnet sein. "So ist es auf der ganzen Welt". Sonst hätte man diesen Flughafen gar nicht bauen müssen, so Mehdorn. Seine ruppige Art sorgt erwartungsgemäß für Entrüstung.

Inzwischen scheint allen aber auch ein Stück weit klarer geworden zu sein, dass der derzeitige, vielleicht etwas ungehobelte oder auch kauzige Macher am BER, der einzige Hoffnungsträger der Region ist. Und Mehdorn nutzt die Gelegenheit, um Oberwasser zu demonstrieren und noch eins draufzusatteln. Deutschland sei bei der Umsetzung von Großprojekten deutlich im Nachteil zu undemokratischen Ländern wie China, sagte er jetzt der "Bild am Sonntag". "In einer Diktatur wie China geht alles ganz schnell, Budgets werden nicht demokratisch kontrolliert." In Deutschland gebe es eine große Nebelwand, "bei uns sind die Spielregeln nicht mehr klar, weil das Baurecht von niemandem mehr überblickt wird". Hinschmeißen will er deshalb aber nicht. Im Gegenteil.

Zeitplan steht: BER ist 2015 fertig

Mehdorn gibt sich allen Rückschlägen zum Trotz und ungeachtet seines eigenen Ärgers weiterhin optimistisch. Der Flughafen soll immer noch spätestens in einem Jahr zumindest baulich fertiggestellt sein. "Wir haben ehrgeizige Ziele und eine klare Terminplanung. Dazu gehört, das Bauende noch in diesem Jahr, spätestens im nächsten Frühjahr zu erreichen." Dann könne man den Flughafen testen und in Betrieb nehmen. "Ich werde den BER ans Netz bringen", davon ist Mehdorn überzeugt. Er muss Tempo machen, sein derzeitiger Vertrag endet im Februar 2016. Übernächstes Jahr wäre demnach eine Punktlandung.

Mehdorn plant auch wieder größer. Das Terminal des alten Flughafens Schönefeld will er weiter nutzen, wie er ankündigt. "Wir wollen das Abfertigungsgebäude des bisherigen Flughafens Schönefeld modernisieren und als integrierten Bestandteil des BER nach dessen Eröffnung weiter nutzen." Damit ließe sich eine zusätzliche Check-in-Kapazität von sieben Millionen Passagieren schaffen und Zeit gewinnen, um die erforderlichen Erweiterungen am neuen Airport vorzunehmen. Der Aufsichtsrat werde in der nächsten Sitzung über dieses Konzept beraten.

Dass scheinbar niemand von seiner Performance überzeugt ist, kann den Flughafenchef nicht anfechten. Er ist mit seiner beruflichen Situation voll zufrieden. "Ich bin ein wunschlos glücklicher Mensch", sagte er im Interview. Schulnoten von Leuten, die seine Leistungen nicht beurteilen könnten, interessierten ihn nicht.

Es gibt keine Alternativen

Mehdorn hat einen entscheidenden Vorteil. Es gibt niemanden, der seine Arbeit übernehmen wollte oder könnte. Davon sind auch Experten wie der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus zum BER-Debakel, Martin Delius, überzeugt. Das Beschleunigungsprogramm Sprint gefloppt, die Teileröffnung abgeschmettert, Kostenplan Fehlanzeige, auch die Brandschutz-Matrix, die die Voraussetzung für die weiteren Bauarbeiten sind, kann Mehdorn nicht liefern. Trotzdem stellt Delius, der nicht als Freund Mehdorns bekannt ist, über diesen fest: "Man kann ihn nicht austauschen. Das hat er unfreiwillig geschafft. Er hat sich unentbehrlich gemacht."

Das ist es, was Mehdorn so gelassen macht und was ihm erlaubt, großspurig daherzukommen oder auch einfach mal herumzupoltern. Es gibt keine Alternative. Klar ist aber auch, "alleine kann Mehdorn mit dem Spaten den BER nicht fertigstellen", räumt auch Delius ein. Die Frage nach seinem Charakter sei nebensächlich. Auch ein "Heißsporn" könne einen Flughafen fertigstellen. Alle Beteiligten werden sich also zusammenraufen müssen.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema